Stress, Psychologie und Austerität: Oder warum die Politik schon am Menschen scheitert

by Gastbeitrag on 24. Mai 2012

Gastbeitrag von Mathias Täge

Im Zuge der Europäischen Schuldenkrise setzen einige Staaten ziemlich stark auf Ausgabenkürzungen. Dieses Mittel ist heftig umstritten und wird intensiv unter Ökonomen debattiert. Dies sieht man etwa auf der Debattenseite von Voxeu “Has austerity gone too far?”

Ich möchte diese Debatte nicht weiter kommentieren, sondern will das mal auf den Menschen und auch seine Psychologie herunterbrechen. Eine Betrachtung, die gerade in der ökonomischen Debatte zu kurz kommt. Dass gesellschaftlichen Traumata, wie Staatsbankrotte oder massive Ausgabenkürzungen, Lohnkürzungen oder Steuererhöhungen sich auch auf die Bevölkerung auswirken, dürfte unstrittig sein. Es wird bei Ökonomen aber oft argumentiert, dass dies nur kurzfristige Effekte habe und es Staaten dadurch langfristig wieder besser gehe. Das könnte ein Trugschluss sein, wie neuere Studien zeigen.

Dass gerade solche gesellschaftlichen Traumata langfristige Folgen haben können, zeigt eine Studie des ETH in Zürich aus dem Jahre 2010.
"Stresserfahrungen über Generationen epigenetisch vererbt". Mit dieser Studie konnte erstmals nachgewiesen werden, dass traumatische Erlebnisse in der Jugend sich dank Methylierung an nachfolgende Generation vererben lassen. So waren die Kinder traumatisierter Mäuse ängstlicher und risikoscheuer als normale Mäuse. Eine aktuelle Studie der Duke Universität nahm sich den Menschen vor in "Violence puts wear and tear on kids‘ DNA". Mit dieser Studie konnten gezeigt werden, dass sich bei Kindern, denen Gewalt angetan wurde, die Telomerase signifikant verkürzte und sie früher altern.

Dass Stress und Traumata sich so verheerend nicht nur auf die Individuen selbst auswirken, sondern sich auch auf nachfolgende Generationen auswirken können zeigt, dass es eben nicht nur kurzfristig mal harte Zeiten sind, sondern sehr wohl auch langfristige Folgen zu beachten sind. Wie sich dann solche kollektiven Ereignisse, wie derzeit in Ländern der Schuldenkrise oder 2000 in Argentinien gesellschaftlich auswirken, mag man sich kaum vorstellen bzw. bedürfte sich einmal einer näheren Erforschung.

Wir Menschen können zwar mit Stress meist recht gut umgehen. Aber Arbeitsplatzverlust, Existenzängste führen schnell zu Depressionen. Wir sind soziale Wesen und brauchen daher soziale Kontakte fast so sehr, wie die Luft zum Atmen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Opfer von Mobbing nicht nur sich zurückziehen und vereinsamen können, sondern auch dass dadurch Gehirnzellen absterben. Mobbing kann sogar tödlich sein. Das ist vielen nicht bekannt, grade weil wir auch davon ausgehen, dass wir Menschen mobil, flexible und egoistisch sind. Das sind wir aber nicht. Nur wenige sind es, die wirklich für diese Gesellschaft, wie wir sie kennen, wirklich geboren sind. Man geht sogar davon aus, dass Teamwork und soziale Interaktion erst unsere Intelligenz beschleunigt haben (siehe dazu "Scientists show how social interaction and teamwork lead to human intelligence").

Vielleicht sollte man daher auch die Sanktionspraxis bei ALGII überdenken. Menschen, die schon aufgrund der Arbeitslosigkeit oft an Depressionen und Schlafstörungen leiden, haben aufgrund Geldmangels oft auch soziale Kontakte herunterfahren müssen und isolieren sich so zunehmend. Wir leben in einer "Leistungsgesellschaft" und wer da aufgrund von Arbeitslosigkeit nicht teilnehmen kann, sieht sich selbst oft als wertlos. Sanktionen verstärken den sozialen Druck da nur noch mehr.

Menschen die aufgrund der Sparpolitik arbeitslos werden, haben kein Einkommen mehr und können damit nicht mehr so viel konsumieren. Folge Staatseinahmen brechen weg. Dazu noch verstärkende Effekte aus der Psychologie des Menschen. Sorry aber diese Politik ist dogmatisch, dumm und verkennt die Situation der Menschen. Die Welt ist viel komplexer und flüssiger, als kleine Allgemeinplätzchen einer Wissenschaft, die das handeln des Menschen erforscht, aber nicht mal in der Lage ist, den Menschen in seiner Vielfalt zu akzeptieren. Hier versagt die Ökonomie, schon am Menschen.

Einige weiterführende Links

"Inequality and investment bubbles"

"The search for a job begins and ends with you"

"Lack of sleep may produce unethical behavior, management research shows"

"Misshandlungen und Gewalt beschleunigen das Altern bei Kindern – Traumatische Erlebnisse hinterlassen ihre Spuren im Erbgut der Kleinen"

"Einsame Menschen schlafen unruhiger – Fehlender Gruppenrückhalt erzeugt Gefühl der unbewussten Anspannung"

"Schlafstörungen Ursache für psychische Krankheiten"
Dieser Artikel ist eine überarbeitete Fassung und ist ursprünglich auf Google Plus erschienen. Der Beitrag steht unter CC-Lizenz und ist für die nichtkommerzielle Nutzung freigegeben.

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