Die Zukunft des Banking und der unverstandene Paradigmenwechsel

by Dirk Elsner on 17. November 2011

Direction of the crackEin altes chinesisches Sprichwort lautet: “Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen bauen Windmühlen.“ Mir gingen in den letzten Jahren viele Gedanken zum Wandel des Bankwesens durch den Kopf und habe viel darüber im Blick Log geschrieben. Der Wind des Wandels hat sich mittlerweile zu einem Orkan entwickelt, aber die Bankbranche selbst baut eher Schutzmauern, als mit Hilfe von Windmühlen vom Wandel zu profitieren.

Ich habe lange in Banken gearbeitet hat[1] und mir ist nicht egal, was dort geschieht. Ich sehe aber eine große Dissonanz zwischen dem, was das Finanzwesen in den vergangenen Jahren bewegt hat und wie Kunden, Beobachter und Politik das wahrnehmen. Diese Dissonanz manifestiert sich in einer entrückten Kommunikationspolitik der Finanzbranche, die die Süddeutsche neulich als arrogant und borniert bezeichnete[2], und im freien Fall des Vertrauens in diesen zentralen Wirtschaftszweig. Stark gefallene Anteilspreise und hohe Risikoprämien für die Refinanzierung sprechen eine klare Sprache. Der Banker hat sich vom “Dienstleister zum Bedroher” (Handelsblatt) entwickelt. Dabei handelt es sich übrigens nicht allein ein Kommunikationsproblem, wie die Finanzbranche selbst gern glaubt. Selbst noch so gute Spezialisten können ein rostiges Fahrzeug mit abgelaufenem TÜV nicht in einen Neuwagen verwandeln.

Hinter dem Umgang mit Geld, dem Staat und den Kunden steht ein Paradigma, das sich auflöst. Ich will dies abseits der Plattitüden über Gier, Zockerei und Zerschlagung schärfen. Banken sind weder Teufelswerk noch ein Gottesbeitrag. Bankdienstleistungen werden weiter überall benötigt; das gerät bei der boulevardesken Debatte über die Ursachen der Bankenkrise oft in den Hintergrund. Ob diese Dienstleistungen aber immer von Banken kommen müssen, ist eine Frage, die inzwischen verneint werden kann.

Leider stockt die Innovationsfähigkeit etablierter Banken seit Jahren. Eine Branche, die die änderbare PIN oder das mobile TAN-Verfahren als Neuheit feiert[3], ist nicht in der digitalen Gesellschaft angekommen. Sie befindet sich jenseits der digitalen Kluft und droht nun in die Schlucht zu stürzen. Banken haben bisher nicht verstanden, wie sie mit neuen Technologien neue Märkte erschließen und Vertrauen zurück gewinnen können. Sie verschlafen den Paradigmenwechsel.

Dabei hat dieser Paradigmenwechsel den Finanzsektor längst erreicht, wie die Mindmap des New Bankings zeigt. In nahezu allen von Banken abgedeckten Geschäftsfeldern habe kreative Köpfe Ideen ausgesät. Noch ist nicht klar, aus welche Saat eines Tages geerntet werden kann, dennoch unterstreichen die jetzigen Blüten bereits ein großen Appetit auf den Wechsel.

Die jetzige Führungsgeneration in den etablierten Instituten ignoriert die neuen Geschmacksrichtungen allerdings aus verschiedensten Gründen. Entweder nehmen sie die Aktivitäten gar nicht wahr oder sie haben Angst, dass ihr eigenes Essen dadurch verdorben wird. Anders jedenfalls kann ich mir die große Diskrepanz zwischen den eigenen Ansprüchen und der tatsachlichen Leistungsbilanz der Finanzbranche mit zum Teil katastrophalen Ergebnissen in den letzten 10 Jahren nicht erklären.

Ich hoffe, am Ende dieser Beitragsreihe erkennt man, dass eine zentrale Frage für Banken nicht etwa lautet, “Müssen wir uns mit Social Media befassen und via. Facebook mit unseren jungen Zielgruppen kommunizieren?” Dieses von Social Media-Grurus gepredigte Mantra ist viel zu kurz gesprungen. Die Institute sollten sich viel eher fragen, ob sie (schon?) zu einem Paradigmenwechsel bereit sind, der nicht nur ihre Kommunikation verändert, sondern auch die Art wie künftig Produkte entwickelt, angeboten und “produziert” werden werden. Erst wenn diese Frage mit ja beantwortet wird, können daraus entsprechende Konsequenzen für die Strategie, Produktpolitik, Refinanzierung und Kommunikation abgeleitet werden.

Finanzhäuser, die den neuen Weg jetzt nicht mitgehen können oder wollen, müssen sich fragen, welche Konsequenzen dies auf ihr Geschäft in 1, 5 und 10 Jahren haben wird. Der Paradigmenwechsel hat bereits eingesetzt und er wird das klassische Banking so verändern, wie die PC- und Software-Industrie die IT-Industrie revolutioniert hat oder das Internet das Informationsverhalten.

Kern des alten Banking-Paradigmas ist Informationsasymmetrie

Die Finanzbranche muss die lethargische Passivität überwinden und die eigene Zukunft wieder gestalten. Dies gelingt aber nur, wenn das Festhalten am klassischen Paradigma in Frage gestellt wird. Derzeit gestalten nicht die Banker selbst ihre Zukunft, sondern Politik und Regulatoren. Interessanterweise bauen sie damit hohe Schutzmauern um das Finanzwesen, eigentlich um es vor sich selbst zu schützen, gleichzeitig hält dieser Wall aber auch frische und freche Wettbewerber auf Distanz[4].

Der Zustand der Finanzbranche erinnert an den der IT-Industrie bevor Apple und Microsoft den Markt für Personal Computer “erfanden” und den bis dahin von Großunternehmen dominierten IT-Sektor aufmischten. Wie viele Unternehmen im Großrechnerbereich ignorieren heute Banken den sich anbahnenden Paradigmenwechsel im Finanzsektor und halten an überholten Geschäftsmodellen fest[5].

Aber Vergleiche der Finanz-mit der IT-Industrie hinken. Die Geschäftsmodelle der Finanzwelt sind trotz der komplizierten Konstruktionen[6] im Grunde ziemlich simple. Vorwiegend geht es um die Gestaltung[7] bedingter und unbedingter Zahlungsströme bzw. Forderungen in Gegenwart und Zukunft zwischen verschiedenen Marktteilnehmern (Anbietern und Nachfragern von Geld bzw. Kapital). Platz ist für Banken deswegen, weil Märkte nicht ticken, wie es die ökonomische Theorie fordert[8].

Banken existieren vor allem wegen der unterschiedlichen Informationsverteilung[9] zwischen Marktteilnehmern, die Geld anlegen bzw. aufnehmen wollen. Daneben reduzieren Banken das Risiko opportunistischen Verhaltens[10]. Opportunismus bedeutet, dass sich einige Marktteilnehmer nicht an getroffene Vereinbarungen halten und/oder über fehlerhafte Informationen falsche Signale setzen. Dies kann dazu führen, dass ein Vertragspartner ein Geschäfte vereinbart, das er bei Kenntnis der Sachlage so nicht vereinbart hätte[11]. Durch opportunistisches Verhalten können aber auch an Geschäften unbeteiligte Dritte Risiken tragen (externe Effekte) ohne am Erfolg des Geschäfts beteiligt zu sein[12].

Die Finanzmärkte selbst streben danach, Informationsasymmetrien möglichst zu beseitigen und opportunistisches Verhalten der Marktteilnehmer einzudämmen[13]. Bieten Unternehmen dies als Dienstleistung an, wird dies entsprechend vergütet. Dieses Leistungsversprechen beinhaltet aber eine zentrale Annahme, nämlich dass Banken selbst Informationsasymmetrien nicht ausnutzen und sich selbst gerade nicht opportunistisch verhalten[14].

Finanzhäuser haben schon immer versucht, von der ungleich verteilten Informationen zu profitieren[15] (siehe dazu auch den Beitrag Die Intransparenzrente oder warum Banken Informationsasymmetrie nicht abbauen wollen). Allein mit den (Rechts-) Fällen aus den letzten Jahren, nach denen Banken ihre Informationsvorteile opportunistisch ausgenutzt haben, lassen sich ganze Bibliotheken füllen. Für besonders spektakuläre Fälle reicht ein Blick auf die juristische Aufarbeitung der Finanzkrise. Eine Übersicht ausgewählter Beiträge dazu ist auf der Seite “Aktuelle Berichterstattung zur Aufarbeitung der Finanzkrise” zusammen gestellt.

Das opportunistische Verhalten ist nicht unbemerkt geblieben, sondern gerade wegen der verursachten enormen ökonomischen Schäden weltweit bekannt geworden. Das Wissen um das opportunistische Verhalten hat das Vertrauen der Finanzmärkte in Kreditinstitute so nachhaltig geschädigt, dass viele Banken abgewickelt werden oder von staatlichen Institutionen gestützt werden mussten.

Im einem Folgebeitrag werden ich den Kern des neuen Paradigmas weiter herausarbeiten.


Anmerkungen

[1] Und der jetzt als Externer über ein Beratungsunternehmen für Banken und auch für die andere Seite, nämlich für Unternehmen der Realwirtschaft tätig ist.

[2] Freilich hat es solche Kritik schon immer gegeben und die Finanzbranche hat sie im Zweifel ausgesessen und weggeschwiegen.

[3] Ich hatte erst gedacht, es handelt sich um einen Satirebeitrag, was da aus dem Genossenschaftsbanksektor auf der Webseite Der Westen als Neuheitgefeiertwird: „Vom Frühjahr an wird es möglich sein, die ungeliebte neue Nummer, die der Kunde zugeteilt bekommt, weil die alte Karte zerbrochen ist oder gestohlen wurde, durch eine selbst gewählte zu ersetzen, die sich logischerweise meist leichter behalten lässt.“

[4] Ich empfehle dazu den Beitrag “Wem die Regulierung im Finanzsektor wirklich nutzt.

[5] Hewlett-Packard etwa hatte das Angebot der Apple-Gründer, den ersten Apple zu produzieren, abgelehnt, weil ihnen damals die Vision vom Personal Computer unrealistisch und als eine verspielte Idee von LSD einwerfenden Hippies erschien.

[6] Hier fragen sich übrigens immer mehr Menschen, ob Bankprodukte vielleicht bewusst kompliziert gestaltet werden, um die Intransparenz zu erhöhen.

[7] Zum “kreativen” Gestaltungprozess gehören natürlich auch die korrespondierenden rechtlichen Vereinbarungen.

[8] Daneben hat Banking weitere Funktionen, die ich einmal in dem Beitrag “Was ist Banking und welche Probleme solles theoretisch lösen?” skizziert habe, die aber hier für die Betrachtung nicht entscheidend sind.

[9] Ökonomen sprechen hier von Informationsasymmetrie. Wenn man exakt sein will, dann müsste man hier eigentlich davon sprechen, dass eine zentrale Ursache der Informationsasymmetrie die Existenz von Transaktionskosten sind.

[10] Oliver E. Williamson ist die Aufnahme des Opportunismus in die Ökonomie vor allem durch sein Werk „The Economic Institutions of Capitalism” zu verdanken. Unter Opportunismus versteht Williamson die Verfolgung des Eigeninteresses unter Zuhilfenahme von List. Das schließt krassere Formen ein, wie Lügen, Stehlen und Betrügen, beschränkt sich aber keineswegs auf diese. Häufig bedient sich der Opportunismus raffinierterer Formen der Täuschung

[11] Auf das Kreditgeschäft hätte sich der Geldgeber anders entschieden, wenn er alle Informationen zur Verfügung hätte, über die der Geldsuchende verfügt.

[12] Solche externen Effekte gibt es etwa bei der „Too big to fail“-Problematik. Hier tragen die Steuerzahler Risiken für Geschäfte, an deren Zustandekommen sie nicht beteiligt waren und von denen sie im Erfolgsfall auch nicht profitieren. Siehe dazu im Detail: Olaf Storbeck, Wenn Banken rettung zum Zwang wird, Handelsblatt Online v. 7.11.11

[13] Im Kreditgeschäft beispielsweise werden die Anreize für Opportunismus durch die Stellung von Sicherheiten reduziert. Denn “schummeln” Kreditnehmer bei den Daten zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und gerät er deswegen in Schwierigkeiten, kann eine Bank auf entsprechende Sicherheiten zurückgreifen.

[14] Als ein Beispiel dient das sogenannte Abacus-Geschäft von Goldman Sachs, bei dem die Bank Käufer von bewusst konstruierten toxischen Wertpapieren nicht über den eigentlichen Auftraggeber, einen Hedgefonds, informiert hatte. Alle Details zu diesem Fall auf dieser Sonderseite Goldman Sachs und Abacus.

[15] Dies ist grundsätzlich nicht einmal verwerflich ist, weil dies letztlich jedes Unternehmen versucht und daneben gerade das Ausnutzen von Informationsvorteilen den Informationswert von Preisen erhöht (so jedenfalls würden Marktdogmatiker argumentieren).

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