Warum mir nichts mehr zu Griechenland einfällt

by Dirk Elsner on 22. Juni 2015

Heute spitzt sich zum gefühlt 523. Mal die Griechenlandkrise zu einem “Endspiel” zu. Die europäischen Staats- und Regierungschefs treffen sich heute in Brüssel, um mal wieder die nun wirklich allerlalleretzte Chance zu nutzen, eine Lösung für die Schuldenkrise Griechenlands zu präsentieren. Griechenland benötigt Geld, um fällige Kredite zu bedienen. Erhält das Land die Mittel nicht, kann das Land viele fällige bzw. in Kürze fällig werdende Zahlungsverpflichtungen nicht erfüllen. Das alles ist bekannt und breit diskutiert.

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Warten darauf, dass die Krise zuschnappt

Am Wochenende fragte mich ein regelmäßiger Leser, ihm falle auf, dass ich trotz Zuspitzung der Lage, nichts mehr über die Griechenlandkrise schreiben würde. Das stimmt. Und der Grund ist ganz einfach: Mir fällt derzeit kein zusätzlicher Aspekt ein, den ich nicht bereits früher oder der an anderen Stellen bereits beleuchtet wurde. Mittlerweile ist tatsächlich mehrfach alles und zwar von jedem gesagt worden.

Es gibt mittlerweile eine irrsinnige Kakophonie von Analysen, Ratschlägen, Drohungen, Warnungen und Untergangsszenarien, dass ich müde geworden bin, diesen zu folgen. Ähnlich ging es mir bereits 2011. Schon damals schrieb ich anlässlich eines Sondergipfels:

“Heute treffen sich die Regierungschefs der Eurostaaten zu einem Sondergipfel in Brüssel, um eine Lösung der griechischen Schuldenkrise zu finden. Es ist in den letzten Wochen viel zu viel geredet, gedroht und Panik gemacht worden. Ich habe schon lange die Lust an der Lektüre der ewigen Warnmeldungen verloren oder betrachte sie nur noch unter anekdotischer Perspektive. Und ich mag im Vorfeld weder über irgendwelche Lösungsvorschläge spekulieren, noch die Spekulationen kommentieren. Mir reichen die permanenten Pseudodrohungen, wie etwa die des Ex-EZB-Chefökonom Issings, der die Angst vor einem Gau schürt oder der griechische Finanzminister, der einen globalen Schock befürchtet, wie bei der Lehman-Pleite”.

Damals hatte ich meine Mindmap zu Schuldenkrise regelmäßig aktualisiert. Darin enthalten u.a. eine Sammlung von Vorschlägen von 43 “Experten” und Institutionen sowie die bis dahin beschlossenen und angedachten Maßnahmen für Griechenland und andere Länder. Seit damals dürfte sich die Zahl der Ratschläge vervielfacht haben, ebenso die Anzahl der Maßnahmen. Bringt es heute noch etwas, sich damit zu befassen?

Ist es sinnvoll das Posen von Yanis Varoufakis, seine angeblich spieltheoretischen Kniffe oder seine Blogeinträge (wie hier zum Treffen der Eurogroup am vergangenen Donnerstag, deutsche Fassung hier) zu analysieren. Soll man sich über die angeblich Starrköpfigkeit von Wolfgang Schäuble oder der Eurogruppe aufregen, die alle auf früher getroffene Vereinbarungen mit Griechenland pochen?

Macht es Sinn, einen Liveticker für Barabhebungen und einen möglichen Bankrun in Griechenland einzurichten. Soll ich noch einmal wiederholen, dass der europäische Bankenrettungsfonds nicht ausreicht, wenn in Griechenland und in der Folge weitere Banken anderer Staaten aufgefangen werden müssen? Soll man Autoren glauben, die schreiben “Pro Grexit: Kein Grund zur Panik” oder Fachleute die meinen, ein Grexit würde Europa gefährden.

Das unglaubliche Rauschen vieler durch Interessen und Machtpositionen gefilterter Analysen und Positionen macht deutlich, dass nichts klar ist. Ich finde nur noch wenige neue, interessante Positionen, was aber auch daran liegen könnte, dass ich die meisten Beiträge zu Schuldenkrise derzeit ignoriere. Einer der wenigen Beiträge, die ich erfrischend fand, war übrigens “Debatte um Griechenland ein Rätsel, ökonomisch betrachtet” von Frank Lübberding. Er hat sich darin mit der Kritik an der griechischen Reformen befasst und kommt dabei zu einer ganz überraschenden Position.

Der Journalist und verstorbene FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher hatte den Irrsinn des Expertentums in seinem neuen BuchEGO – Das Spiel des Lebens aufs Korn genommen und geht dabei auch kritisch mit der eigenen Zunft:

“Und auch, wenn Journalisten so tun, als sei es das Normalste von der Welt, haben sich Experten, Nobelpreisträger, Politiker und Medien selbst in der Beurteilung eines vergleichsweise überschaubaren technischen Vorgangs zum Teil radikal widersprochen. Ihre Dialoge klingen wie die Art bruchstückhafter Funkverkehr, der in Katastrophenfilmen immer zu falschen Schlüssen führt:

  • »…es gibt keine Alternative, Over …«
  • »… scheitert der Euro, scheitert Europa, Copy…«
  • Diese Funksprüche werden in einem Kontext gesendet, den die Politik selbst vorgab:
  • »… die größte Krise seit der Großen Depression …«
  • »… das gesamte System vor dem Zusammenbruch …«
  • »… Armageddon…«”

Schirrmacher beschrieb darin auch das mediale Hintergrundrauschen zur Krise:

“Journalisten, Experten, Talkrunden, die im 48-Stunden-Takt einander und sich selbst völlig widersprechende Deutungen liefern.

Es gibt wohl keinen Europäer, dem das Deutungs- und Meinungschaos der letzten Jahre entgangen wäre, einfach deshalb, weil es mit einem extremen Grad permanenter Wiederholung vermittelt und gesendet wird, gerade so, als würde durch die schiere Wiederholung der Sachverhalt geklärt. Das geschieht aber nicht deshalb, weil der Sachverhalt so komplex wäre, sondern weil er im wahrsten Sinne des Wortes bereits akustisch nicht zu verstehen ist. Und Pilot und Bodenstation können sich bekanntlich bei Unklarheiten, bei denen es um Leben oder Tod geht, nicht zusammensetzen, um die Dinge aus einer anderen Perspektive zu diskutieren, stattdessen wiederholen sie nur stets die gleiche Information, bis sie »kopiert«, also bestätigt wird.”

Mir bleibt hier nur zu sagen, dass ich die fragmentierten Auflösungserscheinungen in Europa sehr bedauere. Griechenland, England und viele populistische Anti-Parteien in immer mehr Ländern Europas bereiten mir Sorgen. Liegen darin die Vorboten des Scheiterns der europäischen Idee?

Es ist schwer zu sagen, wo das hinführen kann. Eine Ursache für diese Entwicklungen könnte in der großen Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen europäischen Funktionselite liegen. Sie ist offenbar trotz des enormen Wissens nicht in der Lage, die aktuellen Herausforderungen zu lösen.

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