Herbstgewitter über europäischen Banken: Wann kommt die Zwangskapitalisierung?

by Dirk Elsner on 4. Oktober 2011

Majestic thunderstormGlaubt man dem Wetterbericht, dann soll sich mit dem heutigen Dienstag der Sommer verabschieden und der Herbst durchstarten. Herbst, das ist die Zeit für die trüben Gedanken. Mit nachdenklicher Miene habe ich Ende vergangener Woche den TSI-Kongress in Berlin verfolgt. Schwerpunkt dort war die Unternehmensfinanzierung und die Refinanzierung der Banken. Die Stimmung, die ich von dort mitgenommen habe empfand ich als herbstlich. Und das ist möglicherweise noch eine freundliche Wertung, andere könnten sagen, die Stimmung kommt einer Winterdepression gleich.

In dem Beitrag vom vergangenen Freitag habe ich bereits darauf hingewiesen, dass viele Institute derzeit große Probleme mit der langfristigen Refinanzierung haben. Auch in dem Panels am Freitag wurde dies Bild immer wieder bestätigt. Und ich habe keine Ansätze, außer dem Prinzip Hoffnung, gehört, wir die Finanzbranche diesen Problemen entkommen kann.

Nun war es nicht so, dass ich mit den Erwartungen nach Berlin gefahren bin, um dort den großen Wurf zu hören. Aber die dort verbreitete Gesamtstimmungslage zum Funding (Refinanzierung von Banken) und zur Regulierung, nebst den möglichen Einflüssen auf die Unternehmensfinanzierung kann ich nur als düster beschreiben. Sonst findet man auf solchen Veranstaltungen immer mal wieder optimistische Vortragsredner, die eine Vision aufzeigen können. Nichts dergleichen habe ich hier wahrnehmen können, wobei ich bei der Vielzahl des Angebots auch nicht allen Panels folgen konnte.

Die Wiederherstellung des Vertrauens war bereits vor drei und zwei Jahren ein großes Thema der Finanzbranche auf diesem Kongress. Man muss es so deutlich sagen, die Banken haben nichts, aber auch gar nichts dafür getan, um das Vertrauen wiederherzustellen. Dem Prinzip Hoffnung (und dem Bailout) vertrauend haben sie die Augen verschlossen und nach außen den Eindruck vermittelt, sie würden ihre Hausaufgaben erledigen. Und nun hat der Fall UBS jüngst sogar deutlich gemacht, dass das Gerede von der Verbesserung der Risikosysteme, tatsächlich nur Gerede war und die Branche kaum etwas in den Griff bekommen hat.

Bis zum Frühjahr schien die Strategie (mal wieder) aufzugehen. Man feierte schon das Ende der Finanzkrise und konnte alte Gewinnziele wieder aufrufen. Dass diese nur Dank expansiver Geldpolitik, niedriger Zinsen und staatlichen Bailouts zu erreichen waren, wurde dabei gern vergessen. Man war außerdem insgeheim froh, dass die Bankenkrise den Bürgern als Euro- bzw. Schuldenkrise verkauft wird. Das dürfte nun vorbei sein. Die Bankenkrise 2.0 wird immer mehr als solche erkennbar.

Gerade erst gestern wieder bestätigte EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny, dass die Branche weiterhin Probleme hat, an langfristige Liquidität zu kommen. Man wird in den nächsten Wochen deutlich stärker über dieses bei den Banken aus vielerlei Gründen ungeliebte Thema diskutieren müssen. Ein guten Auftakt dazu machte Torsten Riecke im Handelsblatt: Kapitalaufstockung – Man muss die Banken zu ihrem Glück zwingen. Es spricht im Moment mehr dafür, dass es dazu kommt, als dagegen.

Unklar ist unterdessen noch, was diese Bankenkrise für die Unternehmensfinanzierung bedeutet. Auf dem Kongress wollte man von einer neuen Kreditklemme natürlich nichts wissen. Ich halte diese Prognose mittlerweile für sehr gewagt, allein mir fehlt der Glaube, denn neben den aktuellen Refinanzierungsproblemen drohen die Regulierungsmonster Basel III für Banken und Solvency II für Versicherungen nach ihren derzeitigen Formulierungen deutlich stärker die Unternehmensfinanzierung zu diskriminieren (siehe dazu auch diesen Report von Standard & Poors), als dies der Unternehmenssektor ahnt.

Nachtrag

Die heutige Schlagzeilen und die Entwicklungen an den Börsen zeigen, wie Ernst das Thema ist. Im Handelsblatt ist zu lesen, dass die belgisch-französische Großbank Dexia kurz vor der Zerschlagung steht. Aktionäre reagieren panisch, die Kurse stürzen ab. Jetzt wollen Belgien und Frankreich dem Finanzkonzern helfen. In einem weiteren Beitrag schreibt das Blatt auf der Webseite: „Angst vor einer Bankenkrise geht um. In ganz Europa brechen die Kurse der Finanzinstitute ein. Die Banken trauen sich nicht mal mehr untereinander.“

Unterdessen kassiert Ackermann das Gewinnziel der Deutschen Bank. Als Hauptgrund, so die FTD, muss dafür die Schuldenkrise herhalten. In den kommenden Monaten sollen außerdem 500 Stellen wegfallen.

Schlagzeilen

Dass die neue Bankenkrise keine Erfindung dieses Kongresses ist, zeigen auch die Schlagzeilen der letzten Tage:

HB: Neue Staatshilfe? Luft für Finanzgruppe Dexia wird immer dünner Die Turbulenzen bei der stark in Griechenland engagierten Bank Dexia nehmen zu: Am Markt machen Befürchtungen um eine ausreichende Kapitalaustattung des Geldhauses die Runde. Der Verwaltungsrat ist alarmiert.

HB: Presseschau„Europa kurz vor einer Bankenkrise“ (15.09.11): Nach der Herabstufung der Kreditwürdigkeit von Crédit Agricole und Société Générale befürchten die internationalen Medien weitere Schockwellen auf dem europäischen Finanzmarkt. Die Hilferufe der Kommentatoren richten sich auch an den IWF, der die Institute stützen solle. Fundstück: Bildhauer und Bücher schreiben statt Banking

HB: Wirtschaftsprüfer – Schuldenkrise erfasst deutsche Banken (3.10.11): Wirtschaftsprüfer schlagen Alarm: Längst nicht alle deutschen Banken sind operativ gut aufgestellt. Besonders krisensicher erscheinen die Geldhäuser nicht – ein EZB-Experte sieht dringenden Handlungsbedarf.

FTD: Schuldendebakel Die Krise der europäischen Banken (30.9.11): Die europäischen Geldhäuser gehören zu den größten Kreditgebern der Euro-Zone, weshalb die Krise sie massiv belastet. Sie kämpfen mit Problemen an allen Fronten. Ein Überblick.

Previous post:

Next post: