Nach Berliner INET-Ökonomengipfel: Wann kommt das “Barcamp of New Economic Thinking”?

by Dirk Elsner on 16. April 2012

Eigentlich kann ich mir kein Urteil über die dritte Jahrestagung des Instituts für neues ökonomisches Denken (INET) in Berlin machen, denn ich war nicht dort. Ich habe, wenn ich ein paar Minuten Zeit hatte, mal in die Streams geschaut und mich sonst auf das verlassen, was aus Berlin geschrieben und getwittert wurde (Danke hier übrigens an Olaf Storbeck, Holger Zschaepitz und viele andere, die unter dem Hashtag #inetberlin getwittert haben).

INET

Olaf Storbeck lauscht gespannt Professor Domenico (Screeshot des Livestreams)

Ich schätze, als die Veranstalter gestern die Bilanz ihrer Jahrestagung in Berlin gezogen haben, da waren sie hoch zufrieden mit der Konferenz. Das ist aber nicht besonders überraschend, denn man will sich selbst für den enormen Aufwand einer solchen Veranstaltung bestätigen. Das ist nachvollziehbar. Ich messe den Erfolg einer solchen Veranstaltung aus der Distanz allerdings auch daran, was in der Öffentlichkeit angekommen ist.

Die Konferenz lieferte einen hohen aber in diesen Kreisen üblichen Standard. Sie erreichte aber nach meiner Wahrnehmung nicht die Erwartungen aus dem Anspruch des INET, nämlich neues ökonomisches Denken zu fördern. Dabei versprach gerade der Chairman of the Governing Board des Instituts, Anatole Kaletsky, für neues Denken zu stehen. Kaletsky hat mit Kapitalismus 4.0 zwar ein strittiges, dafür aber bemerkenswert pragmatisches Buch zum neuen Denken geschrieben.

Aus der Ferne betrachtet habe ich aber die Konferenz so wahrgenommen, wie viele ähnliche Veranstaltungen auch: Ein Treffen “renommierter” Fachleute und bekannter Politiker, die eher darauf bedacht sind, ihren eigenen Ruf durch handwerklich ausgezeichnete Arbeit und zuweilen ein paar steile Thesen zu festigen, als gemeinsam Neues zu entwickeln (siehe allgemein zur Kritik solcher Veranstaltungen auch den Leserkommentar von Nixda in meinem Blog). In den Elogen betonte man gern die Verdienste dort auftretenden Ökonomen, übersieht dabei aber, dass viele doch eher für traditionelle Denke stehen.

Olaf Storbeck hob im Handelsblatt hervor, dass das wissenschaftliche Beratergremium des INET sich liest sich wie ein „Who is who“ der Wirtschaftswissenschaft, weil ihm allein sechs Ökonomie-Nobelpreisträger angehören. Aber ist diese geballte ökonomische Auszeichnung wirklich förderlich für neues ökonomisches Denken? Gehen nicht gerade die Wirtschaftsnobelpreise eher an etablierte Denker, die gerade heute nicht mehr für neue Ideen stehen?

Mark Thoma ergänzt passend in einem Blogeintrag auf Economists View: “Change won’t come from the older, established economists who comprise most of the audience — gray hair is in excess supply here — change will come from the younger generation.”

Diesen Eindruck hatte ich ebenfalls nach der Ökonomie Konferenz “Ökonomie Neu Denken”, auf der ich vom Stifterverband der Deutschen Wissenschaft eingeladen war und am Ende auf dem Podium ein Resümee ziehen durfte. Auf der Konferenz übte sich zwar brav das prominente Podium in der Kritik der Makroökonomie. Richtig interessant waren aber erst die leider nicht in Videos und Zeitungsberichten dokumentierten Roundtables.

Die Veranstalter hatten eine bemerkenswerte und hoch interessante Auswahl von 26 Themen mit Kernfragen zusammen gestellt, die die Veranstaltungsgäste in kleinen Runden vor allem mit dem akademischen Nachwuchs diskutierten. Hier war leider eine Stunde Zeit viel zu kurz. Gerade diese Gespräche fand ich unglaublich interessant. Sie sprühten nur so vor frischen Ideen und Energie. Ich bedauerte, dass ich in der kurzen Zeit nur zwei solcher Runden besuchen konnte. In meinen Abschlussstatement auf dem Podium schlug ich daher vor, dieses Format auszubauen. Dafür gab es zwar Applaus aber keine weitere Resonanz.

Auch im Vorfeld der INET-Konferenz hatte das Institut Nachwuchswissenschaftler aufgerufen, sich mit Themen um einen Platz zu bewerben. Die Rückmeldungen, so schreibt Eric J. Weiner in einem Blogeintrag, waren überwältigend. Im offiziellen Programm finde ich den Nachwuchs aber nur erwähnt bei einem Frühstück und einem Meeting mit Berlin Tour.

Wir brauchen ein Barcamp of New Economic Thinking

Wenn man es wirklich ernst meint mit der Förderung neuer Gedanken, dann sollte man die Formate solcher Veranstaltungen überdenken. Ausgehend von den oben erwähnten Round Tables auf der Ökonomie Neu Denken Konferenz, will ich gern meinen damaligen Vorschlag konkretisieren. So könnte man ebenfalls eine mehrtägige Konferenz gestalten. Ein neues Format könnte eine Art Barcamp der Ökonomie werden: “Barcamp of New Economic Thinking” könnte der Arbeitstitel lauten.

Das Dilemma für neues Denken ist nicht, dass es keine neue Gedanken zur Ökonomie gibt. Erst recht ist es Blödsinn zu sagen, es fehlen die Querdenker. Das Dilemma ist, dass es keine ernst genommene Plattform gibt, auf der die vielen Ideen und Gedanken in eine breitere Öffentlichkeit kanalisiert werden. Man muss sich da nichts vormachen, neue Ideen brauchen für ihre “Etablierung” in unserer Gesellschaft entweder prominente bzw. medienwirksame Unterstützung oder eine sich selbst verstärkende Massenbewegung über soziale Netzwerke. Gerade Letzteres mag für neue politische Ideen oder populäre Standpunkte gelten, bei komplexeren ökonomischen Fragestellungen aber halte ich solche Netzwerkeffekte für illusorisch.

Eine Gruppe von Nachwuchsforschern oder anderen Ideengebern kann da noch so gute Ansätze diskutieren und entwickeln. Wenn sie es nicht schafft, die Ideen dort zu platzieren, wo daraus wirtschaftspraktische oder politische Konsequenzen gezogen werden könnten, dann nützt dies wenig. Ohne Gehör verpuffen diese Ansätze schnell. Gehört wird aber in der Regel der “renommierte” Experte. Zu dem wiederum wird man im ökonomischen Wissenschaftsbetrieb, wenn man in “anerkannten” Zeitschriften veröffentlicht , “renommierte” Fürsprecher hat oder durch ein wie auch immer geartetes oft zufälliges Ereignis eine breitere Aufmerksamkeit bekommt.

Ein “Barcamp of New Economic Thinking” könnte daher durch einen Mix von “renommierten” Fachleuten mit Nachwuchsforschern und unabhängigen Fachjournalisten (und natürlich auch gern Fachbloggern oder Praktiker) hier zum Katalysator für neue Ideen werden. Dazu kommt, dass es bei der heutigen Komplexität und Vielfalt der Inhalte einfacher ist, Themen und Thesen in Gruppen weiter zu entwickeln. So verstehe ich auch den Ansatz des anerkannten US-Ökonomen Mark Thoma:

“One of them will come up with a new idea, a new model — something that pushes the established lines in a way that creates momentum as others join in to push the model forward. I don’t mean that older economists who are here won’t try to change the world, or that they can’t provide the spark that generates the new idea. It’s also entirely possible that an established economist will come up with the foresight needed to push the frontier.”

Ich würde ein solches “Barcamp of New Economic Thinking” nicht wie manche andere Barcamps als vollkommen offene Tagung durchführen, sondern dies mit Vorbereitung und bestimmter Themenvorwahl (es grüßt LiquidFeedback) angehen. Auf der Veranstaltung könnten zunächst in themenbezogenen Workshops Ideen präsentiert, diskutiert, geschärft und weiterentwickelt werden. Anschließend stellt man die Ergebnisse dem gemeinsamen Plenum vor. Dort ergeben sich neue Fragen, Vorschläge und Ansätze, die dann die in Folgeworkshops weiter verarbeitet werden können. Dank gelernter sozialer Netzwerkmethoden können die Ansätze auch nach einer solchen Veranstaltung weiter entwickelt werden.

Wenn das ökonomische Establishment es wirklich ernst meint mit der Kritik an der eigenen Zunft und wirklich neue Ideen fördern will, dann würden sich die “prominenten” Wissenschaftler als Themenpaten für die einzelnen Workshops zur Verfügung stellen. Allerdings weist Thoma auch darauf hin:

“[T]he established economists are mostly set in their ways and will continue to pursue the familiar and the safe. Starting over with a brand new research agenda when you are in your 40s or 50s is possible I suppose, and I’m sure there are examples of this, but for most it would be too hard and too risky.”

Dennoch, ich glaube ohne den Hebel etablierter Wissenschaftler bzw. etablierter Institutionen, geht den meisten neuen Themen schnell die Kraft aus, um nach oben zu gelangen. Aber gerade jetzt gibt es die Chance für die Dynamik eines neuen Denkens, auch für etablierte Wissenschaftler und Institutionen.

Ein Eintrag auf der Seite des INET-Blogs deutet schon die hier aufgezeigte Richtung an. Dort lesen wir: “At future events we plan to invite even more students and young scholars and incorporate them even more fully into the program.”  Das finde ich gut. Oob daraus dann wirklich so eine Art Barcamp wird oder man nur gegenseitig seinen Vorträgen lauscht, ist noch offen. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass ein solches Format wirklich eine Chance hat. Und manchmal wünsche ich mir selbst die Mittel einer solchen bemerkenswerten Stiftung wie des INETS, um den vielen neuen Ideen ein neues zeitgemäßes Format der Öffentlichkeit zu geben.

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