Exportrekord und das weiter gestiegene Importdefizit Deutschlands interessiert anscheinend nicht mehr

by Dirk Elsner on 19. Mai 2015

In Deutschland haben wir uns an die Meldungen von neuen Exportrekorden gewöhnt, wie

Erst im Kleingedruckten findet man den Hinweis, dass auch die Importe einen neuen Rekordwert erreichten. Das ist erst einmal gut. Die Meldungen verschweigen allerdings den hohen Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz von 60,4 Mrd. Euro. Damit steuert Deutschland auch hier auf einen Rekordkurs zu. Und das ist nicht gut, interessiert aber offensichtlich niemanden. OK, es interessiert fast niemanden. Ambrose Evans-Pritchard beleuchtet für den britischen Telegraph kritisch die laufenden Überschüsse.  Die Nachdenkseiten haben diesen Artikel übersetzt:

Deutschlands Rekord-Handelsüberschuss ist eine größere Bedrohung für den Euro als Griechenland

Hier noch einmal die wichtigsten vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Eckdaten der Leistungsbilanz für das erste Quartal 2015 im Vergleich zu 2014,

In den vergangenen Jahren noch lösten die hohen Überschüsse, die man besser als Importdefizite (zur Herkunft des Begriffs hier) bezeichnet, Kritik in der EU und  beim IWF aus. Im letzten Jahr wollte die EU-Kommission sogar eine Untersuchung dazu einleiten (ist das eigentlich was heraus gekommen?). Diesmal wurde die Kritik nur zaghaft erneuert.

Ich hatte in “Die Crux mit dem deutschen Leistungsbilanzüberschuss” darüber geschrieben, dass wir in Deutschland außerhalb von Fachkreisen dieses heikle Thema konsequent ignorieren und es oft falsch verstanden wird. Hohe Leistungsbilanzüberschüsse führen, und das ist mathematische Logik, in anderen Ländern zu Defiziten, die finanziert werden müssen (siehe dazu  Claus Hulverscheidt in “Alles nur Mathematik”). Mit anderen Worten: Mit den Leistungsbilanzüberschüssen exportiert Deutschland die Verschuldung. In der betriebswirtschaftlichen Praxis sind Lieferantenkredite zwar üblich und geübt. Auf volkswirtschaftlicher Ebene landet die Verschuldung aber oft beim Staat und bei den Banken, die dann, das haben wir nun zigfach gesehen, wieder gerettet werden müssen. Nach meiner Auffassung exportieren wir nicht zu viel, sondern importieren zu wenig.

Stefan Bielmeier schrieb dazu kürzlich in der Wirtschaftswoche:

“Im Jahr 2014 flossen netto 240 Milliarden Euro Kapital aus Deutschland an das Ausland, im Wesentlichen in Gestalt von Direktinvestitionen und Wertpapieranlagen. Diese Mittel wurden in Deutschland erspart, aber nicht investiert. Vielmehr wurden sie an das Ausland "verliehen" und dort letztlich für Investitionen oder auch konsumtive Ausgaben verwendet.”

Auf ZEIT Online diskutierten über die Frage: Exportieren wir zu viel?

Mark Schieritz: Ja und Philip Faigle: nein

Faigle schreibt:

“Einer der wesentlichen Gründe für den historischen Exportboom ist der schwache Euro. Eine schwache Währung hilft jeder Exportwirtschaft, denn sie macht die heimischen Produkte auf den Weltmärkten billiger. Deshalb fällt es deutschen Firmen leichter, ihre Produkte an Kunden in den aufstrebenden neuen Wirtschaftsmächten zu verkaufen: in China, Indien oder Brasilien. Die Ausfuhren in diese Länder wachsen in der Tat rasant.”

Der schwache Euro verschafft deutschen Unternehmen sehr große Vorteile. Und möglicherweise stellen deswegen viele Unternehmen ihre Investitionen zurück. Warum investieren, wenn die Umsätze auch so gut laufen?

Zur mangelnden Investitionsneigung in Deutschland schrieb der DIHK im vergangenen Jahr:

“Die Investitionsquote in Deutschland ist zu gering – gemessen an der Wirtschaftsstruktur und auch im internationalen Vergleich.Während Deutschland 2012 beispielsweise 17,5% seiner Wirtschaftsleistung investiert hat, waren es im Schnitt der anderen Industrieländer 21,4% (z. B. Österreich 27%, Schweden 21%). In den Jahren davor sah es nicht viel besser aus, so dass sich nach DIHK-Berechnungen seit 2005 im internationalen Vergleich eine durchschnittliche Investitionslücke von etwa 3% am BIP ergibt. D.h. es hätten pro Jahr etwa 80 Mrd. Euro mehr in Deutschland investiert werden müssen. Mindestens – denn ob das ausreichend gewesen wäre, ist nicht einmal sicher: Deutschland braucht wegen seines hohen Industrieanteils und der damit verbundenen hohen Kapitalausstattung eher noch mehr Investitionen.”

Steigt der Euro an, wird dies auch die deutsche (Export-) Wirtschaft spüren. Spätestens dann dürften aber auch die Investitionen wieder anspringen, weil man dann wieder mehr tun muss für die Wettbewerbsfähigkeit.

PS

Aber selbst wenn mich hier die mangelnde Wahrnehmung stört, bedeutet dies noch lange nicht, dass hier ein staatlicher Eingriff notwendig ist.

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