Das Megathema 2011: Finanzierungsklemme und Fundingschlacht

by Dirk Elsner on 5. Januar 2011

Zu einem der zentralen Themen dieses Blogs im letzten Jahr gehört die Finanzierungsklemme. Schlagzeilen über das Ende der Finanzierungsklemme machen mich skeptisch, weil bereits seit langer Zeit klar ist, dass Unternehmen und Finanzhäuser in diesem und in den nächsten Jahren ein großen Hunger auf Eigenkapital und Refinanzierung haben werden. Aber vielleicht sollte man das Thema nicht Finanzierungsklemme, sondern Funding-Race oder Funding-Schlacht nenne, so wie ich es im September letzten Jahres geschrieben habe.

Gefahr droht dabei durch die Summe an Anforderungen, mit denen verschiedenste staatliche Institutionen, Unternehmen und Banken um ihre Finanzausstattung (Funding) kämpfen werden. Schaut man auf die Big Points im globalen Funding-Race der nächsten Jahre, dann sollte den Fundingabteilungen in Unternehmen und Banken schwindelig werden. Und tatsächlich ist der Kampf um Finanzmittel bereits in den Finanzhäusern und unter institutionellen Investoren seit Monaten ein großes Thema.

Im September vergangenen Jahres hatte ich hier letztmalig eine Übersicht verschiedener Schätzungen veröffentlicht und bemängelt, dass es kaum offizielle und vor allem öffentlich zugängliche  Zahlen gibt. Ich konnte mir im Herbst vergangenen Jahres vorstellen, dass der Fundingbedarf die 2 Billion-Euro-Grenze pro Jahr knacken wird.

Vor Weihnachten legte die FAZ nach und schätzte auf Basis verschiedener Quellen den Mittelbedarf im Euro-Raum für 2011 auf 2,4 Billionen Euro.

Die Europäische Zentralbank hat diese Befürchtungen in ihrem Stabilitätsbericht (hier als pdf in englischer Sprache) bestätigt. Danach beträgt allein der Refinanzierungsbedarf der Banken im Euro-Raum eine halbe Billion Euro in diesem Jahr. Die FAZ bezieht sich auf Daten des Finanzdatenanbieters Dealogic, der daneben erwartet, dass Schuldtitel von Unternehmen mit Bonität Investment Grade von 130 Milliarden Euro fällig werden und durch neue Anleihen ersetzt werden dürften. Dazu kommen Schuldtitel von Unternehmen mit schlechter Bonität im Umfang von 40 Milliarden Euro.

Während diesen Kapitalaufnahmen freilich auch Fälligkeiten gegenüber stehen, die neu angelegt werden wollen, haben Banken echten Zusatzbedarf bei der Ausstattung der Banken mit zusätzlichem Eigenkapital auf Basis der neuen Liquiditäts- und Eigenkapitalstandards von Basel III. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht schätzt, dass die großen Finanzinstitute Ende 2009 bei Anwendung der neuen Vorschriften 600 Milliarden Euro mehr Kapital hätten haben müssen (siehe diesen Bericht der FAZ). Hier ist jedoch zu bedenken, dass die Institute bis 2019 Zeit haben, um die Vorgaben zu erfüllen und ihr Eigenkapital auch die einbehaltene Gewinne stärken können.

Der Drilldown der einzelnen Finanzierungsbedarfe auf das Jahr und einzelne Kapitalnehmer bleibt weiterhin sehr fragmentiert, weil die exakten Daten zwar in irgendwelchen Schubladen liegen und unter Finanzinvestoren herum gereicht werden, jedoch noch nicht öffentlich konsolidiert sind. Gleichwohl will ich auf Basis der aktuellen Berichterstattung und mir zugänglicher Informationen meine Übersicht aus dem September aktualisieren:

  • auslaufende Garantieanleihen öffentlicher Banken, die bei Refinanzierung mit zusätzlichem Eigenkapital unterlegt werden müssen: 300 bis 500 Mrd. €  (Deutschland)
  • Anleihen der Euro-Länder  ca. 1,7 Mrd. €, darunter Deutschland mit 302 Mrd. € (bei 271 Mrd. Euro an Tilgung)
  • verschärfte Eigenkapitalanforderungen durch Basel III zwischen 100 und 150 Mrd. € (Europa)
  • auslaufende KFW-Garantien für Unternehmen 50 – 100 Mrd. € (Deutschland)
  • fällig werdende und zur Refinanzierung anstehende Unternehmensanleihen 170 Mrd. € (Europa), davon 130 Mrd. € Investment Grade und 40 Mrd. € Junk
  • Auslaufende SoFFIN-Garantien (lt. SoFFIN sind 150 Mrd. EURO an Garantien offen für Laufzeiten zwischen drei und fünf Jahren (Deutschland)
  • Anschluss für LBO-Finanzierungen von Beteiligungsgesellschaften und Exit-Strategien: ca. 300 Mrd. für Europa, 800 Mrd. USA
  • Steigender Finanzierungsbedarf der Wirtschaft durch Wachstum (Investitionen und Betriebsmittel)
  • auslaufende Mezzanine-Programme für mittelständische Unternehmen
  • fällig werdende mittelfristige Kredite und Kontokorrentzusagen

Noch ist unklar, welche konkreten Wirkungen die Finanzierungsklemme haben wird. Der britische Telegraph fürchtet bereits eine zweite Kreditkrise kommen. Aus dem großen Rennen um Kapital folgt jedoch nicht zwingend, dass Banken und Unternehmen Probleme bei der Kapitalbeschaffung haben werden. Unternehmen haben bekanntlich in den letzten drei Jahren dazu gelernt und sich neue Wege der Finanzierung erschlossen. Viel wahrscheinlicher dürfte es sein, dass das Fundingrennen für einen nachhaltigen Zinsauftrieb sorgen wird, bekannte Instrumente wieder belebt (verbriefte Forderungspapiere, Unternehmensanleihen) und neue Instrumente hervorbringen wird.

Previous post:

Next post: