Einige Wirtschaftsvertreter disqualifizieren sich mit Anspruchsdenken an Obama

by Dirk Elsner on 22. Januar 2009

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Als ich am Mittwoch Abend einige Kommentare aus der Wirtschaft zur Amtseinführung von Barack Obama lese, schwillt mein Hals bedenklich an. Sachliche Formulierungen fallen mir plötzlich schwer. Da wird bereits Minuten nach der Antrittsrede ein erstaunliches Anspruchsdenken formuliert und wieder einmal die eigene Verantwortung vergessen.

Es fing an mit dem Börsensturz nach der Obama-Rede. “Die US-Börsen zeigten sich enttäuscht über die Antrittsrede des neuen US-Präsidenten. Marktteilnehmer hatten sich Einzelheiten und neue Impulse zur Bewältigung der Finanzkrise erhofft”, schreibt das Handelsblatt und zitiert einen Händler: „Ich denke, dass die Leute auf neue Pläne oder Hoffnungen gewartet haben“, sagte Joe Saluzzi vom Handelshaus Themis Trading.

Da suche ich sofort auf der Website, was denn dieses Handelshaus eigentlich selbst zur Lösung beiträgt. Auf der Presseseite von Themis Trading feiert sich aber der auf OTC-Derivate spezialisierte Broker nur selbst. Stellungnahmen zum Fehlverhalten vieler Finanzinstitutionen oder gar Vorschläge sind dort nicht zu finden.

Das Handelsblatt sieht  in Europa Ernüchterung einkehren und bezieht sich ausgerechnet auf Airbus-Chef  Tom Enders, der in einem Interview mit dem Blatt sagte: „Überall gibt es protektionistische Versuchungen gerade in Krisenzeiten. Wenn etwa diskutiert wird, ob in das US-Rettungspaket für die Industrie eine „buy american“-Klausel eingebaut wird, läuten bei mir die Alarmglocken. Wir brauchen gerade jetzt Zusammenarbeit und offene Märkte – also das Gegenteil von Protektionismus.“ Erstaunlich, dass solche Ängste ausgerechnet von Airbus kommt, einem Unternehmen, das durch enorme Subventionen und Staatsprotektionismus erst dort hin gekommen ist, wo es jetzt stehen darf.

Massive Hilfen für die amerikanischen Autobauer, so fürchtet man in Berlin und Paris, könnten den Markt verzerren und eine internationale Kettenreaktion auslösen, ist in dem Wirtschaftsblatt zu lesen. Da haben wir Steuerzahler wohl in den letzten Monaten etwas falsch verstanden. Änderung in der Pendlerpauschale, Verschrottungsprämie, Steuererleichterungen und angedachte Bürgschaften für Autokonzerne sind keine Hilfen. Die Forderung auf den Protektionsverzicht wirkt nur glaubwürdig, wenn andere Länder ebenfalls auf Fördermaßnahmen verzichten.

Auch erstaunlich, dass sich ausgerechnet die Experten im technischen Protektionismus von Microsoft Sorgen machen und dabei auf die empirischen Erfahrung der Weltwirtschaftskrise verweisen. “Die USA dürften sich nicht abschotten,” zitiert die Zeitung den Europachef des US-Softwarekonzerns Microsoft Jan Mühlfeit

Barack Obama hat weder in seinem Wahlkampf noch in der Übergangsphase gesagt: “Setzt Euch hin und wartet auf meine Pläne. Ich gebe sie bekannt, setze sie mit meinen Leuten um und ihr könnt davon profitieren.” Obama wird Vorschläge machen, aber er fordert seine Landsleute und die Welt zu eigenen Ideen auf. Genau diese Ideen vermisse ich von den öffentlichen Lautsprechern.

Da fragen sich viele, ob Teile der Funktionselite nicht verstanden haben, um was es jetzt geht. Auch ein Barack Obama wird gnadenlos scheitern, wenn alle ihre Erwartungen formulieren, darauf warten, das der US-Präsident sie umsetzt und anschließend darüber klagen, wenn es nicht geklappt hat. Diese Anspruchshaltung ohne eigene Verantwortung richtet sich übrigens nicht nur an die neue US-Regierung, sondern genau so an die europäischen Regierungen. Mich entsetzt und frustriert diese Haltung.

Mr. Saluzzi, Herrn Enders und Herrn Mühlfeit darf man die Seite für Zusammenarbeit von Whitehouse.gov empfehlen. Dort können sie ihre Wünsche eingeben gemeinsam mit eigenen Vorschlägen und Beiträgen. Und auch von den Finanzhäusern darf man etwas mehr intellektuelle Demut erwarten. Man muss nicht unbedingt den verbreiteten Gründerzeit-Pathos teilen, aber man muss nicht sein ohnehin ramponiertes Image noch weiter deformieren, in dem man wie ein Kleinkind Wünsche formuliert und selbst nicht einmal lächeln kann.

Jetzt mag man dem Blick Log vorwerfen, er sei obamized. Mag sein, ist mir aber egal. Obama präsentiert wichtige Komponenten eines modernen Führungsstil, nämlich Führung durch Beteiligung und Delegation von Verantwortung. Er setzt Ziele und einen konkreten Handlungsrahmen (quasi seine Unternehmensstrategie) und gibt seinen “Mitarbeiter” den Raum, mit eigenen Ideen diese Ziele zu erreichen. Und für Obama gilt das gleiche, wie für jeden neuen Vorstand oder Mitarbeiter: Sie müssen erst einmal starten dürfen.

Wir sollten uns erst einmal bemühen, die ökonomische Agenda von Obama wirklich zu verstehen. Besser drückte es der Kommentar eines Leser im Blick Log aus:

“Mehr Augenmaß, Realismus, Verantwortung und Beschränkung auf ein vernünftiges Maß beim Verfolgen wirtschaftlicher Ziele sind angesagt im Mutterland des Kapitalismus und auch bei uns. Es gibt keine vernünftige Alternative zur Marktwirtschaft – das heißt jedoch nicht, dass sie sich nicht weiterentwickeln kann und muss. Vielleicht geht Obama mit seiner ökonomischen Agenda als Begründer des “Capitalism 2.0″ in die Geschichte ein.”

Möglicherweise haben die Börsianer verstanden, dass ihr Willkommen am Mittwoch keinen präsidialen Eindruck hinterlassen hat und sie damit eher den ewigen Skeptikern in die Hände spielen, die sich ohnehin auf die Finanzbranchen eingeschossen haben.  Jedenfalls hat sich der Dow von seinem Tiefstkurs der Obama Ära, nämlich 7.941 Punkten, erholt und mit 8228 Punkten geschlossen, etwas unter dem kurz vorher erreichten neuem Höchstkurs (8.243) der kurzen Regentschaft des 44. Präsidenten.

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