Ende des Mythos der risikofreien Geld- und Kapitalanlage – Prämien für Kreditversicherung Deutschlands steigen stark

by Dirk Elsner on 10. August 2011

Es sind turbulente Wochen an den internationalen Finanzmärkten, die aktuell Themen ohne Ende liefern. Die gestrige Erholungspause an den “Märkten” gestattet einen Blick auf ein Thema, das uns vielleicht schon bald mehr beschäftigen könnte.

Die risikofreie Kapitalanlage spielt sowohl in der Wirtschaftspraxis als auch in der Finanzmarkttheorie eine große Rolle. In der Wirtschaftspraxis, weil viele Privatanleger und Institutionelle nach Anlageformen suchen, um ihr Geld krisensicher zu parken. Daneben erwarten Unternehmen, dass ihre bei Banken auf Giro- und Festgeldkonten parkende liquiden Mittel dort vor Ausfällen sicher sind. In der Wirtschaftstheorie arbeiten zahlreiche Bewertungsmodelle mit dem risikofreien Zins etwa für Anlage- und Risikomodelle mit.

Der risikofreie Zinssatz , so definiert es die Wikipedia recht treffend, “ist ein Zinssatz, der auf einem Markt für eine Geldanlage bei einem Schuldner gezahlt wird, bei dem nach allgemeiner Ansicht kein Risiko besteht, dass Zinsen und Rückzahlung nicht pünktlich geleistet werden können (= kein Ausfallrisiko besteht).” Es geht also nicht um das Zins- oder Liquiditätsrisiko dieser Anlage, sondern allein um die Annahme, dass dieser Schuldner für die Laufzeit seine Verbindlichkeiten mit einer Wahrscheinlichkeit von 100% vereinbarungsgemäß seine Zins-, Tilgungs und sonstige Verpflichtungen erfüllt.

Die Rendite „risikofreier“ Kapitalanlagen wird in der Bewertungspraxis als gegeben angenommen oder gilt als leicht ermittelbar, schrieb Eric Schreyer im Blog Valuation in German (und so auch die Standardlehrbücher zur Kapitalmarkttheorie). Und er fährt fort: “Bei genauerer Betrachtung ist die Ermittlung einer Rendite für „risikofreie“ Anlagen jedoch durchaus problematisch.” Auf diese Probleme geht er in seinem Blogeintrag ein und verweist außerdem auf ein Working Paper der Stern School of Business von Aswath Damodaran: What is the riskfree rate? A Search for the Basic Building Block.

Aber lassen wir die Theorie. Als risikofreie Geldanlage galten in der Vergangenheit insbesondere Anlagen in Schuldpapiere der Bundesrepublik, Frankreich oder der USA. Spätestens mit dem Downgrade der USA durch die Rating-Agentur S&P dürfen Schulden der USA aber nicht mehr als risikofreie Anlage betrachtet werden.

Aber auch Schulden Deutschlands, die oft als risikofrei gepriesen werden, sind nicht frei von Ausfallrisiken. Dies zeigen die Preise für Kreditausfallversicherungen. Der Preis einer Kreditausfallversicherung für eine risikofreie Anlage müsste Null betragen. Für die Versicherung deutscher Schulden sind aber die Preise im Zuge der Schuldenkrise und der (potentiellen) Belastung durch die europäischen Rettungsmechanismen vergleichsweise stark angestiegen, wie der folgende Chart zeigt.


Orange: Deutschland, grün USA
Quellen: Deutschland: http://www.bloomberg.com/apps/quote?ticker=CDBR1U5:IND
USA: http://www.bloomberg.com/apps/quote?ticker=CT786896:IND

OK, schlichte Gemüter könnten fragen, wer denn eigentlich eine Versicherung auf einen der besten Schuldner dieses Planeten anbietet und diese im Fall eines Kreditereignisses (= Deutschland zahlt nicht vereinbarungsgemäß zurück) auch erfüllen kann. Ökonomen fragen sich eher, wie lange Deutschlands AAA noch hält, wenn die Verpflichtungen des Landes immer größer werden und der Kreis der mithaftenden Länder in der Eurozone für die Rettungsfonds immer weiter schrumpft. Das Handelsblatt zitierte dazu gestern den Ökonomen Kenneth „Diesmal ist alles anders“ Rogoff:

„Um den Euro zu erhalten, werde zudem vor allem Deutschland für die Schulden der anderen Mitgliedstaaten einstehen müssen – im schlimmsten Fall auch für Frankreich. Dann könne berechtigterweise auch die Rating-Bestnote „AAA“ in Gefahr sein.“

Ich brauche dazu freilich nicht Rogoff als Zeugen. Allein die oben aufgezeigte Preisentwicklung der Kreditversicherungen zeigt sehr gut, dass viele professionelle Marktteilnehmer Schulden Deutschlands seit dem Herbst 2008 gerade nicht mehr als absolut sicher ansehen. Und gestern hat dies auch die FAZ aufgegriffen.

Was bedeutet dies nun für Privatanleger? Sie müssen sich dringend vom weit verbreiteten Mythos einer risikofreien Kapitalanlage befreien. Diese gab es nie und wird es nie geben. Wirklich deutlich gemacht hat dies nicht zuletzt die Finanzkrise 2008/09, die durch die jüngste Schuldenkrise in die Verlängerung gegangen ist. Sogar für Spareinlagen gilt, dass sie selbst dann nicht vollkommen risikofrei sind, wenn der Bund sie, wie 2008 geschehen, garantiert.

Das „sicher ist sicher“ gibt es bei keiner Anlageform. Es ist allenfalls eine Marketingaussage, um Oma Stopka zur Anlage ihrer Ersparnisse zu bewegen.

Was abschließend natürlich interessant zu wissen wäre, ist die Wirkung eines Verzichts der Annahme des risikofreien Zinses auf die zahlreichen finanzmathematischen Bewertungsmodelle, die auch Eingang in die Bewertungspraxis der Banken finden. Vielleicht liest ja der eine oder andere Ökonom mit und kennt die Antwort oder untersucht das Thema.

Nachtrag vom 11.8.11

Am heutigen Tag bekam das Thema steigender Kreditversicherungsprämien für Deutschland plötzlich noch mehr Umdrehungen. Das Handelsblatt titelte bereits gestern: Investoren wetten gegen Frankreich und Deutschland und schrieb heute: „In der Schuldenkrise könnte auch Deutschland in schwieriges Fahrwasser geraten. Darauf deuten die gestiegen Kosten für Kreditausfallversicherungen hin. Ein Ökonom schlägt Alarm und fordert, die Angriffe abzuwehren.“

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