Rück Blick Log: Impressionen aus der Wirtschaft 2010

by Dirk Elsner on 30. Dezember 2010

Wie fein. 2010 ist geschafft. Was bleibt in Erinnerung aus diesem Jahr der wirtschaftlichen Wende und der Eurokrise? Hier ein paar Impressionen.

Zunächst beeindruckte mich persönlich der Jahreswechsel 2009/10, den wir in New York verbringen durften. Jedenfalls in Manhattan hatten wir den Eindruck, eine Wirtschaftskrise hätte es dort nie gegeben. Ich schrieb von der “Recession de Luxe in New York City”. In Dubai verdrängte man derweil die Sorgen mit einer Riesensause und streute den Investoren zur Einweihung des größten Gebäudes der Welt dem Burj Chalifa weiteren Wüstensand in die Augen.

Der deutschen XXL-Aufschwung wird national und international bestaunt. Vorhergesehen hat ihn niemand. Doch jeder kann ihn jetzt erklären. Ein besonderes Phänomen stellt dabei der deutsche Arbeitsmarkt dar, der sich so robust wie selten zuvor zeigt. Gut denkbar, dass mit der steigenden Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften und dem demographischen Wandel der Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren zu einem Nachfragemarkt kippt.

Das ganze Jahr über beschäftigte sich der Blick Log mit der Finanzierungsklemme für Unternehmen. Im Januar fragte ich, wo der Mittelstandsfonds bleibt. Irgendwann kamen dann die Deutsche Bank und später die Sparkassenorganisation mit Konstrukten, die wenig tauglich waren für die Praxis. Während Unternehmen weiter litten unter der restriktiven Kreditvergabe, verschwand das Thema freilich aus den Wirtschaftsmedien. Es war mittlerweile nicht mehr spektakulär genug. Am Ende des Jahres heißt es, es gäbe keine Spur mehr von einer Kreditklemme. Das ist richtig, denn eine Kreditklemme hat es nur Ende 2008 und Anfang 2009 gegeben, heute haben wir eine Finanzierungsklemme. Und die wird Deutschland und Europa im nächsten Jahr noch stärker beschäftigen, als dies viele heute erwarten.

Ein Spektakel dagegen lieferte die Krise der Euro-Schuldenländer. Griechenland, Irland, Spanien, Portugal. Verschiedene Rettungsfondskonstruktionen für die Staaten verschleierten, dass es dabei hauptsächlich um die Stabilisierung der Finanzwelt ging. Wir können ziemlich sicher sein, dass uns dies Thema auch in 2011 erhalten bleiben wird.

Das Interesse an der Aufarbeitung und den eigentlichen Ursachen der Finanzkrise hat mit der EURO-Schuldenkrise, dem Ende des Abschwungs bzw. mit dem Aufschwung stark nachgelassen. Immerhin hat in den USA ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss, die “Financial Crisis Inquiry Commission”, ihre Tätigkeit aufgenommen.  Nach 19 Tagen öffentlicher Anhörungen und der Befragung von 700 “Zeugen” will sie im Januar 20110ihr Ergebnis vorlegen. In Deutschland sucht man Vergleichbares vergebens. In einer sehr kleinteiligen Aufarbeitung durch Gerichte und Medien befasst man sich freilich auch in Deutschland mit der Finanzkrise (siehe Übersicht hier).

Weltweit für Schlagzeile sorgte die Anklageerhebung der US-Börsenaufsicht gegen Goldman Sachs. Den Goldmännern gelang es immerhin, einen aufsehenerregenden Prozess zu vermeiden. Lieber zahlte man eine Rekordstrafe in Höhe von 550 Mio. US$.

In dieser und ähnlicher Weise hat es die Funktionselite der Wirtschaft im vergangenen Jahr geschickt verstanden, die Diskussionen über eigene Fehlleistungen wieder herunter zu kochen. In der Reihe Das verlorene Jahrzehnt hat der Blick Log verschiedene Ursachen für die maue Performance der Unternehmen im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zusammen getragen. Immerhin hat 2010 einige ehemalige “Star-Manager” entlarvt. Unvergessen die Sonnenfinsternis des Utz Claassen bei Solar Millennium oder die Entmystifizierung von Thomas Middelhof durch seinen ehemaligen Arbeitgeber Bertelsmann.

Aber auch die weiter agierende "Funktionselite” hat sich einmal mehr blamiert. Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist zu einer reinen PR-Veranstaltung geworden, die keine neuen Ideen mehr hervorbringt. Eher verfestigt sich bei dieser oder vielen anderen Veranstaltung, sie dienen allein der Eigenvermarktung einer kleinen wenig kreativen, dafür aber absolut einflussreichen Gruppe.

Die wirkliche Elite dieses Planeten bleibt dagegen weitestgehend ohne Lobby und unbekannt. Es sind für mich etwa die vielen namenlosen Helfer, die sich für Menschen in Not engagieren, ganz egal, ob sie dadurch bekannt werden oder nicht. Dazu zähle ich etwa die US-Familie Livesay, die in Haiti Großartiges nach dem verehrendem Erdbeben geleistet hat und immer noch leistet.

Das Nervprodukt des Jahres war für mich natürlich der iPad. Ich ziehe zwar meinen Hut vor der PR-Durchschlagskraft von Apple, finde aber den medialen Herdentrieb hinter dem iFänger aus Cuppertino erschreckend. Irgendwann wird die iBlase platzen, in 2010 aber jedenfalls tat sie das noch nicht.

Der bei weitem am häufigsten angeklickten Artikel des letzten Jahres im Blick Log hatte vergleichsweise wenig mit Ökonomie zu tun. Der Beitrag “Golfstrom Anomalie und niemand hört hin” befasste sich mit der Störung der wichtigsten mitteleuropäischen Wärmepumpe. Deren Ausfall hätte freilich schon erhebliche Wirkungen auf die Wirtschaftslage. Trotz des extremen Wintereinbruchs gab es aber bis zum letzten Beitrag zu dem Thema keine Anzeichen für eine Störung. Aufregung um den Golfstrom: Wieder eine Anomalie unter Wasser?

Neben diesen Themen gab es eine Fülle weiterer Beiträge, die den Blick Log beschäftigt haben. Viele dieser und der nicht genannten Themen werden diesen Blog weiter beschäftigen. Es ist ja nicht so, dass mit dem durch Menschenhand definierten Jahreswechsel eine Zeitenwende verbunden ist.

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