Bankenkrise und das Problem der Zitronen

by Dirk Elsner on 15. Dezember 2011

L is for Lemon LimeIn dem Beitrag “Wann reagieren die Banken selbst endlich auf die Krise?” habe ich mich gewundert, dass der Finanzsektor trotz nie dagewesener Subventionen so wenig selbst dafür leistet, die eigene Krise zu überwinden. Stattdessen wird in ermüdender Wiederholung ständig darauf verwiesen, dass wenn die EU-Politik endlich ihre Hausaufgaben machen würde, würde es auch den Banken wieder gut gehen. Damit macht es sich der Finanzsektor wieder einmal viel zu einfach. Eigenen Aktivitäten der Banken sind kaum auszumachen. Mich macht das deswegen stutzig, weil etwa die Ökonomie Maßnahmen vorschlägt, wie man gerade in solchen Vertrauenskrisen wieder auf die Beine kommen kann.

Das Kernproblem der aktuellen Bankenkrise liegt darin, dass vor allem institutionelle Investoren den Finanzhäusern nicht mehr vertrauen und ihnen keine Mittel mehr zur Verfügung stellen. Abzulesen ist dies etwa daran, dass die aktuellen Marktpreise der Aktien deutlich unter den sich aus den Bilanzen ergebenden Buchwerten liegen oder unbesicherte Anleihen nur gegen hohe Risikoprämien am Markt platziert werden können (siehe aber auch Zero Hedge: Has The Imploding European Shadow Banking System Forced The Bundesbank To Prepare For Plan B?)

Es ist dabei unerheblich, woher dieses Misstrauen stammt. Fakt ist, dass die Vermögenstitel von Bank sehr stark an Wert verloren haben und vice versa die geforderten Risikoprämien (und damit die Refinanzierungskosten über den Markt) sehr hoch sind. Ein mit dem Nobelpreis gekürte Aufsatz von George A. Akerlof erklärt dies Phänomen in “The Market for ‘Lemons’: Quality Uncertainty and the Market Mechanism”, erschienen 1970 im Quarterly Journal of Economics. Darin geht es um das sogenannte “Saure-Gurken-Problem” (englisch Lemons problem) am Beispiel des Gebrauchtwagenmarkt. Ich bediene mich einer Darstellung von Helmut Krämer-Eis und passe die für den Refinanzierungsmarkt von Banken an:

Danach existiert ein Markt für Bankenrefinanzierung, auf dem die Anleger (= Investoren) schlechter über die Qualität der angebotenen Refinanzierungsinstrumente (Aktien, Anleihen etc.) informiert sind als die anbietenden Banken. Die Informationen sind also asymmetrisch verteilt. Für bestimmte Refinanzierungsinstrumente (differenziert nach Risiko, Laufzeit, Besicherungen etc.) würde sich bei vollständiger Information ein einheitlicher mittlerer Preis für die durchschnittlichen Qualität bilden, da sie potentiellen Investoren homogen erscheinen. Bei asymmetrischer Information profitieren aber die Banken mit “schlechten” Risiken (sog. Zitronen) von einem einheitlichen Preis. Banken mit guten Risiken hingegen erleiden Nachteile, da sie bei einem angebotenen Preis, der sich an der durchschnittlichen Qualität orientiert, die Kosten der hohen Qualität nicht mehr decken können. Sie ziehen sich vom Markt zurück. Es kommt zur sogenannten Negativauslese (= adverse selection) und einem Preisrückgang. Induziert durch das Sinken des Preises vermuten die Investoren eine Reduktion der durchschnittlichen Qualität der angebotenen Assets. Nimmt nun die nachgefragte Menge durch die Qualitätsminderung (preisinduzierter Qualitätseffekt) stärker ab als sie infolge der Preissenkung steigt (direkter Preiseffekt), schrumpft der Markt qualitativ und quantitativ. Eine sehr ausführliche Darstellung mit Erweiterungen des Modells findet man von Helmut Krämer-Eis in “Evaluierung hoheitlicher Länderrisiken”.

Genau dieses Zitronenproblem ist derzeit im realen Bankensektor zu beobachten. Dort haben viele Institute in den letzten Jahren die asymmetrische Informationsverteilung zwischen Banken und ihren Geldgebern so überstrapaziert, dass ihnen nicht mehr vertraut wird (siehe dazu auch ifo-Institut: “Wenn Banken mit „Zitronen“ handeln”). Die Investoren haben gemerkt, dass die Banken ihnen in der Vergangenheit zu viele schlechte Autos in Form komplexer strukturierter Wertpapiere verkauft haben. Meist gab man diesen Konstrukten noch ein vermeintlich unabhängiges Gütesiegel in Form eines Ratings mit, um das Vertrauen der Investoren zu gewinnen. Rückwirkend haben sich viele dieser Gütesiegel als falsch erwiesen, ob vorsätzlich oder versehentlich spielt dabei keine Rolle.

Nach Akerlofs Theorie musste es damit zu einem Preisverfall kommen. Und selbst Banken, die sich fair verhalten haben, wird bei gegebener Informationsasymmetrie nicht mehr vertraut. Es ist zu der besagten Negativ-Auslese (= Adverse Selektion) gekommen, der Markt hat versagt. Das Finanzsystem ist bisher nur nicht zusammen gebrochen, weil Staaten und Zentralbanken massiv intervenieren und letztlich das Ausfallrisiko übernommen haben.

Wie eingangs geschrieben, haben die Banken selbst bisher keine Beiträge geleistet, um die Vertrauenskrise zu überwinden. Das ist überraschend, denn die Neue Institutionenökonomik hat verschiedene Maßnahmen entwickelt, um wieder zu einem vernünftigen Marktgleichgewicht zu kommen. Damit werde ich mich in dem Folgebeitrag befassen: “Banken und das Zitronenmarktproblem: Wann wird die Black Box geöffnet?”


Literaturhinweise

Jan Eric Borchert u. Philipp Goos, Analysen von Märkten mit asymmetrischer Information – Zum Nobelpreis von George A. Akerlof, Michael Spence and Joseph E. Stiglitz, Georg-August-Universität Göttingen , Arbeitsbericht Nr. 30/2004

Carsten Engel, Ausbildung als Signal auf Arbeitsmärkten, Seminar zur Informationsökonomik, 2004

Winand Emons, Information, Märkte, Zitronen und Signale, Wirtschaftsdienst 2001, S. 664 ff.

Helmut Krämer-Eis, Working Paper Universität Jena,  in “Evaluierung hoheitlicher Länderrisiken”.

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