Neoklassik und “Homo Oeconomicus” (2): So sieht er aus

by Dirk Elsner on 9. Februar 2015

Nach der Einführung in der vergangenen Woche geht es hier jetzt direkt weiter mit dem zweiten Teil. Mit dieser arbeite ich für mich die Grundlagen des “Homo Oeconomicus” erstmals in diesem Blog auf, um die Kritik an ihm besser zu verstehen. 

 

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Handelte aus seiner Sicht stets rational: Walter White

Homo Oeconomicus

Der “Homo Oeconomicus” hat viele Väter, von denen einige schon im ersten Teil genannt wurden. Zu ihnen gehört auch David Ricardo (1772-1823), der mit seinem Werk „The Principles of Political Economy and Taxation“ als einer der ersten Vertreter der reinen theoretischen Wirtschaftswissenschaft angesehen wird. Während Schräder Ricardo als Urheber für den Begriff des “Homo Oeconomicus” ansieht, sehen andere Autoren Vilfredo Pareto (1848-1923) als jemanden, der den Begriff erstmals gebraucht.

Der “Homo Oeconomicus” ist ein theoretisches Modell und erfüllt eigentlich nur eine methodologische Funktion für die Erklärung aggregierten menschlichen Verhaltens. Es ist aber gleichzeitig das Bild vom Wesen des Menschen, das sein öko­nomisches Verhalten beschreibt. Ökonomen wissen zwar, dass Menschen auch noch andere Eigenschaften besitzen, sie werden aber nicht als relevant für ökonomische Fragen angesehen.[1]

Er ist nach Fritz Machlup “eine aus einer Gedankenretorte erzeugte abstrakte Marionette, mit bloß ein paar menschlichen Zügen ausgestattet, die für bestimmte Erklärungszwecke ausgewählt wurde.“[2] Für Olaf Schräder stellt die Idee vom “Homo Oeconomicus” letztlich den Versuch dar, “die Gesetze zu formulieren, nach denen der Mensch in der Ökonomie funktioniert und durch der er determiniert ist.”[3]

Das ökonomische Verhaltensmodell des “Homo Oeconomicus” liegt nach Franz der Mehrzahl der volkswirtschaftlichen Modelle zu Grunde. Franz betont aber ebenfalls, dass das der “Homo Oeconomicus” eine heuristische Fiktion ist.[4]

Eigenschaften des “Homo Oeconomicus”

Der “Homo Oeconomicus” bezeichnet einen Akteur, oft auch als rationaler Agent bezeichnet, mit folgenden Eigenschaften:[5]

1. eigeninteressiert: Das Individuum handelt (nur) entsprechend seinen eigenen Interessen und Präferenzen. Menschliches Handeln dient damit letztlich ausschließlich der Befriedigung der jeweils eigenen Interessen. Eigennützigkeit ist die herausragende charakterliche Eigenschaft des ökonomischen Menschen.

Nach Schräder lehnen sich Ökonomen für das Eigennutzenaxim u.a. an Hobbes, Darwin und Smith. “Selbsterhaltung ist bei Thomas Hobbes die entscheidende Kraft im Menschen und führt bei Darwin zum Kampf ums Dasein, in dem jedes Individuum bestehen muss. Adam Smith schließlich macht das Eigeninteresse zum Grundpfeiler der Ökonomie.”[6]

Dass dabei insbesondere Darwin und Smith vollkommen falsch interpretiert wird, wird an anderer Stelle behandelt.

Mit dem Eigennutzprinzip erklären Ökonomen übrigens auch Altruismus und Kooperation, weil es nur dann zu Kooperation und Altruismus kommt, wenn alle Beteiligten einen Nutzen daraus ziehen können.[7]

2. rational[8] handelt: “In der Wirtschaftswissenschaft handelt ein Akteur rational, wenn er nach dem ökonomischen Prinzip handelt: Er erreicht bei gegebenen Ressourcen zielbezogen das Maximum bzw. erreicht ein gegebenes Ziel mit einem Minimum an eingesetzten Ressourcen. Rationales Handeln wird so durch Knappheiten, hier die Knappheit der (verfügbaren) Ressourcen verursacht.”[9]

Nach Schräder isoliert diese Rationalität “den homo oeconomicus von ande­ren Individuen, da er sie für seine Entscheidungsfindung nicht braucht. Er entscheidet ja nur mittels seiner eigenen rationalen Überlegungen. Deshalb ist es in diesem Modell auch möglich, aus den Regeln des Einzelnen eine Summe zu bilden, die die Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft darstellt.”[10]

3. seinen eigenen Nutzen maximiert: Die Annahme der Nutzenmaximierung entstammt dem Utilitarismus und steht für das oberste bzw. einzige Ziel in ökonomischen Modellen, auf das sich das rationale menschliche Handeln richtet. Jede Handlung wird dabei als den persönlichen Nutzen maximierend betrachtet und ist dabei abhängig von der Definition des Nutzens und der Zielfunktion. In der Wirtschaftstheorie wird in der Regel die Gewinnmaximierung (oder der Konsum) als oberster „Nutzen“ und damit als oberstes bzw. letztendliches Ziel eingesetzt.[11]

Beschränkt wird der Entscheidungsspielraum durch Restriktionen und durch Präferenzen.

4. auf Restriktionen reagierend: Restriktionen sind alle exogenen Einflüsse, wie etwa Gesetze und gesell­schaftliche Normen mit einer Ursache außerhalb des Individuums. Res­triktionen zu ignorieren, kann mit hohen Kosten verbunden sein, die der “Homo Oeconomicus” in seiner rationalen Kosten-Nutzen-Rechnung mit einkalkulieren muss.[12] Änderungen des Verhaltens des Homo Oeconomicus werden damit auf strukturelle, äußere Bedingungen zurückgeführt´und veranlassen die die Ökonomie bei einer Veränderung des Verhaltens auf die Verhältnisse zu schauen.[13]

5. feststehende Präferenzen hat: Präferenzen sind die Beschränkungen, die in dem Individuum liegen, wie etwa bestimmte Vor­lieben. Dazu werden auch internalisierte Normen gezählt, die etwa durch Sozialisationsprozesse entstehen. Mit den Präferenzen lassen sich Unterschiede im Verhalten verschiedener Individuen erklären[14]

In den Modellen werden meist die Nutzenfunktion und damit die Präferenzen des als stabil angenommen. Von individuellen (Charakter-) Änderungen wird dabei i.d.R. abstrahiert, auch, weil sie relativ schwer erfassbar sind.[15] Das bedeutet auch, der “Homo oeconomicus” ändert seine Entscheidungsregel nicht. Es werden über die Zeit keine neuen Entscheidungsregeln geschaffen, noch werden neue Entscheidungsregeln gelernt – nicht weil der allwissende “Homo oeconomicus” sie nicht schaffen oder lernen könnte, sondern weil Perfektes nicht ersetzt werden muss.[16]

6. verfügt über (vollständige) Information: Er ist vollständig über seine Handlungsalternativen informiert, und er kann die Auswirkungen und Folgen der einzelnen Handlungsalternativen abschätzen. Die Annahme der vollständigen, (mit Eintrittswahrscheinlichkeiten gewichteten) und ohne Transaktions-, Informations- und Lernkosten verfügbaren Information ergibt sich zum einen aus der Rationalitätsannahme.

Theoretische Stärke des neoklassischen Modells

Arne Heise fasst die Stärken des neoklassischen Modells zusammen, die in seiner “deduktiven Strenge und Kohärenz” liegen. Das aber bedeutet nur, dass wenn die Axiome und Grundannahmen akzeptiert werden, die Folgerungen daraus “unbestreitbare Ergebnisse transzendentaler Logik sind”. Er zählt dann folgende Punkte auf:

“Es existiert eine „beste aller Welten.

Perfekte Märkte reproduzieren ständig – selbst wenn sie durch so genannte „exogene Schocks“ getroffen werden – optimale Ergebnisse, die sich darin zeigen, dass das vorhandene Angebot immer seine Nachfrage findet, die Wirtschaftssubjekte frei von Geld- bzw. Nominalillusion sind und somit weder geld- noch finanzpolitische Interventionen irgendeinen positiven Einfluss auf die an realen Größen (Realeinkommen, relative Tauschwerte, Realkassen, etc.) orientierten Wirtschaftssubjekte haben können.

Und schließlich kulminiert diese Realitätsinterpretation in der Konsequenz, dass diese „bester aller Welten“ nicht nur die Wohlfahrt der einzelnen Wirtschaftssubjekte unter der Restriktion endlicher Ressourcen maximiert, sondern hierfür noch nicht einmal ein besonders wohlfeiles Verhalten der Wirtschaftssubjekte – also z.B. ein benevolenter Altruismus – notwendig sei, sondern individualegoistisches (Rational-)Verhalten zu diesem Ergebnis führt. Adam Smiths berühmte „unsichtbare Hand“ garantiert also, dass das Allgemeinwohl nicht unter vermeintlich realistisch beschriebenen, egoistischen Individuen leiden muss.”[17]

Der “Homo Oeconomicus” ist letztlich auch das Konstrukt, das Ökonomen dazu verleitet, das Weltbild der Ökonomie in Richtung des newtonschen Determinismus zu rücken[18]. Der “Homo Oeconomicus” lässt sich mit sehr wenigen logischen Regeln beschreiben.[19] Er entscheidet aus seiner Rationalität heraus und nicht aus freiem Willen. “Er kennt nur rationale Entscheidungen und deshalb sind seine Entscheidungen auf Grund der Rationalität vorhersag­bar und determiniert.”[20]

Nach neoklassischen Ansätzen tendieren sich selbst überlassene Märkte prinzipiell zu einem Marktgleichgewicht. Daher lassen sich damit Verteilungsprobleme grundsätzlich auch ohne Eingreifen staatlicher Regulierungsinstanzen lösen. “Der Marktmechanismus selbst,” so Michael Aßländer, “sei in der Lage, eine effiziente Güter- und Faktorallokation herbeizuführen. Selbst wenn dies im Einzelfall zu Ergebnissen führen sollte, die sozialpolitisch bedenklich erscheinen, müsse dies toleriert werden, da der Allokationsmechanismus der Märkte generell zu besseren Ergebnissen führe, als dies durch das Eingreifen staatlicher Instanzen erreicht werden könnte. Konsequent fordert die Neoklassik daher die Deregulierung von Märkten, den Abbau von Marktzugangsbeschränkungen, die Aufhebung kartell- und arbeitsrechtsrechtlicher Bestimmungen und eine möglichst zurückhaltende staatliche Wirtschaftspolitik.”[21]

Im dritten Teil dieser Reihe stelle ich ausgewählte Kritikpunkte zusammen und gehe der Frage nach, warum trotz der Kritik am neoklassischen Paradigma festgehalten wird. Im vierten Teile wage ich mich dann an den Punkt, warum der ökonomische Modellmensch kein Referenzmodell sein kann.


[1] Olaf Schräder, Wohin wollen wir gehen, München 2008, S. 27.

[2] Zitiert nach Stephan Franz, Grundlagen des ökonomischen Ansatzes: Das Erklärungskonzept des Homo Oeconomicus, Universität Paderborn, Working Paper 2004-02, S. 3

[3] Olaf Schräder, Wohin wollen wir gehen, München 2008, S. 12

[4] Stephan Franz, Grundlagen des ökonomischen Ansatzes: Das Erklärungskonzept des Homo Oeconomicus, Universität Paderborn, Working Paper 2004-02, S. 11

[5] Stephan Franz, Grundlagen des ökonomischen Ansatzes: Das Erklärungskonzept des Homo Oeconomicus, Universität Paderborn, Working Paper 2004-02, S. 4 ff.

[6] Olaf Schräder, Wohin wollen wir gehen, München 2008, S. 24.

[7] Olaf Schräder, Wohin wollen wir gehen, München 2008, S. 25. Damit wird der Nutzenbegriff freilich tautologisch, weil jedes Handeln als nutzenorientiert interpretiert wird.

[8] Franz hält in seiner Erklärung fest, “dass rationales Handeln im Rahmen der (ökonomischen) Verhaltenstheorie eine deskriptive Annahme ist und keine normative Forderung. Die beiden Ebenen vermischen sich oft, auch deshalb, weil eines der Ziele der Wirtschaftswissenschaften die Fähigkeit zur Gewinnung rationaler Handlungsanleitungen ist. Vgl. Stephan Franz, Grundlagen des ökonomischen Ansatzes: Das Erklärungskonzept des Homo Oeconomicus, Universität Paderborn, Working Paper 2004-02, S. 4 f.

[9] Stephan Franz, Grundlagen des ökonomischen Ansatzes: Das Erklärungskonzept des Homo Oeconomicus, Universität Paderborn, Working Paper 2004-02, S. 5. Siehe ebda. zur weiteren Differenzierung der Rationalitätsannahme und Kritik.

[10] Olaf Schräder, Wohin wollen wir gehen, München 2008, S. 20.

[11] Stephan Franz, Grundlagen des ökonomischen Ansatzes: Das Erklärungskonzept des Homo Oeconomicus, Universität Paderborn, Working Paper 2004-02, S. 6.

[12] Olaf Schräder, Wohin wollen wir gehen, München 2008, S. 21. Schräder weist außerdem darauf hin, dass es in der Denkfigur des “Homo Oeconomicus” kein moralisches Handeln gibt. Daher “müssen die Kosten für un­moralisches Handeln so hoch sein, dass das Individuum sie aus eigennützigen Interessen zu vermeiden versucht. Die Kos­ten für moralisches Handeln müssen dagegen relativ niedrig ausfallen.”

[13] Vgl. Stephan Franz, Grundlagen des ökonomischen Ansatzes: Das Erklärungskonzept des Homo Oeconomicus, Universität Paderborn, Working Paper 2004-02, S. 7.

[14] Olaf Schräder, Wohin wollen wir gehen, München 2008, S. 22.

[15] Stephan Franz, Grundlagen des ökonomischen Ansatzes: Das Erklärungskonzept des Homo Oeconomicus, Universität Paderborn, Working Paper 2004-02, S. 7.

[16] Vgl. Kurt Dopfer, Grundzüge der Evolutionsökonomie – Analytik, Ontologie und theoretische Schlüsselkonzepte, Universität St. Gallen Discussion Paper no. 2007-10, S. 13.

[17] Arne Heise, Ende der neoklassischen Orthodoxie? Wieso ein methodischer Pluralismus gut täte, in: Wirtschaftsdienst 7/2007, S. 3 f.

[18] Vgl. Walter Ötsch, Die mechanistische Metapher der Theoriengeschichte der Nationalökonomie, Arbeitspapier der Universität Linz, 1993, S. 2:

“Die dominante Nationalökonomie hat eine heimliche Grundlage, die von ihren Anhängern selten reflektiert wird. Es ist dies das mechanistische Welt-Bild: der Glaube, der Erkenntnisbereich der Wirtschaftstheorie sei letztlich eine Maschine (ontologisches Argument) und/oder könne prinzipiell wie eine Maschine untersucht und dargestellt werden

(methodologisches Argument).“

[19] Olaf Schräder, Wohin wollen wir gehen, München 2008, S. 26.

[20] Olaf Schräder, Wohin wollen wir gehen, München 2008, S. 21.

[21] Michael Aßländer, Vom „klassischen Irrtum“ der Neoklassik, in zfwu 7/2 (2006), S. 2006. Die Position, die Marktkräfte wirken zu lassen, wird etwa auch dem Sachverständigenrat in Deutschland nachgesagt. Vgl. dazu Vgl. Norbert Häring, Sachverständigenrat in der Kritik – Nicht auf diese Weise, Handelsblatt v. 2.2.2015.

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