„Bankbilanzen des Schreckens“ eher Medientsunami

by Dirk Elsner on 25. April 2009

Die Süddeutsche löste gestern eine große Medienwelle mit einem internen Papier aus, das ihr “zugespielt” wurde und aus ihrer Sicht eine Bilanz des Schreckens darstellt. Danach addieren sich Kredite und Wertpapiere in problematischen Geschäftsfeldern auf 816 Milliarden Euro. Im weiteren Verlauf sind die Positionen einzelner Banken in der Gesamtsumme genannt.

Schuldig bleibt die Süddeutsche allerdings, was genau die Bilanz des Schreckens umfasst und was eigentlich unter problematischen Geschäftsfeldern verstanden wird. Schade, denn auf der Website (unter einer Unterseite) hätte man das mal vertiefen können. So entsteht der Eindruck, hier soll vor einem Tsunami gewarnt werden. Der wird wohl am Ende unter Wasser bleiben und die Küsten gar nicht erst erreichen.

Dass der Umfang problematischer Assets insgesamt 816 Mrd. erreicht, überrascht nicht. Persönlich hätte ich die Summe sogar noch deutlich höher eingeschätzt. Aber die Frage bleibt, was hier unter einem problematischen Asset überhaupt verstanden wird? Darüber könnte ich jetzt lange spekulieren, will mir das aber heute ersparen. Das es sich dabei um kritische Wertpapiere und Kredite in problematischen Geschäftsfeldern reicht jedenfalls nicht als Erklärung.

Eine weitere Frage ist, warum werden diese Assets als problematisch bezeichnet. Auch hier wird der Leser allein gelassen. Man kann nur vermuten, dass es daran liegt, dass der aktuelle Bilanzwert über dem Marktwert liegt. Über die Problematik der Marktwerte toxische Assets hatte ich in meinem Blog mehrfach geschrieben (siehe z.B. hier)

In der Tat wäre es höchstproblematisch für die Banken, wenn sie alle Buchwerte in der jetzigen Marktsituation (die sich allerdings im Vergleich zum ersten Quartal schon deutlich gebessert hat) auf Marktwerte abschreiben würden. Ein solches Problem hätten übrigens auch viele andere Unternehmen, wenn sie z.B. Immobilien oder Maschinenparks in ihren Bilanzen zu aktuellen Marktwerten ansetzen würden. Denn größere Maschinen oder auch Gewerbeimmobilien gelten aktuell als kaum verkäuflich bzw. finden nur zu hohen Abschlägen einen Käufer. Daraus ließen sich schnell mal Billionen Euro an Verlusten generieren. Das gäbe Stoff für weitere düstere Schlagzeile?

Es ist leider auch nicht klar, ob die 816 Mrd. die Gesamtsumme der problematischen Kredite darstellt (so wie es in der Einleitung heißt) oder sich das Risiko aus den Krediten auf 816 Mrd. summiert, wie es im Text heißt (siehe auch bei egghat). Das ist ein gewaltiger Unterschied. Der Leser wird hier erschreckt und verwirrt. Also ein kurzes Beispiel: Eine Bank vergibt einen Kredit über 1.000 Euro. Beträgt das intern kalkulierte Risiko 5%, dann beträgt die Risikosumme 50 Euro. Kann sie diesen Kredit aus welchen Gründen auch immer nur zu 90% des Nominalwerts verkaufen, dann beträgt ihr Risiko 100 Euro, jedenfalls nicht 1.000. Nur wenn der Kredit komplett ausfällt, dann hat sie einen Verlust von 1.000 Euro gemacht.

Der Artikel suggeriert ein Ausfallrisiko in Höhe von 816 Mrd. Euro. Persönlich halte ich das für Unfug. Vermutlich sind hier Bestände über “toxische Papiere” und Kredite aus den Anlagebüchern der Banken zusammengestellt, deren Marktwerte unter den jeweiligen Buchwerten liegen. Dass Banken (und übrigens sicher auch viele Sparkassen) solche Titel in ihren Bilanzen haben, überrascht nicht, denn das lässt sich auch in Geschäftsberichten nachlesen.

Soweit meine Einschätzung dieses Artikels, den man wohl auch anders hätte schreiben können und müssen. Enttäuschend, wie unkritisch Manager Magazin, Welt oder Spon die Inhalte übernehmen.

Befremdlich aber auch, dass lt. Handelsblatt die Staatsanwaltschaft eingeschaltet wurde, weil die Süddeutsche nicht über dieses Papier hätte verfügen dürfen. Nach Angabe der Website des Düsseldorfer Wirtschaftsblatts warnte das BaFin ausdrücklich vor einer Fehlinterpretation der Liste: Es gehe darin um Portfolien mit unterschiedlicher Ausrichtung und nicht um konkrete Risiken im Zusammenhang mit der Krise. In die Aufstellung eingeflossen seien nicht nur sogenannte „toxische Papiere“, sondern auch „Vermögenswerte, die nach Angaben der Banken nicht mehr zur aktuellen Geschäftsstrategie passen“. Außerdem seien Risikovorsorge, Sicherheiten und Gegengeschäfte nicht berücksichtigt.

Es sei einmal dahingestellt, ob die Angabe der BaFin richtig sind. Fakt ist auf jeden Fall, dass die Geheimnistuerei von Banken und Behörden erst zu solchen Irritationen führen. Das ließe sich vermeiden, wenn Banken und Behörden eine offensivere Informationspolitik verfolgen würden. Es ist ja nicht so, dass Medien und Bürger es nicht verstehen würden, wenn man ihnen z.B. die unterschiedlichen Bewertungsansätze erklären würde. Aber Banken erklären selbst ihren Investoren nicht die Details ihrer Bewertung (siehe dazu diesen Beitrag von gestern). So darf man sich nicht wundern über die schrillen öffentlichen Reaktionen, die überflüssig und dieser Phase der vorsichtigen Erholung schädlich sind.

SoFFin und BaFin würde ich empfehlen, die Anzeige zurückzuziehen und in einer ausführlichen Öffentlichkeitskampagne (bestehend aus Bereitstellung von Informationen über die Website und ausführlichen Pressebriefings) den Stand der Dinge zu erklären. Ich bin sicher, die Irritationen würden sich in Grenzen halten.

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