Europäische Schuldenkrise und deutsche Konjunkturparty: Mehr Demut für Deutschland gewünscht

by mnockerl on 18. Februar 2011

Verfolgt man die Berichterstattung zur Eurokrise etwa über Irland, Portugal oder Spanien, entsteht der Eindruck, dort seien alle Wirtschaftsträume geplatzt und nun entwickeln sich die Länder zum obdachlosen Bettelbruder. Und wie im vergangenen Frühjahr im Falle Griechenlands wird man den Eindruck nicht los, die Krise sorge hierzulande für eine gewisse Häme, zumindest aber für die typisch deutsche Besserwisserei.

Im (trügerischen?) Bewusstsein, die Wirtschaftskrise in Deutschland besser überwunden zu haben (Ökonomen feiern bereits den Dauerboom), als jedes andere europäische Land, fühlen wir uns selbstbewusst und bemüßigt mit breiter Brust den kleinen Partnern in der EU kluge Tipps zu geben. Und dies selbstverständlich mit Recht, weil wir Steuerzahler ja schließlich für die irischen Schulden haften (verdrängt wird gern, dass mit den Kreditpaketen auch deutsche Banken vor Schäden bewahrt werden).

“Irland erlebte innerhalb von zwei Jahrzehnten den Aufstieg zum wirtschaftlichen Wunderland und den tiefen Fall”, schrieb die FAZ und erstellt fast süffisant ein Sündenregister. Wie immer haben es die “Experten“ im Nachhinein vorher bereits besser gewusst und kennen natürlich die irischen Fehler.

Aber was ist eigentlich mit Deutschland? Unsere dringendsten Probleme scheinen ein Bahnhofsneubau, ein Unfall in einer TV-Show und die Veröffentlichungen eines Nachrichtenportals zu sein. Die Jubelmeldungen der letzten Wochen klingen, als befände sich das Land in einem Rausch, der ewig dauern wird. Die Unternehmen sind optimistisch, die Auftragseingänge explodieren, ein großer Teil des Wachstumseinbruchs aus 2008 und 2009 konnte aufgeholt werden, der Ex- und Import boomen, die Zahl der Erwerbstätigen bewegt sich so sehr auf Rekordkurs, dass wir von einem Fachkräftemangel sprechen, die Unternehmen ziehen Lohnerhöhungen freiwillig vor und der Konsum springt ob optimistischer Verbraucher ebenfalls an. Der Boom verstärkt sich selbst, die Steuereinnahmen sprudeln und Dank der wirtschaftlich (relativ) gefestigten Situation darf sich Deutschland zu niedrigsten Zinsen weiter hoch verschulden.

Ein solcher Rausch, den der Blog Querschüsse hier hervorragend und nüchtern analysiert, birgt die Gefahr, dass er eines Tages mit einem Knall endet und wir uns dann hier ernüchtert und frustriert fragen, was eigentlich schief gelaufen ist. Prominente Beispiele der letzten Jahre sind USA, Griechenland, Dubai, Großbritannien, jetzt Irland und morgen vielleicht Portugal, Frankreich oder Italien. Diese Länder haben einst ebenfalls vom “ewigen Aufschwung” geträumt bevor es dann “überraschend” bergab ging.

Und Vorsicht, ich höre schon jetzt Ihre Einwände: “Aber in Deutschland haben wir doch ganz andere Rahmenbedingungen und Voraussetzungen ….”. Ich will hier auch weder schwarzmalen noch mir anmaßen, irgend etwas vorauszusehen. Aber die Krisen in den oben genannten und anderen Ländern verlaufen höchst unterschiedlich. Zwar können uns die “Experten” stets ex-post erklären, was schief gelaufen ist. Die letzten Jahre haben aber gezeigt, Einbrüche und Krisen (wie übrigens auch Aufschwünge) lassen sich nur schwer vorhersagen und ganz dunkle Vorhersagen werden gern (und meist sogar zu Recht) ignoriert.

Die Geschichten der Finanz- und Wirtschaftskrisen in den letzten Jahrhunderten (hervorragend untersucht und dargestellt in dem Werk “Dieses Mal ist alles anders”) zeigen nur wenige parallele Muster, finden aber einen häufigen Ausgangspunkt in einer stark gestiegenen (Staats-)Verschuldung und in einem Vertrauensentzug durch die Finanzmärkte. Und gerade die Finanzmärkte sind bekanntlich alles andere als stabil. Gestern haben sie Griechenland das Vertrauen entzogen, heute sind Irland, Portugal und weitere EURO-Staaten dran, morgen vielleicht schon die USA oder gar Deutschland.

Weil wir nicht wissen, wie lange es bei uns so gut läuft, denke ich, es steht uns gut zu Gesicht, unser aktuelles “Wirtschaftswunder”, das in Wahrheit nur eine Aufholjagd ist, mit etwas mehr Demut zu genießen und nicht mit den Fingern auf schwache Nachbarn zu zeigen. Das Auseinanderklaffen der Wirtschaftsentwicklung in der EURO-Zone gibt keinen Grund zur Freude. Und schon am Ende des gerade angelaufenen Jahres könnte es auch hier wieder ganz anders aussehen, etwa wenn sich die Zweifel der Finanzmärkte an den Stresstestergebnissen deutscher Kreditinstitute verstärken und einigen das Vertrauen entzogen wird.

Bis dahin will ich aber nicht die Stimmung drücken, sondern mich weiter freuen.

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