Bankenstresstests mit halber Wahrheit – Banksystem kann immer noch kollabieren wie Kartenhaus

by Dirk Elsner on 8. Dezember 2014

Ich gebe ja zu, die Bankenkrise ist in den Wochen seit Veröffentlichung der Stresstestergebnisse aus meinem Fokus hier im Blog geraten. Zuletzt hat Karl-Heinz Goedeckemeyer über den Bankenstresstest in Europa: Eine Prüfung mit beschränkter Aussagekraft? geschrieben. Ich hatte über meine Skepsis zum EZB-Stresstest zuvor hier geschrieben:

“Banken, Verbände und Aufseher werden im Vorfeld nicht müde zu versichern, dass man sich diesmal keine Sorgen machen brauche. Man habe aus der Finanzkrise gelernt und seine Hausaufgaben gemacht. Aber allein, dass die Marktwerte vieler großer Banken deutlich unter ihren bilanzierten Buchwerten liegen, zeigt, dass die Finanzmärkte selbst diesen Beteuerungen nicht glauben. Die Kernaussage der Märkte ist: In den Bilanzen verstecken sich weiterhin große Risiken, die die Märkte höher einschätzen als die Banken selbst nach außen zugeben.”

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Zombie greift Geld. Wollen auch die Zombiebanken bald wieder Geld vom Staat?

Letzte Woche erinnerten gleich mehrere Publikationen daran, dass die Ergebnisse des EZB-Stresstest weiter Zweifel nähren. Der Newsletter Finance Today des Handelsblatts vom 3.12. fasste das unter der Überschrift Stresstests zeigten nur die halbe Wahrheit so zusammen:

“Die jüngsten Stresstests der EZB waren unzuverlässig und Dutzende von Banken des Euroraums – einschließlich Deutsche Bank und BNP Paribas – haben weiterhin zu wenig Kapital, um eine Krise zu überstehen. Zu diesem Schluss kommen Experten von Keefe Bruyette & Woods und dem Dänischen Institut für Internationale Studien. Sie untersuchten laut Bloomberg, was geschehen wäre, wenn die EZB in ihren Stresstests die ab kommendem Jahr geltende neue Regel zur Verschuldung berücksichtigt hätte. Sie schreibt Banken weltweit vor, Eigenkapital in Höhe von drei Prozent ihrer Bilanzsumme vorzuhalten. Laut EZB-Stresstest liegen 14 Institute unterhalb dieser Minimalanforderung. Drei weitere verfehlten das Ziel, nachdem festgelegt wurde, wie viele ihrer Kredite notleidend sind. Den unabhängigen Studien zufolge hätten aber knapp dreimal so viele Institute eigentlich an der Drei-Prozent-Verschuldungshürde scheitern müssen, schreibt Die Presse. Und den zwölf europäischen Großbanken, die den Test bestanden haben, fehlen 66 Milliarden Euro, so der Daily Star. Das Blatt zitiert Jakob Vestergaard, Forschungsleiter des dänischen Instituts: „Es reicht nicht aus, sich auf risikogewichtete Messgrößen zu verlassen. Es ist immer das, was wir nicht für riskant halten, das uns in einer Krise um die Ohren fliegt“. Die EZB hätte sich hart geben wollen, „konnte aber aus politischen Gründen nicht zeigen, dass deutsche und französische Banken unterkapitalisiert sind.“

 

Viele Banken haben sich selbst nach den Ergebnissen des Stresstests gefeiert, weil die meisten Institute die Anforderungen “übererfüllten”. Dabei geht es aber vor allem darum, die vergleichsweise niedrigen Eigenkapital-Kriterien nach dem komplexen Regelwerk Basel III zu erfüllen. Dieses mittlerweile in EU-Recht gegossene Regelwerk erlaubt den Banken bekanntlich, ihre Eigenkapitalquote auf selbst für Fachleute kaum noch nachvollziehbare Weise zu berechnen.

Martin Hellwig und Anat Admati kritisieren dieses Verfahren sehr ausführlich und fundiert in dem aus meiner Sicht wichtigsten Buch der letzten Jahre für das Finanzwesen “Des Bankers neue Kleider: Was bei Banken wirklich schief läuft und was sich ändern muss: “Die Risikogewichtung bietet den Banken viele Möglichkeiten zur Manipulation der Anforderungen. … Der risikobasierte Ansatz vermittelt einen Eindruck von Wissenschaftlichkeit; das Risiko jedes einzelnen Vermögenswertes der Bank wird »wissenschaftlich« ermittelt und dient als Basis für die Bestimmung des Eigenkapitals, das die Bank einsetzen muss.”

Hellwig und Admati kritisieren, dass trotz der Erfahrungen in der Finanzkrise das Vertrauen der Regulatoren in die quantitativen Modelle der Banken als Grundlage für die Festsetzung der Risikogewichte bei der Eigenkapitalregulierung nicht verschwunden ist.

Die schlimmsten Missbräuche sollen zwar durch eine nach Basel III vorgesehene Einführung einer Verschuldungsgrenze behoben werden. Diese begrenzt die Verschuldung einer Bank auf 97% ihrer Aktiva. Aber man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Das Eigenkapital muss danach nur mindestens 3% der Aktiva ausmachen. Kein Unternehmen würde mit einer solchen Eigenkapitalquote auch nur einen Cent Kredit von einer Bank bekommen. An dieser Stelle erfolgt üblicherweise ein Aufschrei der Banken, weil man so nicht argumentieren könne, doch kann man.

Wenig überraschend werden daher aus der Finanzbranche viele Einwände gegen das sehr gut fundierte Werk der beiden Autoren geführt. Hellwig und Admati haben sich mit diesen Einwänden in einem aktuellen Arbeitspapier auseinander gesetzt: The Parade of the Bankers’ New Clothes Continues: 28 Flawed Claims Debunked.

Anat Admati wies neulich in einem lesenswerten Interview mit der israelischen Zeitung The Globe darauf hin (Zusammenfassung hier), dass viele Banken noch größer sind als vor der letzten Krise. Sie sieht weiter ein hohe Fragilität des Finanzsektoren vor allem durch die weiter intransparenten Risiken aus Derivategeschäften und Forderungen gegen andere Banken. Störungen könnten hier schnell das Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Für die Banken ist diese Diagnose natürlich frustrierend, denn sie haben in Europa mit der beinharten Derivateregulierung EMIR Millionen Euro in die Modernisierung der Derivateabwicklung, das Reporting darüber und die Risikominderung gesteckt (meine Kritik an EMIR hier und hier). Und mit MiFIR bereiten sie gerade die nächste Stufe verschärfter Anforderungen vor.

Admati hält dagegen die heutige Bankenregulierung für zu komplex. Das kann ich uneingeschränkt bestätigen. Ich behaupte, dass es sowohl in Banken als auch bei Aufsehern und Wirtschaftsprüfern niemanden mehr gibt, der die verschiedensten Regelungen (nebst ihren tausenden Seiten technischer Umsetzungsverordnungen) in allen Facetten, Interdependenzen und Auswirkungen versteht, geschweige denn sinnvoll kontrollieren kann.

Admati erneuert daher ihre Forderung ein echtes Eigenkapital der Banken zwischen 20% bis 30% vor. In Anlehnung an Admati und Hellwig forderte übrigens auch die FAZ in einem sehr bemerkenswerten Text im vergangenen Jahr eine Eigenkapitalquote für Banken in Höhe von 25%. Ich teile mittlerweile ebenfalls diese Auffassung. Und auch die Banken sollten daran ein Interesse haben, denn eine höhere Eigenkapitalquote verbessert die für die Kapitalbeschaffung notwendigen Ratings. Die Agentur Fitch kündigte ebenfalls vergangene Woche an, u.a. das Rating für die Deutsche Bank herunterzustufen, weil sie es für unwahrscheinlicher halten, dass der Staat im Fall einer Notlage einspringt.

Weitere Lesehinweise

Informationssammlung im Blick Log zur Banken- und Finanzmarktkrise ab 2010

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