Erschreckend: So dünn analysiert die Finanzbranche die Finanzkrise

by Dirk Elsner on 18. Juli 2009

Dieser Papier hat zurecht kein Presseecho gefunden. Die Lektüre des vergangene Woche veröffentlichten Bericht zum Stand des Finanzstandortes Deutschland im Jahre 2009 der “Initiative Finanzstandort Deutschland” (IFD), einer Lobby-Organisation deutscher Finanzdienstleister, ist eine reine Zeitverschwendung. Ich will fair sein, denn ich kann mir eigentlich kein abschließendes Urteil über diesen Bericht erlauben. Ich habe nämlich nur ausgewählte Teile gelesen, insbesondere über die Ursachen der Finanzkrise und über die Neugestaltung der Finanzarchitektur. Einige weitere Teile konnte ich nur quer lesen, weil mich die Oberflächlichkeit fassungslos machte. Dass was ich gelesen habe, lässt sehr starke Zweifel aufkommen, ob die Finanzbranche tatsächlich fähig ist und den Willen hat, die richtigen Schlussfolgerungen aus der Krise zu ziehen.

Ziel der IFD ist es,  Wachstum, Innovationskraft und Wettbewerbsstärke des Finanzstandorts Deutschland nachhaltig zu steigern. Damit will man einen “entscheidenden Beitrag zur Zukunftsgestaltung in Deutschland” leisten. Sorry, aber wenn diese Darstellung tatsächlich alles ist, was die Finanzbranche derzeit zu bieten hat, dann wird mir eher Angst um die Zukunftsfähigkeit des Finanzstandorts.

Ein notwendiger Schritt, um richtige Schlussfolgerungen zu ziehen, ist eine sachliche und kritische Analyse des Istzustandes. Erwartet hätte ich hier, eine fachlich, sachliche Darstellung zu den verschiedenen Ursachen und Auswirkungen der Finanzkrise. Die Branche hätte endlich die Chance gehabt, eine eigene Interpretation der Ereignisse, die zu der schwersten Finanz- und Wirtschaftskrise geführt haben, zu liefern. Dies wäre schon deswegen wünschenswert, weil es keine Interpretationshoheit für die Finanzkrise geben darf. Gerade weil populäre Schnelldiagnosen (niedrige Zinsen, viel Geld, Gier, Risiko, Abzocke) nur so vor Klischees triefen, hätte die Fachlobby mit ausgezeichnetem Zugang zu Informationen hier einen plausiblen Gegenentwurf präsentieren können.

Die Chance wurde hier jedenfalls vertan. Auf 94 Seiten finden die Berichterstatter gerade einmal folgende 166 (hundertsechsundsechzig) Worte zu den Ursachen der Finanzkrise:

“Die Ursachen der Krise sind vielfältig und liegen teils schon Jahre zurück: Eine insbesondere in den Vereinigten Staaten zu lange zu expansive Geldpolitik nach der Rezession zu Anfang des Jahrzehnts gehört ebenso dazu wie der Aufbau großer internationaler Ungleichgewichte. Hinzu kommt das Verhalten wichtiger Marktteilnehmer: In den Boomjahren gingen viele Banken, nicht zuletzt unter Nutzung von Finanzinnovationen, innerhalb und außerhalb ihrer Bilanzen immer größere Risiken ein. Erst im Abschwung wurde klar, dass die mit den neu entwickelten Finanzinstrumenten verbundenen Risiken teilweise systematisch unterschätzt wurden und die Risikotragfähigkeit dieser Häuser bei weitem überstiegen. Mit dem drastischen Wertverfall der Finanzaktiva in fast allen Marktsegmenten sowie aufgrund rasch steigender Ausfälle im Geschäft mit Finanzinstitutionen und privaten Schuldnern erodierten die Kapitalpolster rasch; das globale Finanzsystem war so in kurzer Zeit in erheblichem Maße unterkapitalisiert. Schließlich gehört zur Genese der Krise auch ein internationaler Aufsichts- und Regulierungsrahmen, der in wichtigen Teilbereichen der Finanzmärkte Fehlanreize setzte, bedeutende Akteure („Schattenbanken“) gar nicht erfasste und den Marktteilnehmern genügend Möglichkeiten bot, den Kapitaleinsatz zu minimieren.”

Ansonsten versucht sich der Bericht in peinlicher Weise im Schönschreiben und der Betonung, wie die Finanzbranche die offenbar aus dem Nichts gekommene Finanzkrise bisher gemeistert hat. So wird z.B. eine Initiative des “Deutsche Derivate Verband (DDV) gelobt”, weil der zur Erhöhung der Transparenz Credit-Spreads veröffentlicht.  Das war eine Initiative, die auch der Blick Log im Oktober ´08 sehr begrüßt hat. Seit Monaten arbeitet der DDV allerdings mit “Hochdruck daran”, einen neuen Dienstleister zu finden, “der uns diese Daten zu akzeptablen Bedingungen zur Verfügung stellen kann.” Die Spreads werden schon seit langer Zeit nicht mehr veröffentlicht, weil offenbar der bisherige Datenanbieter zu teuer war.

Zu der aktuellen Diskussion um die Finanzierungsklemme deutscher Unternehmen beeilt sich die IFD darzustellen, dass es keine Kreditklemme gebe. Müßig sich damit wieder auseinanderzusetzen (siehe aber Sammlung hier). Weil es den unbestreitbaren Kapitalbedarf vieler Unternehmen gibt, hätte man diesen Bericht nutzen können, um eigene Initiativen vorzustellen.

Insgesamt ist die Oberflächlichkeit des Berichts auch deswegen erstaunlich, weil es in der Branche selbst hervorragende Analysen gibt. Ich erinnere nur an eine Studie der DZ Bank zu strukturierten Produkten, toxischen Assets und Bad Banks. Das Dünnbrettbohren wird übrigens fortgesetzt im Abschnitt zur Neugestaltung der Finanzarchitektur. Hier beschränkt man sich auf einige allgemeine Prinzipien, die kaum operabel erscheinen und versucht Abwehrbollwerke gegen zu starke Einschnitte bei Vergütungssystemen und marktferne Regulierung aufzubauen. An anderen Stellen hängt man sich an Vorschläge anderer Institutionen.

Wie schon geschreiben, ein abschließendes und fundiertes Urteil dieses Berichts steht mir im Prinzip nicht zu, weil ich mich im Gegensatz zu vielen anderen Darstellung zur Finanzkrise, hier hätte durchquälen müssen. Und für meinen Blog mag ich das nicht tun.

Ich frage mich gerade, warum ich mich mit diesem Bericht überhaupt so intensiv befasse, wenn er doch solche eine Überwindung kostet. Das ist sicher zu einem Teil der Enttäuschung darüber geschuldet, dass es in der Branche an den wichtigen Schaltstellen offenbar immer noch wichtiger ist, Sachverhalte zu verschleiern und herunterzuspielen, als sich konstruktiv und leidenschaftlich mit Kritik auseinanderzusetzen und mit diesem Vorwissen, die neuen Herausforderungen offensiv anzugehen. Dieser Bericht ist eine Verteidigung des “Old-Scholl-Bankings”, der dem Geist vieler Führungskräfte und Mitarbeiter der Branche längst nicht mehr gerecht wird. Denn tatsächlich gibt es viele Menschen in den Instituten mit frischen Ideen, denen aber  weiterhin kein Raum gegeben wird, weil ängstlich darauf geachtet wird, das zu sichern, was geblieben ist und auf ein wunderbare Auferstehung zu hoffen.

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