Das Gold-Spiel

by Karl-Heinz Thielmann on 16. Januar 2014

Im November 2012 wurden von mir auf Blicklog die fundamentalen Bestimmungsfaktoren des Goldpreises untersucht. Obwohl es damals zwar gute Gründe dafür zu geben schien, auf Gold zu setzen, wurden erhebliche Risikofaktoren festgestellt, die gegen das Edelmetall als Langfrist-Investment sprachen. Das damalige Anlagevotum lautete, dass Gold nur für sehr spekulativ veranlagte Anleger geeignet war; oder für diejenigen, die Gold einfach schön fanden und für die der Schmuckwert im Vordergrund stand.

Tatsächlich haben sich die vor gut einem Jahr geäußerten Befürchtungen bewahrheitet.

Mit Indien ist eines der Hauptabnehmerländer für Goldprodukte ökonomisch abgestürzt. Da die Goldimporte entscheidend für ein Defizit in der Leistungsbilanz waren, beschloss die Regierung in Neu-Delhi weitreichende Maßnahmen zu deren Eindämmung, die auch erfolgreich waren. Zudem haben sich gerade institutionelle Investoren in 2013 massiv von Gold getrennt. Das „heiße Geld“, das vorher den Preis in die Höhe getrieben hatte, zog sich wieder zurück. Zwar hat sich gleichfalls die Nachfrage von Privatleuten nach physischem Gold (Schmuck, Barren) erhöht. Dennoch war dieser Anstieg nicht ausreichend, um den Nachfrageeinbruch zu kompensieren. Nach Angaben des World Gold Council lag die Nachfrage nach dem Edelmetall im 3. Quartal 2013 insgesamt um 21% unter dem Vorjahreswert.

Wie geht es nun weiter, fragen sich viele Anleger. Die sogenannten Goldexperten sind sich uneins: Während eine Gruppe eine baldige Erholung des Preises erwartet, gehen andere von einer Fortsetzung der Abwärtsbewegung aus.

Doch lässt sich der Goldpreis überhaupt vorhersagen? Wenn man die fundamentalen Faktoren betrachtet, die Angebot und Nachfrage bestimmen, entsteht kein klares Bild.

Ein bedeutender Faktor am Goldmarkt sind die Notenbanken, da sie sowohl als Anbieter wie als Käufer mit relativ hohen Volumen agieren können. In den entwickelten Ländern sitzen diese Institutionen zumeist auf großen Goldreserven und haben tendenziell in den vergangenen Jahren eher verkauft. Diese Abgaben wurden bisher durch das Washingtoner Abkommen von 1999 beschränkt. Dieses läuft jedoch nach zwei Verlängerungen im September 2014 aus; ob und zu welchen Bedingungen es erneuert wird, ist völlig unklar. Die Zentralbanken der Schwellenländer haben in den vergangenen Jahren tendenziell Gold gekauft, um ihre Währungsreserven zu diversifizieren. Ob und wie diese Politik fortgeführt wird, ist ebenfalls nicht zu erahnen. Da Notenbanken sich ungern in die Karten schauen lassen, ist keine Aufklärung zu erwarten.

Privatleute in Asien und Arabien waren im vergangenen Jahrzehnt die Hauptkäufergruppe für Gold. Dies wird auch so bleiben, allerdings ist nicht voraussagbar, wie viel sie kaufen werden. Einerseits heizt gerade die Inflationsangst in den Schwellenländern die Goldnachfrage stark an. Anderseits sorgen fallende Einkommen und Gegenmaßnahmen von Regierungen für einen Rückgang. Der Nettoeffekt ist von Land zu Land unterschiedlich und in der Summe nicht vorhersagbar.

Eine bedeutende Rolle gerade bei den Umsätzen am Goldmarkt haben in den vergangenen Jahren institutionelle Investoren gespielt. Hierzu zählen sowohl Hedgefonds, die auf Preisbewegungen spekulieren; wie auch Pensionskassen, die Gold zur Risikodiversifikation erworben haben.

Insbesondere das Verhalten der Hedgefonds ist völlig unmöglich zu prognostizieren. Sie bilden ihre Erwartungen auf der Basis der Entwicklung der Erwartungen anderer Marktteilnehmer. Wenn aber alle nur in Hinblick auf die Aktionen anderer agieren, führt dies zu ausgesprochenem Herdenverhalten, wobei die Richtung, in die alle laufen, völlig egal ist. Bereits kleine Impulse können große Auswirkungen haben. Insofern kann aus dem Verhalten der Hedgefonds nur geschlossen werden, dass sie Marktbewegungen immens verstärken, jedoch nicht, in welche Richtung sich der Goldpreis bewegen könnte.

Eine relativ gute Prognosekraft in Hinblick auf Gold hat scheinbar bisher die Charttechnik gehabt. In den letzen 35 Jahren waren mit einer Ausnahme (2009) Kursbewegungen von Gold dadurch gekennzeichnet, dass die Neigung der 200-Tagelinie (des gleitenden Durchschnitts der letzten 200 Handelstage) den Trend beim Goldpreis vorgab. Eine negative Neigung ging mit einem Abwärtstrend einher; eine positive mit einem Aufwärtstrend. Bei Anstiegsbewegungen verlief der Kurs fast immer oberhalb der 200-Tage-Linie, bei einer Abwärtsbewegung zumeist unterhalb. Wenn der Preis mehr als 20% von der 200-Tage abwich, kam es im Anschluss zu starken Gegenbewegungen.

Allerdings gab es insbesondere vor 2000 eine Reihe von Trendbrüchen. Gerade ihre Vielzahl zeigt deutlich, dass man bei Gold auch langfristige Bewegungsmuster bei den Kursen nicht wirklich als aussagekräftiges Prognoseinstrument nutzen kann. Zudem demonstriert das Fehlsignal von 2009, wie gefährlich es ist, sich nur auf charttechnische Aussagen zu verlassen. Hier fiel der Kurs deutlich unter die 200-Tage-Linie, die sich im Anschluss nach unten neigte. So wurde ein eindeutiges Verkaufssignal generiert, das sich dann als falsch herausstellte. Die Neigung der 200-Tage-Line ist also ein starkes Indiz für einen Trend; mehr aber nicht.

Im Moment sieht die technische Situation für den Goldpreis sehr negativ aus. Nach dem Einbruch im Frühjahr hat es eine Gegenbewegung gegeben, die schon vor Erreichen der 200-Tagelinie beendet war. Dies könnte möglicherweise einige Hedgefonds dazu motivieren, massiv auf einen weiteren Einbruch zu spekulieren und den Preis in die Tiefe zu ziehen.

Einen bedeutenden Teil des Goldangebotes (2012 36%) hat in den vergangenen Jahren der Recycling-Markt für Gold ausgemacht. Hier ist feststellbar, das es mit dem Preisrutsch etwas reduziert wurde ist. Allerdings wurde dieser Rückgang in den vergangenen Quartalen durch einen Anstieg der Minenproduktion ausgeglichen, die trotz gesunkener Preise erhöht wurde.

Diese Angebotsausweitung zeigt auch, dass ein oft genanntes Argument für stabile Preise sehr fragwürdig ist. Viele Anleger gehen davon aus, dass der Goldpreis nicht unter die Grenzkosten der Produktion fallen wird, die bei den meisten Minen zwischen 900US$ und 1.300US$ je Unze liegen. Diese lassen sich aber im Durchschnitt ca. 200 US$ durch Kürzungen bei Investitionen relativ einfach senken. Zudem lagen die Durchschnittskosten 2012 laut einer Studie von Barclays bei $673 je Unze. Insofern ist erst bei deutlich niedrigeren Goldpreisen als heute zu erwarten, dass es zu signifikanten Produktionskürzungen kommt. Zudem ist die Situation von Mine zu Mine sehr unterschiedlich, sodass eine Abschätzung der Mengen sehr schwierig sein wird.

Ein stabiler Teil des Goldmarktes ist der industrielle Verbrauch. Er hat sich bei ca. 100 Tonnen je Quartal eingependelt und ist relativ unabhängig von der Preisentwicklung. Damit ist er relativ gut prognostizierbar, was allerdings für die Erwartungsbildung zum Goldpreis nichts nützt, da er nur schätzungsweise 10% des jährlichen Absatzes ausmacht.

Abschließend lässt sich festhalten, dass der Goldpreis mittel- bis langfristig nicht einmal ansatzweise prognostizierbar ist. Jede Vorhersage ist daher lupenreine Scharlatanerie. Fundamental kann man immer Gründe für einen steigenden oder einen fallenden Preis finden. Wie man diese auswählt und gewichtet, ist rein subjektiv. Die Charttechnik gibt eine gewisse Indikation, und diese ist derzeit eindeutig negativ. Aber wie immer bei der Charttechnik funktioniert die Prognose nur, solange ein Trend hält. Angesichts der Instabilität der Bestimmungsfaktoren und der vielen Trendbrüche in der Vergangenheit ist es sehr gewagt, mehr als nur eine sehr kurzfristige Prognose für Gold abzugeben.

Wenn man in Kasino geht und auf Rot oder Schwarz setzt, kann man mit 48,6% Wahrscheinlichkeit gewinnen oder mit 51,4% verlieren. Wenn man auf eine Bewegung des Goldpreises setzt, kann ebenfalls das eine oder andere passieren. Allerdings kann man aufgrund der Unbestimmtheit der Faktoren keine Wahrscheinlichkeit kalkulieren.

Wenn man im Kasino die richtige Farbe vorhersagt, schreibt man dies dem Glück zu. Wenn „Goldexperten“ den Kurs richtig vorhersagen, schreiben sie dies ihrer Prognosefähigkeit zu. Dabei ist ihre Vorhersage noch mehr Glücksspiel als beim Roulette, da sie ja nicht einmal eine Wahrscheinlichkeit kennen.

Dieser Beitrag erschien in leicht abgewandelter Form zuerst in „Mit ruhiger Hand“ Nummer 21 vom 6. Januar 2014. Der in den Kommentaren durch einen Leserhinweis entdeckte Fehler wurde nachträglich bereinigt.

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