Medienpornografie: Warum die inszenierte Wirklichkeit in Wirtschaft und Politik richtig nervt

by Dirk Elsner on 3. Juni 2011

Seit ich diesen Blog betreibe, fällt mir als Medienkonsument die “Inszenierung der Wirklichkeit” in Wirtschaft und Politik noch mehr auf als früher. Und insbesondere in diesem Jahr, so meine Wahrnehmung, scheinen viele Inszenierungen zur Farce zu geraten, insbesondere weil wir eine bemerkenswerte Häufigkeit entlarvter Aufführungen beobachten können. Hier ein paar prominente Beispiele:

  1. Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg
  2. Desinformationspolitik des Kernkraftwerksbetreiber Tepco nach der japanischen Katastrophe
  3. Beschwichtigungsrethorik der EU-Politiker um die griechische Schuldenkrise
  4. Selektive Informationspolitik der US-Regierung nach der Tötung von Osama Bin Laden

Ganze Seiten mit Beispielen lassen sich daneben mit der Aufzählung von Inszenierungen aus der Wirtschaftspraxis füllen. Der Facebookskandal um das “Anschwärzen” von Google mit Hilfe eine PR-Agentur stellt da nur die Spitze eines riesigen Eisberges dar.

Überhaupt gerät die Rolle der PR-Agenturen immer mehr in die Kritik. Hans-Peter Siebenhaar formulierte das vor einiger Zeit gut im Blog des Handelsblatts:

“Damit keine Zweifel entstehen, Public Relations, das Vertreten von Interessen für einen Auftraggeber, sind ein legitimer Teil der demokratischen Gesellschaft. Allerdings gibt es ein Problem: Für Aktionäre und Bürger sind die Heerscharen von PR-Leuten unsichtbar. Sie arbeiten im Verborgenen. In den Hinterzimmern der Macht brüten sie ihre Strategien aus. Ihr Ziel ist die Veränderung der Realitätswahrnehmung zum Vorteil des zahlenden Kunden – mit immer größerem Erfolg.”

Veränderung der Realitätswahrnehmung ist ein ziemlich passender Ausdruck für “inszenierte Wirklichkeit”, unter der ich die gezielte, gefilterte und/oder stark verfälschte Kommunikation von Informationen über Ereignisse, Handlungen und Zustände über verschiedenste Kanäle verstehe.

Und über die Konsequenzen wird vielleicht noch zu wenig nachgedacht. Das was uns die “Elite” aus Wirtschaft und Politik in diesem Jahr über Medien und andere Kanäle präsentiert, führt zu einer immer stärkeren Vertrauenskrise in öffentliche Aussagen. Ärgerlich daran ist, dass wir Medienkonsumenten immer weniger authentische von inszenierten Aussagen unterscheiden können. Bei mir führt dies mittlerweile zu großen Zweifeln, wenn die Autoren nicht eine Einordnung versuchen, wie dies übrigens jüngst vorbildlich Spiegel Online in einem Beitrag über eine Studie zu den Versicherungskosten der Kernenergie gemacht hat. Stefan Schultz wies in dem Beitrag darauf hin, dass der Auftraggeber der Studie eine Lobbygruppe war.

Nicht mehr zu durchschauende Äußerungen und Widersprüche Europas politischer “Elite” zur europäischen Schuldenkrise tragen derzeit extrem zur Vernebelung der Fakten bei und lassen die Informationsoutsider mit verwirrenden Botschaften zurück. Der Brüssel-Korrespondent der FAZ, Hendrik Kafsack, hat dazu deutliche Kritik am luxemburgischen Premierminister Jean-Claude Juncker geübt. Juncker glaubt schon lange, die Kapitalmärkte durch Verschleierungen und Dementis austricksen zu können. Dass er damit Glaubwürdigkeit verspielt und künftig möglicherweise ein ernst gemeintes Dementi nicht mehr als solches anerkannt wird, scheint er dabei bewusst in Kauf zu nehmen. Kafsack, stellt sich nach einem missglückten Geheimtreffen daher die Frage:

“…, wie viel Wahrheit oder harte Fakten die Politik Menschen und Märkten zumuten kann und wie sehr zu viele Lügen und „Unschärfen“ ihre Glaubwürdigkeit aushebeln. Schließlich war Juncker nicht der Einzige, der das Treffen am Freitagabend zunächst dementieren ließ.”

„Mächtige sind bessere Lügner,“ sagt Dana Carney, Assistant Professor für Management an der Columbia University. Menschen mit Macht sind beim Lügen oft wahre Könner, es ist zudem schwieriger, sie der Lüge zu überführen, ist im Harvard Business Manager zu lesen (Beitrag ist paid content, siehe sonst das Original Arbeitspapier als pdf How Power Corrupts).

Die Wirtschaftspraxis selbst scheint also im Zweifel den Schein weiter höher als das Sein einzuschätzen. “Eloquenz schlägt Ehrlichkeit”, fanden die Forscher Todd Rogers und Michael Norton (Aufsatz zu ihrer Studie: The Artful Dodger: Answering the Wrong Question the Right Way). In einem Interview mit dem Harvard Business Manager konstatierten sie, dass die Verpackung wichtiger ist als der Inhalt. Und die Management-Beraterin Dorothee Echter rät gar im Blog des Magazins: “Topmanager müssen nicht authentisch sein

In Sonntagsreden gern verbreitete Plädoyers für mehr Offenheit wirken da genau so wie Feigenblätter für die Öffentlichkeit wie die Regeln zur Corporate Governance, für die man gern öffentlichkeitswirksam eintritt, um sie gerade dann nicht zu leben, wenn es kritisch wird.

Erschreckend aber leider nicht überraschend bleibt also, dass Authentizität und Ehrlichkeit nicht gefragt sind, wenn dadurch ein mühsam aufgebautes Bild gestört wird. Wir erwarten von Politikern und Managern einen bestimmten Habitus oder bestimmte Elemente im Lebenslauf, die auf etwas Außergewöhnliches schließen lassen. Geschickte Zeitgenossen wissen dies und polieren ihre Vita entsprechend (siehe zu Guttenberg). Und dennoch wirken die meisten Bilder, die wir von Top-Managern und Politikern aufnehmen, blutleer, steril und gephotoshopt. Wir zweifeln daher intuitiv ihre inhaltlichen Botschaften an, weil wir spüren, diese Botschaften passen nicht zu den Personen.

Aber wollen wir tatsächlich die Wahrheit hören? Der ehemalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle bezog öffentliche Prügel für sein Atom-Outing: “Brüderles Ehrlichkeit ist nicht gefragt”, titelte damals das Handelsblatt. Wir freuen uns zwar über “Authentizität”. Wenn sie aber nicht zum gesellschaftlichen Verhaltenskonsens passt, dann schlagen wir mit Häme und Verachtung zu.

Zum Ende das Beitrags stelle ich mir gerade die Frage, ob ich nicht zu weit vom Titel “Medienpornografie” abgedriftet bin. Aber geht es nicht gerade bei Pornografie um drastische Inszenierungen und Zurschaustellungen, die mit der Realität wenig zu tun haben?

Die Inszenierungen geraten in den Blick vieler Beiträge insbesondere der Medien selbst. Hier ein Blick darauf:

TAZ: Strauss-Kahn in den Medien: Gerüchte gibt’s genug: In der Affäre um Dominique Strauss-Kahn leidet die Sorgfaltspflicht der Journalisten unter der Gier nach Details. Für Ausländer ist das kaum zu verstehen.

HB: Dominique Strauss-Kahn Wie die US-Medien mit DSK umspringen
Spermaspuren, Bestechung, ein aufgeblasenes Ego: die Aussagen der amerikanischen Medien zum Fall Strauss-Kahn sind teils unangenehm detailliert. Doch noch weiß niemand, was davon wirklich stimmt.

ZEIT: Medienökologie – Die Stopptaste, bitte: Je unerhörter die Nachrichten, desto mehr Menschen schotten sich offenbar ab. Kann man daraus lernen?

Weisgarnix: Bilder lügen nie, Bildermacher immer: Zwei sehr interessante Beiträge der FAZ thematisieren dieser Tage das zentrale Problem der Kommunikation: Die Unterscheidung von Mitteilung und Information. Bereits am Samstag schrieb die Berliner Kunstgeschichtlerin Charlotte Klonk unter dem Titel “Warum wir trotzdem Bilder brauchen“, dass Bilder, obwohl manipulierbar, nach wie vor vonnöten seien, um …

Spon: Unwort „PR-Desaster“: Eine Katastrophe, diese Kommunikation: Datenleck bei der Playstation, Kernschmelze im Atomreaktor, Explosion auf einer Ölplattform: Jede größere Katastrophe wird neuerdings zum „PR-Desaster“ erklärt. Dabei hat es der Begriff verdient, das Unwort des Jahres zu werden. Die wahren Versager sitzen nicht in der Presseabteilung.

Zeit: Die nützliche Falschmeldung vom Euro-Austritt: Ein deutsches Ministerium hat die Spekulation um Griechenlands Euro-Austritt gestreut, schreibt der Ökonom Yanis Varoufakis. Das Ziel: Eine überfällige Debatte anstoßen.

Leon Hartner Juni 3, 2011 um 17:51 Uhr

Wenn mal nicht die volle Talkshow-Dröhnung im Hotel auf dem Programm stehen soll:

Die Bücher „Daemon“ und Teil 2 „Darknet“ von Daniel Suarez greifen einige der auch hier im Blog beschriebenen Tendenzen auf und machen einen spannenden Science-(leider gar nicht so sehr)Fiction-Thriller draus. Die Wirklichkeitsverdrehung gehört auch dazu.

dels Juni 4, 2011 um 07:33 Uhr

Danke für die Hinweise @Leon Hartner
Aber ich nutze die Zeit dann doch eher für das Schreiben.

Olaf Storbeck Juni 3, 2011 um 07:53 Uhr

Guter Beitrag, du triffst den Nagel auf den Kopf. Was sehr hilft ist, den Fernseher abzuschaffen. Das haben wir schon 2006 gemacht und damit noch 36 Euro bei Ebay verdient. Der Gewinn an Lebensqualität: unbezahlbar. Und für den „Tatort“ gibt es die Mediathek.

dels Juni 3, 2011 um 08:05 Uhr

@Olaf Storbeck
Danke. Das mit dem TV kann ich gut nachvollziehen. Die Zeit die ich dort spare stecke ich lieber in den Blog.

Während der zu Guttenberg-Affäre und Fukushima habe ich mir ausnahmsweise mal unter der Woche (abends im Hotel ist dazu Zeit) die volle Dröhnung der Talkshows gegeben. Irgendwie hatte ich den Eindruck, überall auf die gleichen Personen zu treffen. Das langweilte nach zwei Sendungen.

Marsman Juni 3, 2011 um 01:24 Uhr

Entschuldigung für die Tippfehler im Kommentar.

Marsman Juni 3, 2011 um 01:23 Uhr

Die List kann man fortsetzen:
Unter anderem war der Krieg Georgien – Russland
2008 ein regelrechter PR Krieg, in dem PR Agenturen
die Medien belieferten und damit diesem kurzem
Medienrummel damals eine doch recht komische
Facette verliehen:
http://www.werbewoche.ch/zu-guter-letzt-kaukasuspr

Und Jack Shafer, Medienkritiker bei Slate, hatte
vor kurzem einen herrlichen Artikel zur Role der
PR – Mitteilungen geschrieben:
http://www.slate.com/id/2293631/

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