Die Berichterstattung über die wertlos gewordenen Zertifikate der Investmentbank Lehman Brothers zu erheblichen Unsicherheiten bei Anlegern geführt. Diese sogenannten Strategie-Zertifikate sind beliebte aber riskante Spekulationspapiere, mit denen auch Kleinanleger Strategien an den Finanzmärkten realisieren können, die sonst nur den “Großen” vorbehalten sind. Dazu konstruieren Finanzingenieure rechtlich gesehen Schuldverschreibungen, deren Auszahlungsstruktur an bestimmte Kursentwicklungen oder Ereignisse gekoppelt sind.
Meinen Artikel vom vergangenen Freitag zu den Ausfallrisiken bei Optionsscheinen und Zertifikaten nehme ich zum Anlass, weitere Hintergründe über die sonstigen Risiken dieser verbrieften Anlagepapiere zu geben. Dabei lasse ich bewusst die üblichen Marktrisiken (Preis, Zinsen, Volatilität) weg. Auf diese Risiken wird auf einschlägigen Webseiten und in den Aufklärungsunterlagen der Banken ausreichend verwiesen.
Grundsätzlich handelt es sich ja bei den Optionsscheinvarianten und Strategie-Zertifikaten um Schuldverschreibungen, deren Auszahlungsversprechen durch den Emittenten an bestimmte Bedingungen gekoppelt sind. Diese spezifizierten Bedingungen wiederum sind vor allem von Preisentwicklungen (z.B. Preise von Aktien, Zinssätze, Rohstoffpreise, Indexstände etc.) und bestimmten Ereignissen (z.B. Termine, Über- oder Unterschreiten eines Schwellemwertes etc.) gekoppelt.
Etwas ganz anderes dagegen sind die Sparkassenzertifikate. Diese von Sparkassen unter der Bezeichnung „Zertifikate“ herausgegebenen „Papiere“ sind im Prinzip das genau Gegenteil der oben erwähnten “Zockerpapiere”. Es handelt sich im Prinzip um Spareinlagen mit fester Verzinsung, über die die Kunden unter Beachtung vereinbarter Kündigungsfristen jederzeit verfügen können. Mit diesen Papieren tragen die Kunden keinerlei Kursrisiken. Das Bonitätsrisiko ist zudem durch die zusätzliche Einlagensicherung der Sparkassen abgedeckt. Immerhin ist dies ein gutes Beispiel, wie allein eine doppelt besetzte Bezeichnung bei Kunden zu Fehlinterpretationen und Verwirrungen führen kann.
Hier jetzt die Risikobetrachtung für die Strategiezertifikate und die sogenannten gedeckten Optionsscheine:
Ausfallrisiko
Unter dem Ausfallrisiko wird das Risiko verstanden, dass der Emittent ausfällt und seine Verpflichtungen aus dem Papier nicht mehr im versprochenen Umfang oder zum versprochenen Zeitpunkt nachkommen kann. Es nützt also wenig, wenn ein Optionsschein bei Fälligkeit „im Geld“ ist, also rechnerisch einen Wert hat, wenn der Emittent sein Zahlungsversprechen nicht einhalten kann. In diesem Fall erhält der berechtigte Inhaber des Zertifikats ebenfalls kein Geld oder zu einem späteren Zeitpunkt. Hat der Herausgeber des Zertifikates Insolvenz angemeldet, dann kann der Inhaber auf Befriedigung aus der Insolvenzmasse hoffen.
Bewertungsrisiko
Häufig geht man davon aus, dass die Papiere als derivative Instrumente tendenziell einem komplexen Bewertungsmodell folgen. Solche meist wissenschaftlich hergeleiteten Modelle bewerten die Papiere anhand verschiedener Faktoren wie Aktienkurse, Volatilität, Marktzins, erwartete Dividende, Restlaufzeit, Basispreis, Ausübungszeitpunkt und weitere Parameter. Tatsächlich notieren die Papiere aber häufig nicht an dem erwarteten Modellwert sondern schwanken aus unterschiedlichen Gründen um diesen Modellwert herum.
Dies kann an Ungenauigkeiten der Bewertungsmodelle liegen, mit denen die Werte unter bestimmten Annahmen berechnet werden, oder an anderen nicht bekannten Parametern. Das Bewertungsrisiko liegt also darin, das es zu solchen Abweichungen der Papiere vom Modellwert kommen kann und diese Abweichungen sich im Zeitablauf verändern.
Liquiditätsrisiko
Darunter wird das Risiko verstanden, dass die Papiere zum Zeitpunkt einer Transaktion auf Grund mangelnder Marktliquidität zu einem schlechteren Preis als erwartet gehandelt werden können. Die Marktliquidität kann z.B. beobachtet werden an der Geld-Brief-Spanne und den Umsätzen, die zu den jeweiligen Preisen stattfinden. Das Liquiditätsrisiko spielt keine Rolle, wenn das Papier bis zur Fälligkeit gehalten wird.
Eine Kapitalanlage wird auch als liquide bezeichnet, wenn Anleger sie jederzeit zu einem „marktgerechten Preis“ veräußern können. Wenn bestimmte Papiere nicht genügend Liquidität aufweisen, dann können schon kleine Umsätze bereits zu erheblichen Kursschwankungen führen. Ein Verkauf vor Fälligkeit kann in solchen Fällen zu Kursabschlägen führen. Je liquider ein Wert gehandelt wird, desto geringer ist der Spread, also die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs.
Ein guter Indikator für liquide Papiere kann sein, wenn der Emittent oder andere Institutionen sich verpflichten, jederzeit verbindliche Preise zu nennen, zu denen man kaufen und verkaufen kann. Dann sollte der Anleger die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs beachten und das Volumen, für das die verbindlichen Preise gelten.
Operationelle Risiken
Zahlreiche spektakuläre Verlustfälle bei Banken in den vergangenen Jahren wurden nicht durch
die Kredit- und Marktrisiken verursacht, sondern durch operationelle Störungen. Mitarbeiterversagen, Kriminalität, Schwächen in der internen Organisation oder den Computersystemen der Banken und Abwickler, aber auch externe Störungen können die Handelbarkeit eines Wertpapiers beeinflussen. Zu den größten operativen Störungen gehörte der 11. September 2001, der für mehrere Tage den Handel in Wertpapieren in den USA zum Erliegen gebracht hat. Derartige Störungen betreffen nicht nur die Finanzinstitute selbst, sondern auch deren Kunden.
Während die Kunden auf Schadensersatz hoffen können, wenn die Schäden durch die Banken selbst verursacht sind, können die Kunden nicht mit Ersatzleistungen rechnen, wenn die Handelsplätze oder Börsensysteme selbst gestört sind. Im Zuge von Finanzkrisen und sehr starker Volatilität kommt es vereinzelt vor, dass Börsen vorübergehend geschlossen werden. Anleger können ihre Papiere dann nicht verkaufen.
Zu den operativen Risiken müssen aber auch Probleme am Computersystem des Kunden gezählt werden, wenn er seine Anlagegeschäfte online abwickelt.
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