Lesehinweis: Was Ökonomen von Biologen lernen können

by delsn on 13. April 2011

Nach meiner Urlaubslektüre im vergangenen Sommer hatte ich hier in drei Beiträgen aufgeschrieben, wie Ökonomen und Wirtschaftspraktiker ihren Horizont erweitern könnten, wenn sie einmal auf andere Wissenschaften, wie etwa auf die Biologie oder die Komplexitätsforschung schauen:

Auch mein Beitrag für die aktuelle Ausgabe von Agora 42 zielt in diese Richtung:

Mir war aber noch nicht bewusst, dass sich mittlerweile doch noch mehr Ökonomen mit “Anleihen” aus den Naturwissenschaften befassen. Dies hat ein sehr gut zu lesender Beitrag von Johannes Pennekamp am vergangenen Montag im Handelsblatt unter dem Titel heraus gearbeitet:

 Finanzkrise: Was Volkswirte von Biologen lernen können

Pennekamp schreibt u.a.

Immer mehr Ökonomen beschäftigten sich mit Parallelen zwischen Ökosystem und Wirtschaftswelt. Beides sind komplexe Systeme, die durch gegenseitige Abhängigkeiten geprägt sind. Um besser zu verstehen, warum Krisen entstehen und Finanzsysteme kollabieren, greifen Wirtschaftsforscher auf Erkenntnisse von Biologen, Physikern und Epidemiologen zurück, die das Zusammenspiel verschiedener Spezies seit Jahrzehnten erforschen.”

Er stellt einige Ansätze vor und fasst die Wirkungen so zusammen:

“Die Öko-Ökonomen verlassen mit ihrem Forschungsansatz die ausgetretenen Pfade der Mainstream-VWL. Sie widersprechen der Standardannahme, dass Märkte zu einem stabilen Gleichgewicht tendieren. In der Natur gebe es viele Beispiele dafür, dass das Zusammenspiel vieler Akteure auf Kosten der Stabilität ginge. Wenn in einem Korb sehr viele Äpfel seien, steige die Wahrscheinlichkeit, dass ein fauler dabei sei. Thesen von Finanzmathematikern, Derivatemärkte seien robust und würden sich selbst regulieren, seien von Anfang an falsch gewesen.”

Ich habe zwar meine Zweifel, dass die Mainstream-Ökonomen aus der Wissenschaft so schnell ihre bestehenden Modelle anpassen und die neuen Ansätze in die bestehenden Modelle integrieren oder sie gar verwerfen. Erfahrungsgemäß dauert dies sehr, sehr lange. In der Praxis spielen aber die Überlegungen etwa aus Physik und Biologie sehr wohl eine immmer größere Rolle, wie etwa bei der Risikofrüherkennung.

Über die Schlussfolgerungen für die Praxis aus den neuen Ansätzen kann man übrigens genau so treffend streiten, wie über die Empfehlungen der klassischen Ökonomen. Pennekamp zitiert den Kieler Professor Thomas Lux (Lehrstuhl für Geld, Währung und Internationale Finanzmärkte):

“Er plädiert für den Blick über den Tellerrand: Biologen wüssten längst, welche immensen Folgen es haben kann, wenn im Ökosystem eine wichtige Spezies ausfällt: „Wenn die Politiker das berücksichtigt hätten, hätten sie Lehman Brothers bestimmt nicht pleitegehen lassen.“

Ich zweifle, ob man zu diesem Schluss als Biologe kommen muss. Biologen hätten auch komplett gegen die Bankenrettung argumentieren können, weil aus der Zerstörung in der Natur und dem Aussterben von Arten die Biologie immer wieder etwas Neues geschaffen hat. Und gerade im Finanzwesen beklagen wir ja ständig, dass der Neuanfang ausgeblieben ist.

Die Biologie und die Komplexitätsforschung lehren uns vor allem, dass es einfache und deterministische Antworten nicht gibt. Gerade weil die ökonomischen Systeme so komplex und empfindlich sind, ist es ja so schwer, Handlungsempfehlungen abzugeben und valide Prognosen abzugeben.

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