Stützels Maximalbelastungstheorie als Benchmark für Stresstest der Banken

by Dirk Elsner on 13. Juli 2011

Die Finanzmärkte stehen in diesen Tage erheblich unter Stress. Nicht nur, weil die Schuldenkrise in der Eurozone dabei ist, sich mit Italien den nächsten Dominostein zu suchen, sondern auch weil die Veröffentlichung der Stresstestergebnisse ansteht.

Stresstests, so der Osnabrücker Professor Peter Grundke in Wisu 1/2011, sind eine Ergänzung der quantitativen Risikomodelle und sollen zeigen, ob eine Bank auch bei extremen Ereignissen überlebensfähig ist.

Ich habe mich allerdings gefragt, an welchem Benchmark ich die Qualität des aktuellen Tests messen würde. Dazu erinnerte ich bereits im vergangenen Jahr an Stützels Maximalbelastungstheorie und dem NENLE-Konzept von Professor Hartmut Schmidt. Im Netz ist dazu eine Präsentation des Institut für Geld- und Kapitalverkehr zu finden mit dem Titel Solvenzsicherung in Theorie und Praxis. Nach dem Konzept soll der “niedrigster erwarteter Nettoliquidationserlös” (= NENLE) aller Vermögenspositionen einer Bank den erwarteten Gesamtbetrag der Verbindlichkeiten der Bank übersteigen. In einer Festschrift für Hartmut Schmidt schrieben Jochen Bigus und Philipp Grein dazu:

 “Die Verbindlichkeiten werden mit ihrem Rückzahlungsbetrag angesetzt, da die Einleger diesen bei Abzug der Einlagen erwarten. Die Haftungsmasse entspricht hierbei dem Liquidationswert der Aktiva, einschließlich derer, die nicht in der Handelsbilanz ausgewiesen sind. Da die Liquidationserlöse eines hypothetischen Zerschlagungsfalles schwierig zu bestimmen sind, sollten die Liquidationserlöse wie folgt abgeschätzt werden: Es sollten Vorsichtsabschreibungen für Ausfallrisiken auf alle einzelnen verbrieften und unverbrieften Geldforderungen und zudem globale Abschreibungen für Ausfallrisiken vorgenommen werden. Daneben verlangt Stützel, Zinsrisiken und sonstige Marktpreisrisiken zu berücksichtigen. Die erwarteten Zahlungen aus mit Zinsrisiken bedrohten Aktiva, also Forderungstitel und Kredite mit Festzinsvereinbarung, sollten pauschal … abgezinst und angesetzt werden.”

Das Konzept ist bis hin zu Aufsichtsregeln klar und operationalisierbar. Der entscheidende Frage, die eine Bank beantworten muss ist: Mit welchen Liquidationsdisagien muss sie ihre Vermögenstitel veräußern, um ihre Verbindlichkeiten abzudecken. Die Determinanten des Liquidationsdisagios werden danach wie folgt bestimmt:

  • max. erwartete Verschlechterung der Ertragskraft des aus dem Titel Verpflichteten (Bonitätsrisiko)
  • max. erwarteter Anstieg des Marktzinsniveaus (Zinsrisiko)
  • max. erwartete Erhöhung der Verwahr- und Verwaltungskosten
  • max. erwartete Transaktionskosten

Was Schmidt und Co freilich nicht schreiben ist, dass die maximalen Abschläge in Abhängigkeit von der Marktsituation unterschiedlich ausfallen. Es ist dabei nämlich entscheidend, ob nur ein einzelnes Institut kriselt oder am Finanzmarkt eine Systemkrise ausgebrochen ist, wie wir sie derzeit beobachten. In Finanzkrisen sind nämlich die maximalen Abschläge deutlich höher als in “normalen” Zeiten. Sehr eindrucksvoll hat dies Rick Bookstaber in seinem Buch “Teufelskreis der Finanzmärkte” dargestellt (Leseprobe hier) dargestellt. Im Finanzkrisenfall halten sich nämlich meist die sogenannten “Liquiditätslieferanten” (Großanleger, Hedgefonds, Pensionskassen) mit Engagements zurück, so dass die Abschläge sich weiter deutlich erhöhen.

Ohne dies im Detail weiter zu vertiefen, bedeutet dies, dass mit den durch die EBA vorgegebenen Abschlägen, die in etwa die aktuelle Marktbewertung bei Griechenlandanleihen abbilden, gerade nicht der NENLE ermittelt wird, sondern ein zu niedrigerer Abschlag. Der Abschlag der EBA hat nichts mit dem Stress zu tun hat, denen die Finanzmärkte nach der Pleite von Lehman ausgesetzt waren oder ausgesetzt wären im Fall eines Haircuts weiterer EURO-Schuldenländer. Wir wissen daher nicht, ob nach den am Freitag veröffentlichten Stresstestergebnissen die Banken wirklich sicher sind. Nimmt man die Maximalbelastungstheorie als Maßstab, dann bestehen an der Aussagefähigkeit der europäischen Stresstests weiterhin erhebliche Zweifel.

Nach einem kurzen aber sehr interessanten Twitterdiskurs mit @egghat und @ABuschmeier (übrigens Verfasser des Buchs "Ratingagenturen – Wettbewerb und Transparenz auf dem Ratingmarkt") hier noch eine Ergänzung. Natürlich kann die Maximalbelastungstheorie nicht als Extremvorgabe verbindlich für die Regulierung gesetzt werden. Ich sehe sie aber als Benchmark. Je geringer der Abstand zwischen NENLE und dem Eigenkapital ist, desto höher müssten die Eigenkapitalvorgaben sein. Und Andreas Buschmeier hat natürlich recht, dass auch in diesem Verfahren die Bewertungsproblematik bestehen bleibt.

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