Beginn der Fußball-WM: Ergebnisse sind zu über 50% vom Zufall abhängig

by Dirk Elsner on 11. Juni 2010

Heute ist der Tag der Tage für die Fußballfans dieses Planeten. Mit Beginn der Fußball WM in Südafrika ist endlich die lange Wartezeit vorüber. Wir dürfen kollektiv mitfiebern, mitzittern und gemeinsam trauern. Kein regelmäßiges gesellschaftliches Ereignis schafft eine globale Bindungwirkung, wie dieses Sportevent. Ein Grund für die Beliebtheit dieses Sports, so vermuten Wissenschaftler, liegt in der Ungewissheit über den Ausgang von Fußballspielen und damit der WM selbst.

Kaum eine Sportart ist so stark vom Zufall abhängig, wie das Ergebnis eines Fußballspiels. Das jedenfalls ist die Quintessenz diverser Studien der letzten Jahre, die sich mit Prognostizierbarkeit von Fußballergebnissen befasst haben.

Nach einer Untersuchung der Deutschen Bank wird mehr als die Hälfte der Spiele entscheidend vom Zufall beeinflusst. Zufall, so der Autor, scheint damit – zumindest kurzfristig – eine noch bedeutsamere Erfolgsdeterminante als die Finanzkraft der Vereine zu sein. Das mag die Anhänger der Mannschaften beruhigen, die nicht über die Mittel eines FC Barcelonas, FC Chelsea oder Bayern München verfügen.

Dies gilt aber erst recht für die Fußball WM. Ginge es rein nach dem Marktwert, dann würde Spanien (Marktwert gem. Transfermarkt.de 650 Mio. €) mit einer überragenden Vorstellung Weltmeister werden vor England (448 Mio. €) und Frankreich (367 Mio. €). Deutschland nimmt in der Marktwerttabelle übrigens Rang sieben ein (292,5 Mio. €).

Ist nun alles vom Zufall abhängig und wie wird Zufall im Fußball überhaupt definiert? Der Autor der Studie, Jörn Quitzau, lieferte in einem wissenschaftlichen Aufsatz eine Definition des Zufalls im Fußball:

„Unter Zufall werden in diesem Beitrag all jene Umstände eines Fußballspieles verstanden, die bis zum Spielbeginn nicht bekannt bzw. nicht prognostizierbar sind. Der so verstandene Zufall kann sich aus mindestens zwei Sachverhalten zusammensetzen: Glück und Tagesform.

Unter den Begriff „Glück“ können sämtliche das Spiel beeinflussenden Ereignisse eingeordnet werden, die nicht auf die eigene (beabsichtigte) Leistung bzw. Anstrengung der vom Glück profitierenden Mannschaft zurückzuführen sind. Exemplarisch seien genannt: Schiedsrichter-Fehlentscheidungen, witterungsbedingte Einflüsse, Unebenheiten des Platzes oder Ausfälle wichtiger Spieler des Gegners kurz vor bzw. während des Spieles.“

Quitzau untersucht seine Hypothesen vom Einfluss des Zufalls auf Fußballspiele anhand der Wettmärkte und geht dabei von effizienten Vorhersagemärkte und rationalen Spielteilnehmern aus. Die Details mögen Interessenten bitte in den Studien nachlesen.

Den Einfluss des Zufalls auf die Ergebnisse von Fußballspiele bestätigt auch Eli Ben-Naim vom Los Alamos National Laboratory. Dazu war vor drei Jahren bei Spiegel Online zu lesen:

Seine Analyse von 300.000 Einzelspielen, darunter 43.000 aus der britischen Premier League (Fußball) ergab, dass es beim Kicken mit Abstand die meisten Überraschungen gibt. 45 Prozent aller Spiele werden vom vermeintlichen Underdog gewonnen, der laut Rangliste eigentlich verlieren müsste. Beim Basketball, wo pro Spiel von beiden Teams Dutzende Körbe geworfen werden, beträgt die Überraschungsquote gerade mal 36 Prozent. Genauso vorhersehbar ist American Football (NFL) mit 36 Prozent. Die Eishockeyliga NHL kommt auf 41 Prozent, bei Baseball gewinnen immerhin schon 44 Prozent aller Spiele die Underdogs.“

Natürlich sind die Ergebnisse nicht vollständig vom Zufall abhängig. Die oben zitierten Untersuchungen sprechen etwas von einem Zufallsfaktor, der untersuchten Ligen, der zwischen 51% und 53% liegt. Der Rest wird durch Leistungsstärke, Tagesform etc. erklärt, wobei hier objektiv messbare Kriterien nicht so einfach zu erfassen sind und die Leistungsdaten pro Spieler bekanntlich von Spiel zu Spiel stark schwanken können.

Jedenfalls, und das ist die beruhigende Botschaft, ist der Ausgang der WM nachhaltig offen, wie der Blick auf die Tabelle der Erwartungen zeigt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Spanien den Titel holt, beträgt etwa 17,5%. Damit und mit den Erkenntnissen dieser Studien dürfte für genügend Spannung gesorgt sein.

Olaf Storbeck geht in einem lesenswerten Artikel für das Handelsblatt ebenfalls auf die hier zitierten Untersuchungen und weiteren Erkenntnisse von Ökonomen ein: Die ökonomische Wahrheit liegt auf dem Platz. Sehr intensiv hat sich übrigens Goldman Sach mit der Ökonomie des Weltcups befasst. Wer Lust und Zeit hat, der kann hier die Erkenntnisse der Goldmänner als pdf herunter laden.

Erstaunlich ist, wie viele Studien etwas mittlerweile von Ökonomen zum Anlass der Fußball-WM gibt. So haben  Sozialwissenschaftler der Uni Tübingen eine Studie (hier zum Download) über den Ausgang der WM veröffentlicht. Dazu schreiben die Autoren: „Die Besonderheit der Studie ist ihr ganzheitlicher Blickwinkel. So fußen die Ergebnisse auf sportlichen Variablen, berücksichtigen aber auch den Einfluss von Politik, Ökonomie, Kultur und vielem mehr auf den sportlichen Erfolg. Laut der Studie wird Brasilien Weltmeister, Deutschland Zweiter, vor Frankreich und Italien. Im Viertelfinale scheitern Niederlande, England, Spanien und Portugal. Die Wahrscheinlichkeit der Prognose liegt bei 75%.“

Man hat den Eindruck, die Ökonomen forschen lieber an solchen populären Ereignissen, als an so unheimlichen Phänomen wie der Finanzkrise. Daher lässtert die FTD irgendwie zu Recht: „Wirtschaft? Zu kompliziert. Lieber kümmert sich die Ökonomenzunft um Fußball – und sondert derzeit täglich neue Weltmeisterschaftsstudien ab.“

Literatur

Deutsche Bank: Faktor Zufall als Spielverderber (pdf): Zur Prognostizierbarkeit von Fußballergebnissen  Wettmärkte als effizienter Informationslieferant

Jörn Quitzau: Zufall als Spielgestalter (pdf): Der übersehene Erfolgsfaktor im Profifußball und seine wettbewerbspolitischen Implikationen

Spon: Numerator Fußball ist Glücksspiel

HWWI: Der Faktor Zufall im Fußball Eine empirische Untersuchung für die Saison 2007/08 (pdf)

Diskussionspapier: Warum gehen die Leute in die Fußballstadien? Eine empirische Analyse der Fußball-Bundesliga (pdf)

Und außerdem

FTD: Kickonomics: „Fußball ist das schlechteste Geschäft der Welt“: Der Londoner Professor Stefan Szymanski analysiert die Zusammenhänge zwischen Fußball und Wirtschaft. Er verteidigt die Mondgehälter von Spielerstars und rechnet vor, warum Deutschland nur eine 19-Prozent-Chance auf den WM-Sieg hat.

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