Verknappen hohe Eigenkapitalanforderungen an Banken die Kreditvergabe?

by Dirk Elsner on 12. Dezember 2014

Am Montag dieser Woche hatte ich mich in “Bankenstresstests mit halbe Wahrheit” ebenfalls für deutlich höhere Eigenkapitalanforderungen an Banken ausgesprochen. Im Kommentarbereich diskutierte ich mit mit Karl-Heinz Thielmann über die These, dass je höher die Eigenkapitalquote sei, desto höher auch die Kapitalkosten, die eine Bank wieder mit hohen Gebühren oder Zinsen reinholen muss, sein müsse. Dieses wiederum würde die Kreditvergabe beschränken. Ich räume ein, dass ich so ebenfalls früher gedacht habe, da aber eher eine Legende aufgesessen bin.

imageIch hatte mich schon vor einiger Zeit in einem Text für die CFOWorld damit befasst, welche Wirkungen höhere Eigenkapitalanforderungen auf die Kreditvergabe haben könnten. Da der IDG-Verlag die CFOWorld sang und klanglos vom Netz genommen hat, ist mein Text leider ebenfalls im digitalen Nirwana verschwunden. Daher folgt hier jetzt eine überarbeitete Fassung als Neuauflage.

Zum Ende des letzten Jahres hatte die FAZ in ihrer Sonntagszeitung ein sehr bemerkenswertes Lesestück. In “Wie wir lernten, die Banken zu hassen” setzten sich Rainer Hank und Winand von Petersdorff kritisch mit dem Verhalten der Banken auseinander und schließen sich der Forderung einer zunehmenden Zahl von Ökonomen an, die Eigenkapitalanforderungen für Banken deutlich zu erhöhen.

Wenn von Eigenkapitalanforderungen an Banken gesprochen wird, können hier die verschiedenen von Banken und Aufsichtsbehörden lancierten Eigenkapitaldefinitionen unberücksichtigt bleiben. Es geht hier allein um das Verhältnis des echten Eigenkapitals zum nicht mit zweifelhaften Methoden adjustierten Gesamtkapital einer Bank.

Banken mögen es aus verschiedenen Grünen nicht, wenn Gesetzgeber und Finanzaufsicht mehr Eigenkapital fordern. Siewehren sich dagegen und werden nicht müde das Argument zu bemühen, hohe Eigenkapitalauflagen führten dazu, dass weniger Kredite zu höheren Zinsen vergeben würden. Höhere Kapitalforderungen könnten daher zu einer Rezession und Jobverlusten führen.

Des Bankers neue Kleider

Die Ökonomen Anat Admati und Martin Hellwig befassen sich mit diesem Argument in dem von der FAZ zum Wirtschaftsbuch des Jahres erkorenen Werkes “Des Bankers neue Kleider. Was bei Banken wirklich schiefläuft und was sich ändern muss“*. Die beiden Professoren haben ein Werk vorgelegt, das nicht die Marktwirtschaft und das Finanzwesen pauschal verurteilt, sondern sehr ökonomisch fundiert und ordnungspolitisch sauber argumentiert. Neben Robert Shillers Buch “Märkte für Menschen” halte ich dieses Werk für am ehesten tauglich, eine neue und vor allem realistische Architektur der klassischen Finanzwelt zu gestalten.

Admati und Hellwig erwarten, dass sich mit mehr Eigenkapital die Wahrscheinlichkeit von Schieflagen und Überschuldung verringern lässt und so die Stabilität des Systems verbessert. Daneben sehen sie eine Steigerung der Qualität und der Stetigkeit der Kreditvergabe, weil weniger verschuldete Banken bessere Anreize haben, sich um die Qualität ihrer Kreditnehmer zu kümmern und die Kreditvergabe nach Verlusten nicht so schnell einschränken.

Nebelkerzen der Finanzlobby

Admati und Hellwig setzen sich in dem Buch mit den “Nebelkerzen der Banken” gegen hohe Kapitalanforderungen auseinander. Deren Argumente stehen im Widerspruch zu den Grundprinzipien, die das Verhalten der Finanzmärkte bestimmen, und übrigens auch gegen die eigenen Anforderungen für die Kreditvergabe an Unternehmen. Zu diesen Prinzipien gehört zum Beispiel eine angemessene Kompensation für eingegangene Risiken. Admati und Hellwig halten die Warnung, höhere Eigenkapitalanforderungen würden die Kreditvergabe der Banken hemmen, für verfehlt. Sie schreiben:

“Die Kreditvergabe der Banken sollte sich, wie andere Investitionsentscheidungen auch, vor allem von der Qualität der Kreditnehmer und den richtig gemessenen Finanzierungskosten der Banken leiten lassen. Wenn Banken einen größeren Teil ihrer Anlagen durch Eigenkapital finanzieren und die Auswirkungen der Änderungen im Risiko auf die erforderlichen Renditen angemessen berücksichtigen, so wird die Kreditvergabe in keiner Weise gestört. Im Gegenteil: Die Kreditmärkte würden wahrscheinlich besser funktionieren.”

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt übrigens die WirtschaftsweiseClaudia Buch. Sie untersuchte in einer Studie die Kreditvergabepraxis deutscher Banken von 1950 bis 2009. Das Ergebnisfasste Olaf Storbeck für die Zeit zusammen:

“Ihr Befund ist bemerkenswert: Die Sorge, dass besser kapitalisierte Banken weniger Kredite vergeben, erweist sich als unbegründet. "Es gibt keine Belege dafür, dass hohes Eigenkapital einer Bank negative Folgen für die Kreditvergabe an Unternehmen hat", lautet das Fazit der Studie mit dem TitelDo Better Capitalized Banks Lend Less?”

Fehlanreize der aktuellen Eigenkapitalregulierung

Admati und Hellwig weisen auf Fehlanreize der gegenwärtigen Eigenkapitalregulierung hin, die übrigens erst recht zu Lasten der Unternehmenskredite gehen. Wenn Banken etwa die Möglichkeit haben, “Anlagen zu tätigen, die mit sehr niedrigen Risikogewichten versehen werden, obwohl sie tatsächlich sehr riskant sind, und den Anlegern entsprechende Risikoprämien versprechen, so werden diese Anlagen den Unternehmenskrediten den Rang ablaufen.” Genau dies konnten wir in den letzten Jahren beim Investment in europäische Staatsanleihen beobachten. Die galten und gelten übrigens immer noch per Definition als risikofrei (siehe dazu auch DIW, Solvenz von Banken und Staaten entkoppeln, S. 7 f.)

Warum die Kosten für die Eigenkapitalfinanzierung nicht teurer sind

Admati und Hellwig halten gegen das Argument, dass die Eigenkapitalfinanzierung für Banken im Vergleich zum Fremdkapital teurer sei. Sie sehen die hohen Renditeforderungen an Bankaktien gerade dadurch verursacht, weil der Eigenkapitalanteil so niedrig ist und die Aktionäre daher ein deutlich höheres Risiko als bei einer besseren Kapitalausstattung tragen. Ich erinnere übrigens daran, dass auch für viele Banken die Fremdkapitalfinanzierung im Zuge der Finanzkrise so teuer wurde, dass sie Kapital nur mit Hilfe staatlicher Garantien beschaffen konnten. Eine niedrige Eigenkapitalquote erhöht somit die Kosten der Fremdfinanzierung und beschränkt genau dadurch die Kreditvergabe.

Admati und Hellwig sehen außerdem, dass eine Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen von 3 auf 25 Prozent der gesamten Vermögenswerte einer Bank lediglich eine Umstrukturierung von finanziellen Forderungen in der Wirtschaft bedeuten würde. Es müssten nach ihrer Auffassung keine zusätzlichen Mittel bereitgestellt werden. Das Ergebnis wäre aber ein sichereres und stabileres Finanzsystem mit positiven Auswirkungen an die Kreditvergabe.

Keine Verwunderung über das Scheitern der Eigenkapitalregulierung

Admati und Hellwig wundern sich aber nicht, dass die Reform der Eigenkapitalregulierung auch mit Basel III so jämmerlich gescheitert ist. Ihre Antwort hat viel mit dem Verhältnis

von Politik und Banken zu tun. “Fehlerhafte Argumente der Banken und ihrer

Lobbyisten stoßen bei Politikern, Regulierern und Aufsehern oft auf offene Ohren, nicht nur, weil sie so eingängig sind, sondern auch, weil die Angesprochenen ihre eigenen Interessen verfolgen.” Diese Aspekte beleuchten sie ebenfalls sehr ausführlich in ihrem Buch.

Ich konnte hier nur einen sehr kurzer Ausriss aus der sehr überzeugenden Arbeit von Admati und Hellwig sein. Ihre auch durch empirische Belege untermauerten Argumente sowie weitere Untersuchungen schwächen ganz erheblich die Behauptung, höhere Eigenkapitalanforderungen an Banken schwächen die Kreditvergabe. Übrigens höre ich auch aus der unternehmerischen Praxis von Unternehmen, dass sie lieber mit gut kapitalisierten Banken zusammen arbeiten. Ein wichtiger Grund: Einer Bank mit hohem Eigenkapitalanteil traut man eher zu, dass sie in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten den Kredithahn offen lässt.

Hellwig und Admati setzen übrigens sich mit einigen Einwänden der Finanzbranche in einem aktuellen Arbeitspapier auseinander:The Parade of the Bankers’ New Clothes Continues: 28 Flawed Claims Debunked.

Neuer Vorschlag für systemrelevante Finanzinstitute

Die aktuelle Diskussion über die Eigenkapitalausstattung von Banken läuft aber weiter. Mitte November schlug das Financial Stability Board (FSB) in Basel als eine Art Basel-III-Ergänzung u.a. vor, dass globale Großbanken künftig ein Verlustpolster («total loss-absorbing capacity», TLAC) von 16% bis 20% der risikogewichteten Aktiva halten sollen (siehe Bericht in der NZZ). Dieser Vorschlag wird zunächst diskutiert und 2015 auf einem G20-Treffen verabschiedet werden. Danach wird es allerdings noch ein paar Jahre bis zur Umsetzung dauern. Aber auch dieser Vorschlag arbeitet mit risikogewichteter Aktiva und wird wohl laut Wall Street Journal nur zu einer echten Mindesteigenkapitalquote von 6% führen. Das ist immer noch weit weg von dem, was Fachleute fordern. Und in diesem Zusammenhang habe ich nichts darüber gelesen, dass die Systematik zur Berechnung der Risikogewichtung verändert werden soll. Hier schlummert ja eine besondere Gefahr.

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* Wer wenig Zeit hat, dem empfehle ich nur das 13. und letzte Kapital des Buches von Admati und Hellwig zu lesen.

Eine ausgezeichnete Zusammenfassung hat außerdem die FAZ in einer zehnteiligen Artikelreihe unter dem Titel:“Was treiben die Banken?”

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