“63” und die Kakophonie der “Experten” zur Finanz- und Wirtschaftskrise

by Dirk Elsner on 4. März 2013

Schon häufiger war die Kakophonie der “Experten” zur Finanz- und Wirtschaftskrise hier Thema im Blog. Zu jedem ökonomischen Sachverhalt liefern dutzende Fachleute und Politiker Einschätzungen, die diametral auseinander laufen. Selbst wenn zu einzelnen Äußerungen eine plausible Begründung geliefert wird, so zeigt allein die große Zahl der Reaktionen und Vorschläge, dass ein großer Teil der Äußerungen in die Rundablage gehören.

Für die Lösung der Schuldenkrise habe ich in den letzten Jahren in einer Mindmap der Schuldenkrise auf der rechten Seite 44 Maßnahmen und Vorschläge gesammelt und verlinkt. Trotz der unterschiedlichen Positionen, erscheinen viele Darstellungen auf den ersten Blick plausibel und nachvollziehbar.

Der Journalist und FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher hat den Irrsinn des  Expertentums nun ebenfalls in seinem neuen Buch EGO – Das Spiel des Lebens aufs Korn genommen und geht dabei auch kritisch mit der eigenen Zunft

“Und auch, wenn Journalisten so tun, als sei es das Normalste von der Welt, haben sich Experten, Nobelpreisträger, Politiker und Medien selbst in der Beurteilung eines vergleichsweise überschaubaren technischen Vorgangs zum Teil radikal widersprochen. Ihre Dialoge klingen wie die Art bruchstückhafter Funkverkehr, der in Katastrophenfilmen immer zu falschen Schlüssen führt:

  • »…es gibt keine Alternative, Over …«
  • »… scheitert der Euro, scheitert Europa, Copy…«
  • Diese Funksprüche werden in einem Kontext gesendet, den die Politik selbst vorgab:
  • »… die größte Krise seit der Großen Depression …«
  • »… das gesamte System vor dem Zusammenbruch …«
  • »… Armageddon…«”

Schirrmacher beschreibt weiter das mediale Hintergrundrauschen zur Krise:

“Journalisten, Experten, Talkrunden, die im 48-Stunden-Takt einander und sich selbst völlig widersprechende Deutungen liefern.

Es gibt wohl keinen Europäer, dem das Deutungs- und Meinungschaos der letzten Jahre entgangen wäre, einfach deshalb, weil es mit einem extremen Grad permanenter Wiederholung vermittelt und gesendet wird, gerade so, als würde durch die schiere Wiederholung der Sachverhalt geklärt. Das geschieht aber nicht deshalb, weil der Sachverhalt so komplex wäre, sondern weil er im wahrsten Sinne des Wortes bereits akustisch nicht zu verstehen ist. Und Pilot und Bodenstation können sich bekanntlich bei Unklarheiten, bei denen es um Leben oder Tod geht, nicht zusammensetzen, um die Dinge aus einer anderen Perspektive zu diskutieren, stattdessen wiederholen sie nur stets die gleiche Information, bis sie »kopiert«, also bestätigt wird.”

Schirrmacher kritisiert dann zu Recht, dass in den öffentlichen “Expertendiskussion” die verschiedenen Position nebeneinander stehen und sie oft mit keiner Silbe aufeinander eingehenden und “gewiss nie voneinander lernen” und selten zu einem Ergebnis kommen. Alles reduziere sich am Ende auf “Ja, Nein, Ausschluss, Einschluss (zum Beispiel Griechenlands), und am Ende klingt das alles so, wie es Neurowissenschaftler Ralph Gérard einst parodistisch voraussagte:

»Ein Mann geht allein auf eine Party und bemerkt, dass die Gäste dort einander Zahlen zurufen und dann lauthals zu lachen anfangen. Ein Anwesender erklärt: >Wir kennen viele Witze, und wir haben sie so oft erzählt, dass wir inzwischen nur noch eine Zahl für sie verwendend Der Mann denkt, er könne es auch einmal versuchen und sagt laut in die Runde: >63-< Die Reaktion fällt schwach aus. >Was ist los, ist das kein Witz?<, fragt er. >Doch, das ist sogar einer unserer besten Witze, aber Sie haben ihn nicht gut erzählt. “

Und damit sind wir wieder bei Kahneman und Taleb und den “narrativen Verzerrungen”. Es kommt gar nicht darauf an, ob das was erzählt wird, richtig oder falsch ist, sondern nur ob die Geschichte gut und plausibel erzählt wird. Ab hier könnte man nun den Beitrag “Die Illusion des Verstehens” weiterlesen.

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