Der unverstandene Paradigmenwechsel (Teil 2): Ein Kern des neuen Bankingparadigmas ist die digitale Gesellschaft

by Dirk Elsner on 24. November 2011

Der erste Beitrag die Zukunft des Banking und den unverstandenen Paradigmenwechsel skizzierte das auf Informationsasymmetrie basierende Paradigma für Finanzdienstleistungen. Einen Kern des neuen Bankenparadigmas habe ich damit schon benannt. Er dreht sich um die Transparenz, die mit Hilfe moderner Netztechnologien geschaffen wird. Die Veränderungen sind in vielen Studien und Berichten beschrieben (siehe unten). Ich sehe zusammenfassend darin folgende Kernelemente:

  1. Technologische Änderungen (Stichwort ist hier die digitale Gesellschaft),
  2. die Verbreitung des Wissens um das Funktionieren von Finanzdienstleistungen und Finanzmärkten,
  3. einen gesellschaftlichen Wandel hin zur akzeptierten Nutzung moderner Netztechnologien im sozialen und wirtschaftlichen Alltag der Menschen und
  4. der Bereitschaft zu mehr Transparenz, d. h. mehr eigene Informationen zur Verfügung stellen, wenn dadurch Vorteile erzielt werden. Das Zurückhalten von Informationen wird zunehmend als Schwäche interpretiert.

Diese und andere Punkte[1] senken deutlich die Informationsasymmetrie auf den Finanzmärkten und verringern damit den Spielraum für opportunistisches Verhalten. Das senkt die Transaktionskosten für die Finanzintermediation über den Markt deutlich und gefährdet damit die klassischen Dienstleistungen der Banken. Klassische Intermediäre konkurrieren daher heute und in Zukunft noch viel stärker mit Leistungen, die direkt zwischen Wirtschaftsteilnehmern mit Kapitalüberschuss und welchen mit Kapitalbedarf abgeschlossen werden.

Hansjörg Leichsenring fasst im Beitrag die digitale Gesellschaft die Konsequenzen zusammen:

“Damit unterstützt der digitale und kulturelle Strukturwandel die Machtverschiebung von Produzent zu Konsument. Man spricht auch vom souveränen (Internet-)Bürger. Diese Machtverschiebung hebelt die Kräfte des marktwirtschaftlichen Systems nicht aus, sorgt aber für eine neue Machtbalance. Der vernetzte Internet-Bürger kann sich im digitalen Zeitalter interaktiv und kooperativ an sozialen und kulturellen Entwicklungen sowie an Wertschöpfungsprozessen beteiligen. Dadurch entstehen neue Produktions- und Kooperationsmuster mit flexibleren und transparenteren Arbeitsabläufen in Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Politik, Gesellschaft und Kultur.” (Unterstreichungen durch mich)

Leichsenring bezieht sich in dem Beitrag übrigens auf die Studie der Deutschen Bank

Die digitale Gesellschaft: Neue Wege zu mehr Transparenz, Beteiligung und Innovation”, in der detailliert die Änderungen skizziert werden und welche Folgen diese für Unternehmen haben können. Interessanterweise spart der Autor der Studie Thomas F. Dapp die Auswirkungen auf den Finanzsektor aus. Dies holt Leichsenring in einem Gespräch mit Dapp nach.

In diesem Gespräch bestätigt Dapp die hier vertretene These zum Abbau der Informationsnachteile der Bankkunden:

“Eine wichtige Auswirkung des digitalen Strukturwandels liegt sicherlich darin, dass die Kunden viel besser informiert sind als noch im analogen Zeitalter. Wertvolle Informationen über Finanzprodukte, Preise oder Bewertungen sind im Netz leicht zu finden. Dies hat natürlich Konsequenzen auf die Finanzberatung, die auf den besser informierten Kunden mit maßgeschneiderten Problemlösungen reagieren muss. Der Beruf des Bankers wird zwangsläufig wissensintensiver und auch komplexer.”

Es mag schon fast abgedroschen klingen, aber die digitale Gesellschaft verschiebt die Tektonik des klassischen Bankings deutlich. Banken profitieren immer weniger von ihrem Informationsvorteilen, schlicht weil diese Vorteile verschwinden. Private und gewerbliche Kunden emanzipieren sich zunehmend von den Banken, auch deswegen, weil Banken bisher keine akzeptierte Antwort auf die doppelte Finanzkrise gefunden haben und am Paradigma der Intransparenz verkrampft festhalten. Finanzhäuser klagen über mangelndes Vertrauen und über die Einschränkungen ihrer traditionellen Geschäftsmöglichkeiten durch die Regulierungsaktivitäten. Sie verstehen aber nicht, dass erst die Haltung vieler Zunftvertreter dies herbei geführt hat. Eine Strategie dagegen sucht man vergebens, zumindest bei den etablierten Instituten.

Fruchtbarer Boden für viele Biotope

Die Wahrnehmung der Finanzlandschafft fällt durchaus differenziert aus. So ist es etwa Sparkassen und Volksbanken gelungen, sich vom Image-Gau der internationalen Häuser abzukoppeln. Noch außerhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle gären auf dem fruchtbaren Boden der Bankenkrise viele Biotope unter dem Stichwort Next oder New Banking. Ein Blick auf den oft unter Banking 2.0 firmierenden bunten Mix zeigt deutlich, dass nicht nur Schutzmauern errichtet werden, sondern auch Windmühlen.. Sehr viele Unternehmen bieten mittlerweile Finanzdienstleistungen in neuer Form an. Die Mindmap des New Banking zeigt eine fruchtbare Biosphäre an Dienstleistungen von Unternehmen, unter denen sich kein einziges klassisches Institut befindet.

Vergrößern Sie einfach die Mindmap durch einen Klick auf das image-Symbol. Wenn Sie sich links an den Hauptästen bewegen, erkennen Sie schnell, dass die Hauptgeschäftsfelder der Finanzindustrie Zahlungsverkehr, Geldanlage, Finanzierung, Brokerage, Informationsdienstleistungen hier Schritt für Schritt besetzt werden.

Als besonders aussichtsreiche Kandidaten, um sich einen großen Stück vom Kuchen zu sichern, gelten die Unternehmen, die sich auf das Thema Mobile Payment stürzen. Mit der stark gewachsenen Verbreitung von Smartphones und dem Aufbau der notwendigen Infrastruktur stehen sie derzeit an der Schwelle des riesigen Zahlungsverkehrsmarktes. Ob hier der Durchbruch gelingt, ist derzeit zwar noch offen, aber kaum jemand zweifelt daran, dass Unternehmen wie Google, Paypal oder die großen Telekommunikationsgesellschaften über die notwendige Feuerkraft verfügen, um den Banken und klassischen Zahlungsverkehrsdienstleistern hier signifikante Marktanteile abzunehmen. Und der Weg vom Zahlungsverkehr zum Konto und dem Angebot weiterer Dienstleistungen ist nicht besonders weit.

Viele der neuen Anbieter verändern signifikant die Informationsverteilung am Finanzmarkt und reduzieren damit deutlich die Informationsvorteile des klassischen Finanzwesens. Dienste wie Kreditbörsen oder Crowdfundingplattformen übernehmen bereits Intermediationsfunktionen durch die direkte Vermittlung von Kapital zwischen Geldgebern und Geldnehmern.

Und was tun die klassischen Banken? Konsequent haben sie viele der technologischen Änderungen der letzten 10 Jahre eher als Bedrohung und Risiko angesehen, denn als Chance genutzt oder als irrelevant verachtet.

Der Ökonom Ross Levine schrieb kürzlich in einem Aufsatz über die Zukunft des Banking:

“The impact of the financial system on the rest of the economy depends on how it mobilises savings, allocates those savings, monitors the use of those funds by firms and individuals, pools and diversifies risk, including liquidity risk, and eases the exchange of goods and services.When financial systems perform well, they tend to promote growth and expand economic opportunities.

Aktuell entfernt sich das klassische Banking von diesen Zielen, während sich das Next-Banking genau dorthin bewegt.

Für den nächsten Abschnitt könnte ich näher beleuchten, wie das Next oder New Banking gärt oder warum die klassischen Banken so wenig von Transparenz halten. Über das New Banking habe ich freilich hier schon zahlreiche Beiträge verfasst und werde es auch in Zukunft tun. Hier geht es ja um den verpassten Paradigmenwechsel, daher will ich mir im nächsten Beitrag noch einmal näher anschauen, warum Banken kein Interesse am Abbau von Informationsasymmetrie haben.


Literaturhinweise

Hier einige Literaturhinweise zum Thema Banking und digitale Gesellschaft. Eine ständig aktualisierte Übersicht mit den Aktivitäten im New Banking gibt es im Blick Log auf der Seite Trends im New Banking und Social Media

Bank Blog: Die digitale Gesellschaft – Neue Wege zu mehr Transparenz, Beteiligung und Innovation

Closed Germany Das Paradigma des Informationszeitalters

Deutsche Bank: Die digitale Gesellschaft – Neue Wege zu mehr Transparenz, Beteiligung  und Innovation

Gernot Gehrke / Thomas Tekster: Zwischen Digitaler Teilung  und Integration: Neue Befunde zum Stand der Nichtnutzung von Internet und Online- Diensten Zum Hintergrund der Debatte um Teilung und Integration

Karriere: Fachkräfte-Nachwuchs Die Probleme der Generation Digital

Peter Kruse: Digitalisierung der Gesellschaft: Und bist du nicht willig, so brauch ich Geduld

Holger Schmidt: Das Internet spaltet die Gesellschaft: Medienkompetenz wird in der Informationsgesellschaft eine zentrale Bedeutung haben. Deutschland liegt im internationalen Vergleich aber zurück. Die digitale Kluft schließt sich nicht von allein, warnen Wissenschaftler.

Voxeu: The Future of Banking


[1] Zu den anderen Punkten könnte man die politischen und aufsichtsrechtlichen Aktivitäten rechnen, die die Finanzmärkte mit neuen Regulierungsvorschriften ordnen wollen..

Previous post:

Next post: