Haben wir in Deutschland die Krise verschwendet?

by Dirk Elsner on 5. Mai 2011

Das Jahr 2010 ist längst Geschichte. Wir wissen inzwischen, dass das vergangene Jahr aus deutscher Sicht ökonomisch betrachtet deutlich besser gelaufen ist, als es zu Beginn erwartet worden war. Diese Bewertung teilen diverse Rückblicke in ihre Betrachtung. Und auch für das laufende Jahr haben Wirtschaftsforscher  ihre Erwartungen weiter nach oben geschraubt. Der Optimismus wird sogar ständig größer. So trauen  Ökonomen Deutschland sogar Jobwunder zu (ist das nicht schon längst da?). Die FAZ spricht von XL-Aufschwung.

Erstaunlich ist, wie viele Personen sich für den deutschen Aufschwung nun feiern lassen, weil sie glauben, daran einen Anteil zu haben. Ende 2008 und 2009 dagegen mochte sich niemand wirklich anziehen, dass er verantwortlich für den tiefen Abschwung war. Der Legendenbildung, dass die Schuld für den großen Wirtschaftseinbruch in der  Finanzbranche und vor allen in den USA zu suchen ist, wird kaum etwas entgegen gehalten.

Was lernen wir daraus? Die Ursache einer negative Entwicklungen liegt stets in irgend einem Phänomen außerhalb der Einflusssphäre von Managern und Politikern. Laufen die Dinge gut, dann sind die geschaffenen politischen Rahmenbedingungen und natürlich gutes Management dafür verantwortlich.

Diese Rituale wiederholen sich stets von Jahr zu Jahr und sind nicht überraschend, wenn man sich mit Verhaltensökonomik befasst. Mir gefällt daran freilich nicht, dass für meinen Geschmack die deutsche Euphorie zu großspurig rüberkommt. Das Handelsblatt etwa feierte die milliardenschweren Notprogramme, mit denen der Bund Firmen vor den Folgen der Finanzkrise geschützt hat und sah darin eine Ursache des Erfolgs Deutschlands.

Deutschland war aber bekanntlich nicht das einzige Land mit umfassenden Stützungsmaßnahmen für die Finanz- und Unternehmenswelt. Dass Deutschland bisher so gut durch die Krise gekommen ist, kann also nicht allein an den Maßnahmen liegen, selbst wenn die ständigen Wiederholungen dies suggerieren wollen.

So wird eher selten gesehen, dass der gegenwärtige Aufschwung nicht allein “unser Verdienst” ist, sondern wesentlich getragen wird von der vorübergehenden Abwertung des Euros und einer soliden Nachfrage aus den sogenannten “Schwellenländern”.

Aus deutscher Sicht sind wir viel zu schnell zur üblichen Tagesordnung in der Finanz- und Wirtschaftspolitik übergegangen. Wir habe hier die Krise verschwendet, weil wir glauben

  1. wir kennen die Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise,
  2. wir glauben zu wissen, wie man solche Krisen überwindet und
  3. wir hätten die Krise nur aus eigener Kraft überwunden.

Wir, die Wirtschaftspraxis, die Politik und auch die Wissenschaft sind immer noch weit davon entfernt, die Ursachen und Wirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise wirklich verstanden zu haben. Man macht es sich viel zu einfach, wenn die Krisenursachen reduziert werden auf zu lockere Geldpolitik, Gier und mangelnde Regulierung des Finanzsektors. Man vermeidet außerdem konsequent die Frage, ob solche Krisen nicht einfach zu unserem Wirtschaftssystem, von dem wir ja bis 2008 erheblich profitiert haben und seit 2010 wieder profitieren, nicht einfach dazu gehören.

Folgt man der These, dass wir die Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht wirklich kennen, dann wissen wir ebenfalls nicht wirklich, wie man solche Krisen überwindet. Ob dies an den getroffenen Maßnahmen liegt, an der währungspolitischen Konstellation oder woran auch immer, das wissen wir nicht. Daher bin ich der Überzeugung, uns würde mehr Demut angesichts der europäischen Sonderaufschwungzone gut zustehen. Daneben sind deutlich mehr Zweifel daran angebracht, dass ausgerechnet die deutsche Politik und Wirtschaftspraxis, den ökonomischen Stein der Weisen entdeckt hat.

Ja, wir haben in Deutschland die Krise überwunden. Darüber sollten wir uns jetzt freuen und das nicht zerreden. Vielleicht will deswegen niemand etwas über die Zerbrechlichkeit dieser Entwicklung angesichts deutlich gestiegener Rohstoffpreise, weiter schwelender Euro- und bald auch US-Schuldenkrise wissen.  Negative Meldungen werden derzeit genau so ausgeblendet, wie im Herbst/Winter 2008/09 die positiven Nachrichten.

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