Warum sollen Frau Merkel, Rating-Agenturen und Spekulanten an Griechenland-Tragödie Schuld haben?

by Dirk Elsner on 5. Mai 2010

Eigentlich wollte ich das Thema Griechenland heute einmal aussparen. Aber die mediengeführte Debatte der letzten Tage nervte ein wenig. Platitüden werden auch nicht richtig, wenn sie von vielen Menschen wiederholt werden. Gerade gestern wieder lederten in der FTD zwei in ihren Fachgebieten sicher kompetente Autoren gegen den Bundes, die Spekulanten und die Rating-Agenturen, die allesamt Schuld an der Griechenlandkrise seien. Ich weiß, viele sehen das ebenso, nur deswegen werden solche Klischees nicht richtiger. Und ich verstehe sie inhaltlich nicht (die populistischen Strickmuster freilich schon). Dass etwa Frau Merkel die Griechenlandkrise verschärft haben soll und einen Flächenbrand ausgelöst haben soll, ist genau so falsch, wie dass die Finanzkrise 2008 allein durch den Zusammenbruch von Lehman ausgelöst wurde und die ja nur deswegen zusammengebrochen sind, weil die US-Zentralbank keine Liquiditätshilfe gewähren hatte (so argumentierte jedenfalls verkürzt Ex-Lehman-Chef Fuld).

Klar, hat der Bund mit seinem unentschlossenen Kurs die Finanzmärkte “verunsichert”. Aber Regierungen können ihren Informationsbedarf nicht allein auf die Finanzmärkte ausrichten, die im Zweifel immer unzufrieden sind und sich “verunsichert” geben. Den “Finanzmärkten” darf man sogar viel mehr zumuten. Im Zweifel sind “sie” nämlich sehr wohl in der Lage auch mit der Unsicherheit bei den Staatenrisiken umzugehen.

Die Ratingagenturen stehen ebenfalls am Pranger, weil sie als Überbringer schlechter Nachrichten die Krise verschärft haben sollen. Das halte ich für ausgemachten Pseudopopulismus. Die Ratingagenturen haben in der Finanzkrise 2007 – 2009 eine blamable Rolle gespielt. Aber diese berechtigte Kritik an den Fehlratings und der Interessenvermischung, darf jetzt nicht dazu führen, dass gerade jetzt Gefälligkeitsratings eingefordert werden. Wenn man kein Rating von Moodys oder Standard & Poors möchte, dann beauftragt man die Agenturen einfach nicht und sucht Alternativen. EZB und immer mehr Anleger beginnen immerhin schon die Rating-Urteile zu ignorieren.

Auf den Widerspruch der heutigen Vorwürfe zu den Vorwürfen, die als Mitursache der Finanzkrise gelten, ist außerdem im Handelsblatt-Blog zu lesen:

“Aber was wirft man den Agenturen in der heutigen Krise eigentlich vor? Dass sie zu lange gezögert haben, Problemländer herabzustufen? Oder dass sie die Länder zu stark oder zum falschen Zeitpunkt herabgestuft haben? Was wäre denn der richtige Zeitpunkt gewesen? Sollen die Agenturen die Unfähigkeit der Politik, sich auf Rettungsmaßnahmen zu einigen, einfach ignorieren? Oder sollen sie ignorieren, wenn Märkte auszutrocknen drohen? Genau diese Art von Ignoranz hat man ihnen in der Finanzkrise vorgeworfen. Damals haben sie sich zu lange nur auf die Ausfallwahrscheinlichkeit bestimmter Papiere konzentriert und die schwindende Liquidität zunächst gar nicht beachtet – mit dem Effekt, dass Liquiditätsgründen auch Papiere mit Top-Ratings plötzlich kaum noch etwas wert waren. Die Kritik an den Agenturen heute läuft zum Teil auf die Forderung hinaus, diesen Fehler zu wiederholen.”

Verwunderlich ist außerdem, dass in der deutschen und europäischen Politik seit mindestens 20 Jahren über die Etablierung einer europäischen Rating-Agentur gequatscht wird. Außer hinausgeworfenen Beraterhonoraren für ein paar Konzeptstudien ist ja ganz offensichtlich bisher nichts passiert. Im Gegenteil: Die Eurozonen-Länder beauftragen fröhlich weiter die Oligopolisten, deren Urteil auch für die Hinterlegung von Sicherheiten bei der EZB immer noch maßgeblich ist.

Es gäbe noch weitere Buhmänner im Böse-Buben-Spiel. Immer wieder gern genommen sind die bösen Spekulanten. Hier versucht die FTD unter dem Titel Verschwörungstheorie: Das Märchen vom Spekulanten das Bild zu schärfen. Diejenigen, die die risikobereiten Investoren verfluchen, mögen dem Blick Log (gern in einem Gastbeitrag) erklären, wie die Welt ohne die risikobereiten Kapitalgeber aussähe und wie Finanzierungen für Staaten, Startups und die Eigenkapitalbeschaffung für Unternehmen sicher gestellt würde.

Was den Playern an den Kapitalmärkten (egal ob Banken, Hedge-Fonds, Ratingagenturen etc.) angesichts der öffentlichen Entrüstung freilich fehlt, ist ein geeignetes Informationsmanagement über die eigenen Aktivitäten. Sie halten Schweigen für Gold (siehe dazu zuletzt Teufelskreis der Finanzmärkte oder warum Banken lieber schweigen) und wundern sich stets über die öffentliche Entrüstung. Wenn man es aus welcher Rechtfertigung auch immer nicht für notwendig hält, über die eigenen Aktivitäten in verständlicher Weise zu kommunizieren, darf man sich freilich über die öffentliche Jagd nicht wundern.

Es ist nicht allein Aufgabe von Medien (zur jüngsten Kritik an den US-Medien im Zusammenhang mit der Anklage gegen Goldman Sachs siehe diesen Beitrag auf Zero Hedge) oder gar Blogs, über die Aktivitäten der Finanzmarktakteure aufzuklären. Hier müssen sich einmal die großen Player mit einer deutlich aktiveren Informationspolitik an die Front wagen und sollten sich auch dem kritischen Diskurs stellen und sich inhaltlich und offensiv mit den Vorwürfen auseinandersetzen. Das ist allemal besser, als sich ständig in Beschwichtigungen und Verharmlosen zu üben. Übrigens, die meisten Menschen verstehen mittlerweile mehr vom Finanzgeschäft, als die meisten Finanzmarktakteure glauben.

Nachtrag

FTD: BaFin – Spekulieren über Spekulanten (5.5.10): BaFin-Chef Jochen Sanio wettert gegen Spekulanten, die sich an Griechenland bereichert hätten. Seltsam nur, dass es die laut seiner Behörde gar nicht gibt.

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