Im Reich der Mitte

by Gastbeitrag on 1. November 2013

Von Jacob Wega

Im Reich der Mitte ist alles wunderbar. Eine gnädige Kaiserin regiert das Land. Sie wirkt beruhigend und ausgleichend. Sie ist das Gesicht des Sachzwangs, nach dem eh jede politische Entscheidung von einer sich in Meinungsumfragen manifestierenden universellen Vernunft vorgegeben ist. Sie ist alternativlos, sich gegen sie aufzulehnen ist vergeblich.

Im Reich der Mitte freuen wir uns, wenn wir etwas billig bekommen, wie z. B. die von Kindern in Bangladesh genähten Hemden oder die von chinesischen Wanderarbeitern zusammengelöteten Smartphones. Noch mehr freuen wir uns, wenn es etwas umsonst gibt, wie z. B. den Kaffee beim Finanzberater. Nur wenn der Benzinpreis an der Zapfsäule um 2 Cent steigt, drehen wir durch und beschimpfen mit bösen Worten die fiesen großkapitalistischen Ausbeutermethoden der Multis.

Im Reich der Mitte sind wir fortschrittlich. Deshalb fördern wir die regenerativen Energien, in dem jeder Produzent durch garantierte Absatzpreise für unbegrenzte Mengen beschenkt wird. Weil dies irre teuer ist und man ja leider nicht alles mit Wind- und Sonnenenergie abdecken kann, wird der restliche Strom mit Kohle generiert, weil diese ja schön billig ist. Damit kann man sich supergut fühlen, weil man etwas für die Umwelt tut, obwohl noch mehr Dreck in die Luft geblasen wird als jemals vorher. Und vor allem kann man sich so richtig den ganzen Ignoranten auf der Welt überlegen fühlen, die nicht unserem leuchtenden Vorbild folgen wollen.

Im Reich der Mitte lieben wir öffentliche Riesenprotzbauten. Doch im Gegensatz zum alten Ägypten, wo die Pyramiden im Wesentlichen toten Pharaos gewidmet und ansonsten ziemlich zweckfrei waren, sind es bei uns Tempel für noch lebende Politiker und Bischöfe, bei denen zumeist auch eine sozial nützliche Funktion vorgegeben wird. Durch das ganze Land zieht ein Narrenzug aus öffentlichen Auftraggebern, Planern, Architekten und Bauunternehmern. Sie machen mal in Stuttgart am Bahnhof halt, mal in Berlin am Flughafen, kümmern sich in Limburg um das Seelenheil, führen in Hamburg Musik auf oder gehen in Wilhelmshafen vor Anker. Sie haben eine ganz neue Mathematik erfunden und verblüffen unvorbereitete Zuschauer mit Rechenkunststücken wie 1 + 1 = 11.

Im Reich der Mitte sind wir international, offen und tolerant. Deswegen sprechen und schreiben wir auch gerne Englisch (oder zumindest das, was wir für Englisch halten). Ob wir im Airport in der Lounge auf die verspäteten Flights warten; uns im Intercity Junk Food hineinstopfen; unsere Kunden approachen bzw. sie mit einem Mission Statement cheaten; oder ob wir irgendwann einmal an unserer Exit Stategy arbeiten, um voll abzuchillen; immer mehr sogenannte Anglizismen schleichen sich in unsere Sprache ein. Durch ihren Gebrauch können wir unseren überlegenen Bildungsstand beweisen. Wenn es hingegen darum geht, Lockerheit zu zeigen, ist das Italienische hilfreicher. Durch in schwärmerischem Tonfall in die normale Rede eingestreute Worte wie „ciao“, „bella bionda“ oder „latte macchiato” kann man für alle klar demonstrieren, dass man nicht genau so spießig wie alle anderen Landsleute ist.

Im Reich der Mitte verehren wir die soziale Gerechtigkeit. Leider weiß nur bisher keiner so recht, wie sie zu definieren, geschweige denn zu messen ist. Deswegen haben wir ganz viele Leute, die sich darüber Gedanken machen, wie man anderen Leuten Geld wegnehmen kann, um die soziale Gerechtigkeit zu erhöhen. Dies ist unheimlich teuer. Dann haben wir noch mehr Leute, die sich komplizierte Regeln ausdenken und darauf aufpassen, dass niemand die Wohltätigkeit der Allgemeinheit ausnutzt. Das ist noch teurer und kostet soviel, dass von dem ganzen Geld, dass man „denen da oben“ weggenommen hat, bei „denen da unten“ kaum noch was ankommt. Das Restgeld wird dann aber gerecht verteilt, zumindest wenn man die Regeln verstanden hat.

Im Reich der Mitte heißt die Hauptstadt Berlin. Früher hieß sie mal Schilda, aber dann kamen Marketingprofis und meinten, eine Stadt, die „arm aber sexy“ als Motto hat, braucht einen frischeren Namen. Und so wurde der Ort zur Erinnerung an ein knuddelsüßes Eisbärenbaby umbenannt. Deshalb heißen die aus dem Rheinland und Schwaben importierten Bewohner jetzt auch nicht mehr Schildbürger, sondern Berliner.

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