Praktiker-Pleite: 20% auf alles – außer auf Experten

by Dirk Elsner on 12. Juli 2013

Mal wieder sorgt eine Pleite in Deutschland für Schlagzeilen. Das ist im Grunde nichts Ungewöhnliches. Im letzten Jahr gab es geschätzte 30.500 Firmenpleiten. Gestern hat es nun die Praktiker AG aus Kirkel erwischt. Sie hat Insolvenz angemeldet beim Amtsgericht in Hamburg.

Was dieser Fall einmal mehr in das Licht der Öffentlichkeit rückt sind zwei Auffälligkeiten, die eigentlich alle größeren Insolvenzfälle begleiten. Die Reaktion des Managements und die Reaktion des Experten, die mal wieder aus der Ferne und anhand eines Werbeslogans ganz genau die Ursache für die Pleite kennen.

Das Management machte den Niedergang bekannt mit einer “verschwurbelten” (Süddeutsche) Ad-hoc-Mitteilung am Mittwochabend, in der gleich mal die Schuld für die Insolvenz auf Dritte geschoben wird:

“Die Verhandlungen über zunächst Erfolg versprechende weitere Sanierungsfinanzierungen sind am Abend des 10. Juli 2013 gescheitert, weil einzelne Gläubigergruppen diesen nicht zugestimmt haben. Die alternative Finanzierungslösung war auch notwendig geworden, nachdem die Veräußerung der Anteile an der luxemburgischen Tochtergesellschaft Bâtiself S.A. kurz zuvor wegen Gremienvorbehalten auf Seiten des Käufers nicht abgeschlossen und somit die erwarteten Erlöse aus dem Verkauf nicht realisiert werden konnten. Diese Erlöse waren im Finanzierungskonzept aus dem Jahr 2012 fest eingeplant.”

Klar, kann man nicht erwarten, dass der Vorstand hier eigene Versäumnisse einräumt. Klassische Selbstüberschätzung ist insbesondere in den Chefetagen weit verbreitet. Da findet man immer jemanden, den man verantwortlich machen kann. Im Detail prüfen kann das ohnehin niemand.

Putzig ist aber wieder einmal die Reaktion der “Experten”, die natürlich sofort reflexartig aus der Ferne die Diagnose für die Pleite stellen. Die Rabattaktionen sind schuld, so etwa Stefan Kaiser auf Spiegel Online. Und so wird man es heute hundertfach lesen und weiter hören können. Für mich ist das wieder einmal eine typische Ad-hoc-Erklärung, die alle plausibel finden, die deswegen aber nicht stimmen braucht. Hier wird gleich wieder eine Legende nach dem Muster aufgebaut, wie “Die Lehman-Pleite hat die Finanzkrise ausgelöst.” Natürlich, der Slogan "20 Prozent auf alles – außer Tiernahrung", ist legendär und hat häufig für Kopfschütteln bei Fachleuten gesorgt. Aber mit Sicherheit wird diese Rabattstrategie nicht die Ursache für die Pleite gewesen sein.

Als ich von Hamburg nach Bielefeld umzog, waren wir ein einziges Mal in einem Praktiker Baumarkt. Möglich, dass es damals auch die Rabatte gab. Ich erinnere mich genau, dass wir nichts gekauft haben. Die Preise wirkten nur optisch attraktiv. Wir fanden entweder nicht die gewünschten Produkte oder hatten den Eindruck, die Qualität stimmte nicht. Außerdem wirkte das Ambiente unprofessionell und wuselig.

Unternehmenserfolge und Misserfolge folgen keinen einfachen linearen Mustern, sondern haben verschiedenste Ursachen. Ich habe das 2009 einmal sehr ausführlich dargestellt in dem Beitrag “Krisenmanagement: Mögliche Ursachen von Unternehmenskrisen”. Nach den damals erwähnten Untersuchungen liegt der Schwerpunkt in Managementfehlern. Dahinter verbergen sich u.a. folgende Versäumnisse:

  • 79% fehlendes oder mangelhaftes Controlling
  • 76% Finanzierungslücken
  • 72% unangepasste Strategie und Vermarktungskonzept (Marketing)
  • 64% unzureichendes Debitorenmanagement/Mahnwesen
  • 57% autoritäres, rigides Führungsverhalten
  • 44% mangelhafte Transparenz, Organisation und Kommunikation

Vielleicht schaut man ja bei Praktiker noch einmal genauer hin und erfährt in den nächsten Tagen und Wochen mehr. In jedem Fall sollten wir den schnellen Erklärungen misstrauen.

Ich bin gespannt, wie nun weitergeht. Taucht bei Praktiker nun auch ein Investor auf, der den Mitarbeitern eine Gehaltskürzung abschwatzt und wie bei Karstadt eine Wiederauferstehung verspricht?

Weitere Meldungen zur Insolvenz von Praktiker

n-tv: Fatale Rabattschlacht – Praktiker stellt Insolvenzantrag:

FAZ: Baumarktkette insolvent Spott für Praktiker

Tagesspiegel:  Insolvenz der Baumarktkette Warum Praktiker vor der Pleite steht

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