Warum gibt es keine Weltzentralbank? Keynes Überlegungen zu einem Weltwährungssystem (I)

by Gastbeitrag on 17. Januar 2014

Eine der längsten Friedensperioden Europas endete im August 1914. Der Weltkrieg bedeutete den Abschied von der Welt des 19. Jahrhunderts, der Welt „Alteuropas“. Er bedeutete auch das Ende des viktorianischen Zeitalters, in dem das britische Empire den internationalen Goldstandard garantierte und als Waaghalter des Gleichgewichts der Mächte ein Jahrhundert lang den Ausbruch von lang dauernden und verheerenden Kriegen zwischen den Großmächten verhindert hatte. Der Goldstandard symbolisierte eine einmalige Form der Weltwirtschaft, die es bis dahin nicht gegeben hatte: Seit 1821 garantierte die Bank of England jedem, der eine englische Banknote einreichte, den Goldwert auszuzahlen.

Von Dr. Reinhard Blomert*

Zwar lag nicht wirklich so viel Gold in den Tresoren der englischen Notenbank, wie die in Umlauf gebrachten Banknoten bei gleichzeitiger Rückgabe erforderlich gemacht hätten, aber 1844 wurde eine bestimmte Deckung mit Goldbeständen im Bank Charter Act festgelegt, die zur Vertrauensbildung völlig ausreichte. So wurde der Mechanismus etabliert – und langfristig stabil gehalten –, dass Wechselkurse sich an der Golddeckung einer Währung ausrichteten.

Wie funktioniert der Mechanismus des Goldstandards? Grundsätzlich handelt es sich dabei um eine Art selbstregulierender Mechanismus, der Ungleichgewichte im Handel verhindert. So lange ein Land über ausreichend Goldbestände verfügt, kann es sein Handelsdefizit ausdehnen, also mehr importieren als exportieren. Wenn die Goldbestände zur Neige gehen, die Währung also keine ausreichende Deckung mehr hat, wird die Währung abgewertet, und das Land kann nur noch mit Aufschlägen im Ausland einkaufen. Importe verteuern sich (importierte Inflation), und das Land kann entsprechend weniger importieren. Inländische Unternehmer werden zu eigener Produktion angeregt, da sie nun zu Preisen produzieren können, die die (durch die Abwertung verteuerten) Importwaren unterbieten. Da die Währung im Außenwert gesunken ist, bedeutet das zugleich, dass die inländischen Produkte im Ausland günstiger angeboten werden können (solange es keine Zölle gibt). So kann das Land durch verstärkte Exporte wieder Goldreserven anhäufen und sich auf diesem Wege dem Gleichgewicht wieder annähern.

Die große Wende

Der Goldstandard bedurfte keiner Verträge oder politischer Steuerung. Die Tatsache, dass London und Paris über die größten Goldbestände verfügten und daher zugleich die größten Kreditgeberländer waren, deutet bereits auf die Machtverteilung zwischen den Nationen hin. Diesen Vorteil verloren die beiden Nationen mit dem Weltkrieg, als ihre Goldbestände aufgrund der massiven Rüstungsgüterimporte aus den USA schrumpften. Die USA, seit ihrer Gründung stets Schuldnerland mit instabiler Währung, rückte somit in die Position des Hauptgläubigerlandes, und das bisherige System der Mächte brach auseinander.

Mit dieser Verlagerung der Goldreserven in die USA war der Goldstandard zu einem Dollarstandard geworden. „Von diesem Tag an“, so schrieb der berühmte britische Ökonom John Maynard Keynes (1883–1946) Weihnachten 1917 an seine Mutter, „war Gold demonetisiert, in fast allen Ländern, auch wenn einige noch ein Lippenbekenntnis zu ihm abgaben. In den vergangenen zwei Jahren haben die USA sich auf den Goldstandard berufen, aber in Wirklichkeit haben sie einen Dollarstandard etabliert.“

Wenn Keynes davon spricht, dass Gold „demonetisiert“ war, so meint er damit, dass es keine wirksame Kopplung des Goldes mehr an eine Währung – in diesem Fall den US-Dollar – gab. Der Selbstregulierungsmechanismus war aufgehoben, der Dollar war eine politisch regulierte Währung geworden; das heißt, die Kreditlinien wurden nicht angepasst, wenn die Goldladungen aus den Ländern der Alliierten anlandeten. Dass dieser vom Gold entkoppelte Dollarstandard längst nicht die Stabilität garantieren konnte, wie es der von der Bank of England garantierte Goldstandard im Jahrhundert zuvor vermochte (beziehungsweise der von England und Frankreich getragene Goldstandard), wurde angesichts der Weltwirtschaftskrise 1929 mehr als deutlich.

Keynes und die „Neue Ordnung“

Im Sommer 1940 legte der deutsche Reichsbankpräsident Walther Funk (1890–1960) die Pläne für eine Neuordnung Europas vor. In ökonomischer Hinsicht sorgte dabei das Konzept der „Europäischen Großraumwirtschaft“ international für Aufsehen. Es wurde als Versuch betrachtet, das gescheiterte liberale Wirtschaftssystem zu überwinden. „Um der deutschen ‚Neuen Ordnung’ zu begegnen“, begann Keynes, der inzwischen in das Direktorium der Bank of England berufen worden war, seine eigenen Vorschläge zu einer Nachkriegsfinanzarchitektur niederzuschreiben. Diese Vorschläge wurden vielfach abgeändert; es sind mehrere Versionen überliefert, die Keynes in den frühen Verhandlungen mit den Amerikanern an seinen amerikanischen Konterpart Harry Dexter White (1892–1948) schickte. Sie bildeten die Grundlage für das Bretton-Woods-Abkommen von 1944, das bis zur Auflösung 1971 der Rahmen der Nachkriegsfinanzarchitektur geworden ist.

Mit seinem Entwurf wollte er das Außenhandelsbilanzproblem lösen und zugleich die Schwächen des Goldstandards überwinden (das heißt in erster Linie die Tatsache, dass das Handelsvolumen eines Landes nur so weit ausgeweitet werden kann, wie es der Besitz physischen Goldes zulässt), um das ungeregelte Laisser-faire der Zwischenkriegszeit zu beenden. Dieses hatte zu Kreditüberziehungen und übermäßiger Verschuldung geführt – sowie schließlich zum Zusammenbruch der New Yorker Börse und einer Deflationsspirale, die den Weg zu den schweren politischen Verwerfungen gebahnt hatte, die den Zweiten Weltkrieg einleiteten.

Wie Keynes wollten auch die USA nicht zu einem ungeregelten und unberechenbaren Außenhandel zurückkehren, sondern strebten eine internationale Kooperation an. In den Diskussionen um die Errichtung des Weltwährungssystems der Nachkriegszeit spielten Harry Dexter White, der Vertreter des amerikanischen Finanzministeriums, und Keynes als britischer Delegierter und gleichzeitig Vermittler des Commonwealth die Hauptrollen.

Fortsetzung am 21.1.2014


* Dr. Reinhard Blomert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Redakteur der Zeitschrift Leviathan. Der Beitrag ist in Ausgabe 1/2014 der  agora42, das philosophische Wirtschaftsmagazin erschienen, die den Titel Veränderung trägt. Der Beitrag erscheint hier mit Genehmigung des Verlages und des Autors.

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