Neoklassik und “Homo Oeconomicus” (4): Warum der ökonomische Modellmensch kein Referenzmodell sein kann

by Dirk Elsner on 9. März 2015

Nach der Eröffnung dieser Reihe (Teil 1) und der Vorstellung des “Homo Oeconomicus (Teil 2)” sowie ausgewählten Kritikpunkten (Teil 3), ist es nun Zeit, diese Reihe zu beenden. Meine Hauptkritik am Modell des “Homo Oeconomicus” liegt vor allem darin, dass es Ökonomen als “normatives Referenzmodell” dient und Abweichungen davon als “dumm und irrational” gewertet werden. Diese Anmaßung der Ökonomen ist hochgefährlich, denn insbesondere die Arbeiten von Martin Nowak, Edward O. Wilson und vielen anderen haben meines Erachtens sehr deutlich gezeigt, dass wir Menschen uns längst ausgerottet hätten, wenn wir uns alle verhielten wie der Referenzmensch der Ökonomie.

 

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Kein Vorbild für seine Familie: Walter White

In einem Verhaltensmodell für die Ökonomie kann der “Homo Oeconomicus” bestenfalls ein Modul sein, es kann aber nicht allein stehen.

Unterscheidung zwischen positiver und normativer Theorie

Ökonomen verstehen die Ökonomie als positive Theorie mit dem Versuch, das ökonomische Handeln des Menschen zu erklären und keine Werturteile über das Verhalten abzugeben.[1]

Benny Briesemeister setzte sich vor Weihnachten 2014 in einem Diskussionsbeitrag mit dem “Homo Oeconomicus” im Blog Discover Neuro auseinander. Er weist darauf hin, dass viele im Neuromarketing tätige Wissenschaftler immer wieder betonen, dass das Modell des “Homo Oeconomicus” empirisch widerlegt wurde. Die Wissenschaftler unterliegen damit aber einem Irrtum, denn das Modell kann nämlich nicht empirisch widerlegt werden, weil es kein deskriptives, sondern ein normatives Modell ist.[2]

Die ökonomische Theorie in der neoklassischen Ausprägung beschreibt als normative Theorie in der Regel einen Gleichgewichtszustand. Dies kann z.B. ein allgemeines Gleichgewicht im Sinne von Leon Walras, verbunden mit einem Pareto-Optimum sein. Ökonomen interpretieren dann die Realität als Abweichung von diesem Idealzustand, z.B. starre Löhne, die hoch angesetzt sind, führen zu Arbeitslosigkeit. Die Beschreibung eines Gleichgewichtszustandes hat in der Regel normative Implikationen.[3]

Ein anderer Ansatz (positive Theorien) “stützt sich auf die Beobachtung der historischen Realität. ‚Systematisch erklären‘ bedeutet hier das Erforschen von Ursachen, die das Zustandekommen einer bestimmten Erscheinung (Preis, Beschäftigungsniveau) bewirken (z.B. mangelnde effektive Nachfrage als Ursache von Arbeitslosigkeit). In einem ersten Schritt sollen Kausalbeziehungen in reiner Form herausgearbeitet werden, die darstellen, wie die Kausalkräfte im Prinzip wirken.”[4]

Abweichungen von Modellbedingungen als Anomalie?

Ökonomen sprechen häufig von “Verhaltensanomalien”, wenn Menschen nicht nach der Maximierung ihres Nutzens streben[5]. Mich ärgert das, weil die insbesondere von der “Behavioral Economics” verwendete Bezeichnung “Verhaltensanomalie” voraussetzt, dass es ein bestimmtes “Normalmaß” des Verhaltens gibt. Und dieses “Normalmaß” wird von Ökonomen anhand theoretischer Modelle bestimmt[6]. Was ist das für eine unglaubliche Anmaßung?

Deutlicher bringt das Karl-Heinz Brodbeck auf den Punkt:

“Das Robotermodell des homo oeconomicus, das in der Abstraktion des methodologischen Individualismus als Spiegelbild eines physikalistischen Gesetzesbegriffes formuliert wird, kann als Norm gedeutet werden, worin sich die soziale Aufgabe der „reinen Ökonomie“ zeigt: Sie fungiert als Ethik, in der Menschen auf einen homo oeconomicus reduziert werden sollen.”[7]

Das alles bedeutet nicht, dass die ökonomischen Modell nichts taugen. Ich halte viele Modelle als gut geeignet für in der Praxis verwendbare Heuristiken. Den Modellimperialismus im Sinne z.B. von Hans Werner Sinn halte ich dagegen für vollkommen ungeeignet. Und vielleicht ist er sogar schädlich bzw. gefährlich für die Gesellschaft.

Homo Oeconomicus prägt die politische und wirtschaftliche Praxis

Eine wichtige Kritik an dem Modell ist, dass es moralische Werturteile leugnet und die Modelle mit quasi naturwissenschaftlichen Anspruch verwendet werden. Das gaukelt eine absolute Objektivität vor, die es aber nicht gibt. Andreas Plecko schreibt dazu:

“Das Elend der Ökonomen resultiert daraus, dass sie ihre Wissenschaft in die Nähe der Naturwissenschaften gerückt haben, obwohl es sich um eine Sozialwissenschaft handelt. In Diagrammen und mathematischen Formeln isolierbare Faktoren kommen in der Wirklichkeit so gut wie nie vor, das Zusammenwirken und gegenseitige Abhängigkeit ist die Regel.

In Wahrheit ist die Wirtschaftswissenschaft genauso präzise wie zum Beispiel die Geschichtswissenschaft. Doch Geschichte wird von Geschichtsschreibern erschaffen, sie ist viel eher ein Zweig der Literatur als Realität.”[8]

Problematisch wird dies, weil die ökonomische Theorie, genauer die Neoklassik, nicht nur das Denken der Wirtschaftswissenschaftler bestimmt, sondern es Denkmodelle für die Politik, die Medien und in tausenden Verästelungen des wirtschaftlichen Alltags liefert. Es darf vermutet werden, dass es eine Rückkopplung dieses Menschenbildes auf die Menschen selbst gibt. Die ökonomische Theorie impliziert also auch viele Handlungen mit realen Folgen.[9]Karl-Heinz Brodbeck schreibt dazu:

“Sie wird von vielen Menschen immer wieder als fremde Abstraktion ganz praktisch erfahren, wenn Effizienz- oder Rationalitätsgründe geltend gemacht werden, um Handlungen zu begründen. Zwar mag es zutreffen, dass die ökonomische Theorie vielfach nur die Interessen der Gewinner bei diesem Prozess in eine theoretische Form gebracht hat, wie die Ideologietheorie behauptet. Doch ich möchte, im Unterschied zur Ideologietheorie, betonen, dass diese Theorie nicht einfach kausal durch derartige Interessen als „verhimmelter Nebelschleier“ (Marx) hervorgebracht und damit entschuldigt ist.”[10]

“Ökonomik wird verstanden als Methode zur Analyse menschlichen Handelns. Handeln wird erklärt aus Präferenzen und Restriktionen, verbunden durch die – rein positive – Rationalitätsannahme. Die Präferenzen werden – methodisch, theoricstrategisch, nicht sachlich – stabil gesetzt, und alle Verhaltensänderungen werden auf Restriktionenänderungen, auf Veränderungen relativer Preise, zugerechnet. Die quasi-tautologische Schließung des Erklärungsansatzes stellt keine empirische Behauptung dar, sondern eine präempirische Suchanweisung, Heuristik, der Art, daß der Forscher bei der Erklärung von Verhaltensänderungen nicht zu Präferenzenänderungen, Wertewandel oder Irrationalität Zuflucht nehmen, sondern – bis auf weiteres – mit (vermuteten) Kostenänderungen arbeiten soll.”[11]

Arne Heise ergänzt, dass die großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute mittlerweile (Stand war allerdings 2007) fast alle in der präsidialen Spitze dem neoklassischen Benchmark-Modell verpflichtet seien. Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) und die wissenschaftlichen Beiräte werden seit langer Zeit von Vertretern des neoklassischen Benchmark-Modells dominiert.[12]

Frank Schirrmacher wirft dem Denkmodell des homo oeconomicus vor „es entwickelte sich zu einer schleichenden, jahrzehntelangen Schulung in Egoismus.“ Er spricht hier auch von einem „System der Indoktrination“, und zwar in „Misstrauen und Selbstsucht“.[13]

In seinem letzten Buch Ego arbeitete Schirrmacher heraus, “dass das Verhaltens- und Denkmodell des „neuen“ homo oeconomicus nicht von Psychologen, sondern von Ökonomen, Physikern und Mathematikern für das Militär entwickelt wurde. Denn nur mit dieser Annahme kann man die ganze Komplexität des menschlichen Verhaltens in die Sprache der Mathematik übersetzen. Nach Ende des Kalten Krieges wurden diese Ansätze nach Schirrmacher für die Wirtschaftspraxis und vor allem auch für die Finanzmärkte übernommen. “Wie die vielen Gerichtsverfahren wegen Betrugs, Täuschung etc. in der Finanzbranche zeigen, lag diese verschärfte homo oeconomicus- Annahme nicht nur den Wall Street Modellen zugrunde, sondern war für einige (viele?) insbesondere aus der Finanzbranche (aber nicht nur!) auch prägend im Sinne eines Leitbildes für das persönliche Verhalten.”[14]

Abschließend noch einmal Brodbeck, der sich in seinem Text intensiv mit der Kritik der einzelnen Annahmen beschäftigt, mit einer wichtigen Kernaussage:

“Wenn die meisten Menschen („systematisch“) „soziale Präferenzen“ haben, gehen die auf diesen neoklassischen Modellen fußenden Empfehlungen zwangsläufig und „systematisch“ an der Realität vorbei. Der Grund für eine solche Vorgehensweise dürfte wohl darin bestehen, eindeutige und schlichte Politik-Empfehlungen zu bekommen. Dies allerdings zum Preis, dass diese Empfehlungen in die falsche Richtung gehen, d.h. dann auch „systematisch“ falsch sind.“[15]

“Das Scheinwissen der Neoklassik führt(e) zu Prägungen, die in Politik und Unternehmen fortwirken und dort zu falschen Entscheidungen und Verhaltensweisen führ(t)en .”[16]

Im Klartext bedeutet dies, Entscheidungen oder Verhaltensvorsagen, die auf Basis eines in sich zwar korrekten aber für die (volks-)wirtschaftliche Praxis irrelevanten Modells erfolgen, taugen nichts bzw. können sogar gefährlich sein. Ein Beispiel für eine solche Gefährdung wird in der Finanzkrise 2007 gesehen. Wesentliche Ursachen der Krise kommen aus dem Finanzsektor, der

  1. nach den Imperativen der Neoklassik gearbeitet hat und der aber
  2. in den ökonomischen Standardmodellen der Ökonomen gar nicht vorkommt[17].

Bei diesen Vorwürfen ist es kein Wunder, dass die Vorwürfe, die Neoklassik sei eine Ideologie, vielleicht sogar eine herrschaftssichernde Ideologie, von immer mehr Fachleuten erhoben werden.

Allerdings gibt es aus den letzten Jahrzehnten verschiedenste ökonomische Ansätze, die die Ökonomie längst von dem septischen Modell der Neoklassik wegbewegt haben, sich aber meist im gleichen paradigmischen Umfeld bewegen.

Aber das wäre an anderer Stelle zu vertiefen.

Welches Modell soll man verwenden?

Zum Abschluss dieser Reihe könnte man noch fragen, welches Modell man denn als Alternative zum “Homo Oeconomicus” verwenden könnte. Einige Autoren schlagen als Ergänzung den “Homo Cooperativus” oder den “Homo Empathicus” (Rifkin) vor.

Ich persönlich bin nicht der Auffassung, dass diese Modelle eine echte Alternative zum “Homo Oeconomicus” im Sinne einer positiven Theorie sein können. Es ist nämlich auch unbestreitbar, dass wir in der Wirtschaftspraxis viele Menschen auch nach den Prinzipien des “Homo Oeconomicus” handeln sehen. Nicht zuletzt dürfte das auch Frank Schirrmacher mit seinem Buch “Ego” deutlich gemacht haben.

Ein auch für die Wirtschaftspraxis realistischeres Menschenbild muss daher auch den “Homo Oeconomicus” bzw. Facetten seines Verhaltens beinhalten, es darf sich darauf allerdings nicht beschränken. Welches Modell das sein könnte, beschäftigt mich bereits seit einige Zeit. Ich starte dazu eine neue Beitragsreihe.

Es folgen in einem ergänzenden Beitrag noch Hinweise auf die Literatur, die ich für diese Reihe verwendet habe.


[1] Vgl. Olaf Schräder, Wohin wollen wir gehen, München 2008, S. 18.

[2] Benny Briesemeister, “Der homo oeconomicus – ein Diskussionsbeitrag”, Discover Neuro am 22.12.2014.

[3] Vgl. Heinrich Bortis, Einführung in die ökonomische Theoriengeschichte, Skript, o. Jg., S. 1

[4] Heinrich Bortis, Einführung in die ökonomische Theoriengeschichte, Skript, o. Jg., S. 1

[5] Das wird exemplarisch deutlich in diesem Artikel: Kerstin Dämon, Hirnforschung Warum wir falsche Entscheidungen treffen, Handelsblatt Online 2.2.2015.

[6] Das hat Hans-Werner Sinn im November 2014 erneut unmissverständlich formuliert in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung: Sie sind wie Spürhunde, SZ Online am 1.11.2014

[7] Karl-Heinz Brodbeck, Ökonomische Theorie als implizite Ethik, erschienen in: Markus Breuer, Alexander Brink, Olaf. J. Schumann (Hg.): Wirtschaftsethik als kritische Sozialwissenschaft, Bern-Stuttgart-Wien 2003, PDF-Druck, S. 21

[8] Andreas Plecke, „Korrekt, präzise und absolut nutzlos“ – das Elend der Ökonomen”, Wall Street Journal Deutschland am 19.12.2014.

[9] Olaf Schräder, Wohin wollen wir gehen, München 2008, S. 27.

[10] Karl-Heinz Brodbeck, Ökonomische Theorie als implizite Ethik, erschienen in: Markus Breuer, Alexander Brink, Olaf. J. Schumann (Hg.): Wirtschaftsethik als kritische Sozialwissenschaft, Bern-Stuttgart-Wien 2003, PDF-Druck, S. 21

[11] Karl Homann u. Christian Kirchner, Ordnungsethik, in: Von der Theorie der Wirtschaftssysteme zur ökonomischen Systemtheorie, hrsgegeb. von Philipp Herder-Dorneich, Karl-Ernst Schenk,Dieter Schmidtchen S. 190 f.

[12] Arne Heise, Ende der neoklassischen Orthodoxie? Wieso ein methodischer Pluralismus gut täte, in: Wirtschaftsdienst 7/2007, S. 8.

[13] Frank Schirrmacher, Ego – das Spiel des Lebens, München 2013, S. 27, zitiert nach Karlheinz Ruckriegel,Abschied vom homo oeconomicus, Skript der 5. Lindauer Tagung der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften vom 20. – 23.8.2014, Fassung vom 1.10.2014, S. 22.

[14] Karlheinz Ruckriegel,Abschied vom homo oeconomicus, Skript der 5. Lindauer Tagung der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften vom 20. – 23.8.2014, Fassung vom 1.10.2014, S. 23.

[15] Karlheinz Ruckriegel,Abschied vom homo oeconomicus, Skript der 5. Lindauer Tagung der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften vom 20. – 23.8.2014, Fassung vom 1.10.2014, S. 24.

[16] Karlheinz Ruckriegel,Abschied vom homo oeconomicus, Skript der 5. Lindauer Tagung der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften vom 20. – 23.8.2014, Fassung vom 1.10.2014, S. 37.

[17] Vgl. z.B. Simon Nixon, Das peinliche Versagen der Ökonomen, Wall Street Journal Deutschland am 12.1.2013.

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