Angst vor ABS-Käufen der EZB geht in die falsche Richtung

by Dirk Elsner on 13. Oktober 2014

Gegen die Europäische Zentralbank (EZB) wird wegen ihrer Anleihen-Ankaufpläne verstärkt Kritik laut. Ich lese zum Beispiel davon, dass die EZB Ramschpapiere kaufen will. Die EZB will zur Förderung der Kreditvergabe Kreditverbriefungen (Asset Backed Securities) und Covered Bonds in einem Volumen von 500 Milliarden Euro ankaufen (siehe dazu Bericht in der FAZ). Die Wirtschaftswoche schreibt, die EZB werde damit zur größten Bad Bank der Welt. Ich lese von Giftmüll, der von Zombiebanken in die Bilanzen der EZB geschoben wird. Im Frühjahr schrieb die Welt bereits vom “Comeback der als toxisch verdammten ABS-Papiere”.

Ein Teil der Kritik geht in die falsche Richtung. Wer Zombies sehen will, der schaut sich heute den Auftakt zur fünften Staffel von “The Walking Dead” an. 

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Übersieht hier einer im Gestrüpp die Zombies?

Mal abgesehen davon, dass sich die Kritik erst jetzt regt, die Absichten der EZB sind seit Monaten bekannt, wundert mich, mit welcher Verve einige Kommentatoren Asset Backed Securites (ABS) niedermachen, die aus meiner Sicht ganz normale Finanzierungsinstrumente sind.

Was sind Asset Backed Securities

Martin Hock hat dies jüngst in der FAZ erklärt:

“Es handelt sich um Anleihen, bei denen das Geld für Zins und Tilgung aus Krediten kommt. Diese wurden zu unterschiedlichen Zwecken an Unternehmen oder Verbraucher vergeben. Solche Wertpapiere werden zumeist abgegrenzt gegenüber Papieren, die mit den Zahlungen aus Hypothekenkrediten abgesichert sind. Diese werden allgemein als Mortgage-Backed-Securities (hypothekenbesicherte Wertpapiere) bezeichnet. Davon zu unterscheiden sind Hypothekenpfandbriefe, die keine Asset-backed securities sind, sondern Coverd Bonds (siehe weiter unten).”

Das verbreitete oder implizit angenommene Vorurteil ist, dass in den ABS-Konstrukten der Banken Müll enthalten ist, also Kredite mit schlechter Bonität. Wer das sagt, bezeichnet Mittelständler, Finanzierungsgesellschaften etwa von Autokonzerne und normale Verbraucher als Produzenten toxischer Stoffe. Denn deren Kredite werden oft in den ABS-Papieren zur Refinanzierung verbrieft.

Man kann, ja man muss sogar über den geldpolitischen Sinn dieser Maßnahme streiten (siehe kritische Punkte am Ende des Beitrags). Aber die Argumente die teilweise dagegen vorgebracht werden, sind mir mit einem Verweis, solche Papiere hätten die Finanzkrise ab 2007 erst befördert, viel zu platt und ökonomischer Blödsinn.

Der Markt für ABS-Transaktionen wird in Deutschland z.B. sehr genau beobachtet von der TSI in Frankfurt. Klar, die TSI bietet Dienstleistungen rund um die Verbriefung von Krediten an. Aber aus vielen persönlichen Gesprächen mit der Geschäftsführung der TSI weiß ich, dass die Gesellschaft sehr auf eine Qualität der Transaktionen achtet und zahlreiche Initiativen zur Qualitätsverbesserung begleitet. Die TSI schrieb kürzlich in einer Info:

“Der erwartete Ausfall bei ABCP-Transaktionen lag dauerhaft deutlich unter demjenigen der verkaufenden Unternehmen selbst, d.h. dass die Bonität solcher Verbriefungen besser ist als die der verkaufenden Unternehmen. Sogar beim Eintritt einer Insolvenz des Forderungsverkäufers mussten Investoren und beteiligte Banken aufgrund der funktionierenden Sicherungsmechanismen zu keinem Zeitpunkt einen Verlust hinnehmen.”

ABS Loan-level Initiative übersehen?

Wer darüber glaubt, die EZB würde sich bewusst mit ABS-Papieren vollsaugen, die Kredite niedriger Qualität enthalten, der hat wahrscheinlich noch nichts von der Loan-level Initiative gehört. Die EZB hatte bereits vor Jahren dieses Programm gestartet, um tiefer in ABS-Strukturen und Einzeldarlehen schauen zu können. Ich hatte darüber bereits vor zweieinhalb Jahren hier im Blog geschrieben, dass die EZB Licht in die Kredite bringen wolle, die in ABS-Papieren enthalten sind und daher umfangreiche Daten dazu abfordern. In Deutschland hat außerhalb von Fachkreisen anscheinend niemand Kenntnis von diesem Programm.

Das Thema war auch damals nicht neu, sondern wabert seit mindestens 2009 durch die bisher kaum interessierte Öffentlichkeit. Reuters berichtete darüber zum Beispiel im April 2011 unter dem Titel “ECB plans market-led ABS data warehouse”. Die EZB selbst hatte in einer Presseerklärung Ende 2010 darüber kurz und oberflächlich informiert. Sie hat dazu aber in Ergänzung auf ihrer Webseite unter “ABS Loan Level Data Initiative” zahlreiche weitere Informationen zusammengestellt.

Die Loan-level Initiative geht zurück auf die Kritik an der fehlenden Transparenz von verbrieften Wertpapiere, die in der Folge der Mehrfachverbriefung zu einer völlig unübersichtlichen Risikosituation geführt haben und als Mitauslöser der Finanzkrise gelten (Stichwort toxische Wertpapiere). Damals wurden viele Problemkredite in ABS-Strukturen verbrieft und die Käufer dieser Papiere hatten sich allein auf das Rating verlassen. Die Detaildaten der toxischen Papiere waren den meisten Käufern gar nicht bekannt. Die EZB fragt sehr umfangreiche Daten ab, wie man den Templates der SME taxonomy (gezippte Excel-Datei) entnehmen kann.

Wichtigere Fragen

Was mich eher wundert, dass die Ökonomen und Kommentatoren nicht mehr auf andere problematische Punkte schauen.

  1. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung wies zum Beispiel gestern in der Printausgabe darauf hin, dass sich die EZB von Investmentbanken und Dienstleistern wie Blackrock und Banken, die als potenzielle Verkäufer der ABS in Fragen kommen, beim Kauf beraten lässt. Das riecht nicht nur nach Interessenkollision, das ist auch eine. 
  2. Ein weiterer kritischer Punkt an dem ABS-Ankaufprogramm ist, dass die für diverse andere regulatorische Maßnahmen und Aktivitäten zur Verbesserung der Finanzmarktstabilität erforderlichen Collaterals immer knapper werden. Collaterals sind in Form von Wertpapieren gestellte Sicherheiten, die Banken oder andere Finanzmarktteilnehmer für bestimmte Geschäfte stellen müssen. Man liest in letzter Zeit häufiger davon, dass diese Sicherheiten mittlerweile knapp werden und z.B. den Geldmarkt stören können. Dies wiederum schränkt die Liquiditätsversorgung der Banken ein und hemmt die Mittelbeschaffung über den freien Markt.
  3. In einer Kolumne für das Wall Street Journal habe ich außerdem bereits im Juni darauf hingewiesen, dass die Politik zum direkten Ankauf von Krediten durch die EZB das an anderen Stellen bekämpfte Schattenbankenwesen verstärkt.
  4. Daneben glaube ich, dass die Niedrigzinspolitik und Ankaufspolitik der EZB verpufft, wenn sich nicht die Risikoneigung der Unternehmen nicht verändert. Ich habe darüber in “Der Optionswert des Wartens” geschrieben.
  5. Wegen der strengen Kriterien an notenbankfähiges Material dürfen sich darüber nur die Unternehmen finanzieren können, die eine erstklassige Bonität haben und gute Sicherheiten stellen können. Die Deutsche Bank schätzte in einer im Januar veröffentlichten Analyse, dass im gesamten Euroraum ABS-Wertpapiere im Umfang von 50 Milliarden Euro mit Krediten an mittelständische Unternehmen unterlegt sind.
  6. Um abschließend noch einmal auf die Zombie-Problematik zurückzukommen, gibt es aus meiner Sicht einen berechtigten Einwand gegen das Programm. Dabei geht es nicht um Zombie-Kredite, die in den ABS-Papieren enthalten sind, sondern darum, dass durch den Ankauf Zombie-Banken entlastet werden. Sie können nämlich so eher wieder Kredite vergeben, was ihnen derzeit wegen ungünstiger Finanzierungskonditionen verwehrt geblieben wäre. Und mittlerweile sollte sich herumgesprochen haben, dass Zombies, die gefüttert werden, immer wieder kommen.  

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