Meine sechs Punkte zum Verstehen der Debatte zur europäischen Schuldenkrise

by Dirk Elsner on 20. Juni 2012

Es gibt unzählige Versuche, die Euro-Krise zu erklären und noch mehr Vorschläge, Lösungen für die Euro-Krise zu erarbeiten. Ich habe mich hier im Blog oft auf eine vergleichsweise bequeme Position zurück gezogen, das Treiben eher beobachtet und zweitweise darüber gelästert, dass so viele Politiker und Ökonomen so viele unterschiedliche Vorschläge machen, die scheinbar und tatsächlich nicht zusammen passen. Ähnlich tun wir es mit Politikern und anderen “Experten”, deren Statements beliebig wirken und kaum noch nachvollziehbar erscheinen. Ich will nun aber verstehen, woher diese unterschiedlichen Ansichten kommen, ohne mich mit den Tiefen makroökonomischer Modelle auseinanderzusetzen.

Aus den beiden Beiträgen

hat sich eine Struktur zu den Wirren heraus kristallisiert. Ich werde meine Gedanken dazu aber auf mindestens zwei weitere Beiträge verteilen. Als Nebeneffekt werde ich daraus hoffentlich zeigen können, dass wir uns in Deutschland so oder so bestimmten Diskussionen nicht mehr verweigern können. Gerade deutsche Politiker und Interessenvertreter erwecken den Eindruck, wir könnten vollkommen unangetastet die Euro-Krise überstehen. Das ist meines Erachtens nicht möglich.

Kategorien für Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Alle Vorschläge bzw. Positionen basieren bei genauer Sicht aus drei Kategorien, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede erklären:

  1. Aus gemeinsamen ökonomischen Fakten, die kaum bestritten werden. Fakten sind Tatsachen oder Sachverhalte, die sich nachweisen lassen.
  2. Aus Hypothesen über das Verhalten von Wirtschaftssubjekten und die Wirkung bestimmter Aktivitäten. Hypothesen sind Aussagen, deren Gültigkeit man für möglich hält, die aber nicht bewiesen oder verifiziert sind. Für Hypothesen ist es in der Wissenschaft üblich, dass die Bedingungen angegeben werden, unter denen sie gültig sein sollen. In der Politikpraxis und den Empfehlungen der Ökonomen unterbleibt das allerdings meist.
  3. Aus bestimmten (Wert-)Vorstellungen über das Verhältnis von Leistungen und Gegenleistungen und unter welchen Umständen Transfers geleistet werden sollen. Diese Vorstellungen sind abhängig von der Identität einer Gruppe (Akerlof/Kranton) und schwanken im sozialen Kontext.

Aus diesen Beurteilungskategorien lassen sich 6 Punkte bestimmen, an denen ich mich für die Bewertung der Ursachenerklärungen und Vorschläge orientiere.

1. Fakt Leistungsbilanzdefizite

Ausgangspunkt der meisten Überlegungen sind die Leistungsbilanzdefizite, über die ich ausführlich in diesem Beitrag geschrieben habe. Die Leistungsbilanzen sind buchalterische Tatsachen und werden von niemanden bestritten (es sei denn man unterstellt die aktuelle Krise basiere auf Fälschungen). Leistungsbilanzen erfassen den internationalen Güter-, Dienstleistungs- und Einkommensaustausch nebst Übertragungen ohne Gegenleistung.

2. Es gibt unterschiedliche Erklärungen (Hypthesen) über die Ursachen der Defizite

Während die Defizite der PIIGS-Staaten in den Leistungsbilanzen unstreitig sind, gehen die Vorstellungen über die Ursachen der Defizite weit auseinander. Ein Kern der internationalen Debatte liegt jedenfalls in diesen unterschiedlichen Vorstellungen über die Ursachen dieser Defizite begründet. Dazu drei Beispiele:

  1. Griechenland exportiert deswegen zu wenig, weil die Produkte nicht wettbewerbsfähig sind, also das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht attraktiv ist für Käufer im Ausland. Produkte, die früher im Inland hergestellt wurden, werden mittlerweile aus dem Ausland importiert, weil sie günstiger sind und/oder eine bessere Qualität haben. Griechenland müsse einfach nur die Kosten und vor allem die Löhne senken und die Qualität erhöhen und schon würde sich die Leistungsbilanz verbessern.
  2. Internationale Konzerne ziehen zu viele Erträge aus Griechenland ab und überweisen diese ins Ausland. Man müsse nur diese Unternehmen bewegen, ihre Erlöse auch im Inland auszugeben.
  3. In den Überschussländern ist die Wettbewerbsfähigkeit zu hoch durch die Eingriffe in die Tarifautonomie (Beispiel Agenda 2010) und “einer gewissen Laxheit bei den Tarif­abschlüssen im Süden” (Flassbeck).

Es gibt zwischen diesen Positionen unzählige weitere Erklärungsversuche. Letztlich kann man sich durch die Einzelpositionen der Leistungsbilanz arbeiten und weitere Hypothesen darüber aufstellen, warum sich die jeweiligen Positionen so verändert haben. Aus diesen Hypothesen könnte man beliebige Maßnahmen ableiten und diese beliebig kritisieren.

Die vorgenannten Punkte bewegen sich übrigens auf extremer Flughöhe und lassen meist das Verhalten der einzelnen Wirtschaftssubjekte (und übrigens auch der handelnden Politiker) vollkommen außer Acht. Man könnte hier auch betriebswirtschaftlich, mikroökonomisch oder verhaltenswissenschaftlich argumentieren unter welchen Voraussetzungen sich welches Wirtschaftssubjekt wie verhält. Allein das wäre ein Thema, um einen ganzen Blog zu füllen.

3. Fakt: Unser Wirtschaftssystem lebt von der Leistungsteilung

Wenn jemand in einem beliebigen System (dabei spielt es keine Rolle, ob Marktwirtschaft, Sozialismus oder Star Trek-Ökonomie) aus welchen Gründen auch immer mehr Produkte oder Leistungen benötigt, als er selbst herstellen kann, dann benötigt er dafür Produkte und Leistungen von Dritten.

Ich glaube, diesen Punkte muss man nicht weiter vertiefen, weil er intuitiv klar ist für alle, die nicht wie Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel gestrandet sind. 

4. Fakt: Leistungen werden entweder über Gegenleistungen oder Transfers bezahlt

Um Leistungen (Defizite) von anderen zu erhalten, bietet man eine Gegenleistung (Ausgleich des Defizits) an. In unserer arbeitsteiligen Geldwirtschaft gibt es dazu zwei Möglichkeiten, die Leistungen zu bezahlen bzw. die Defizite auszugleichen

  1. Für die erhaltene Leistung gibt es sofort eine vereinbarte Gegenleistung (in unserem System gegen Geld). Das für die notwendige Gegenleistung erforderliche Geld wird dabei durch eine andere Leistung für Dritte getauscht oder
  2. es wird ein Kredit aufgenommen, durch die der Leistungsempfänger die eigentliche Schuld gegen eine neue Schuld etwa gegenüber einer Bank oder anderen Gläubigern eintauscht. Diese Leistung wird nebst Zinsen oder anderen Entgelten später zurück gezahlt oder wieder durch eine neue Schuld ersetzt.

Und es gibt eine dritte Möglichkeit

  1. Es erfolgt keine Gegenleistung und man erhält eine Leistung als Transfer. Transfers ohne Gegenleistungen gibt es in Hülle und Fülle in verschiedensten Facetten, wie etwa in Familien, im Länderfinanzausgleich, in Förderprogrammen und und und. Dritte können hier beliebige andere Personen, Unternehmen, staatliche Institutionen oder Staatengemeinschaften sein. Diese Dritten benötigen einen wie auch immer gearteten Anreiz, die Leistung zu erbringen oder werden dazu gezwungen.

Transfers liegen auch dann vor, wenn die Leistung bzw. die Schulden nicht bezahlt werden (Schuldverzicht) bzw. wenn ein Dritter (meist der Staat) die Schulden begleicht. Leistungsbilanzdefizite werden zwingend logisch entweder finanziert oder durch Transferleistungen ausgeglichen.

5.   Es gibt unterschiedliche Vorstellung der Verhältnisses von Leistungen und Gegenleistungen

Ausgeklammert ist bei Fakt 4 die Frage, welches Verhältnis von Leistung und Gegenleistung angemessen ist. Ökonomen stellen hier gern darauf ab, dass es sich ja um freiwillige Vereinbarungen auf transparenten und freien Märkten handelt. Wir wissen aber aus der Praxis auch, dass das nicht stimmt und dazu sehr unterschiedliche Vorstellungen existieren. So gibt es viele politische Handlungsvorschläge, die darauf basieren, dass das Verhältnis von Leistung und Gegenleistung für nicht gerecht gehalten wird. Im Inland sind das beispielsweise Forderungen nach einem Mindestlohn für bestimmte Tätigkeiten.

6. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen darüber, wann Transferleistungen gerechtfertigt sind und welche Wirkungen diese haben

Darüber hinaus gibt es unterschiedlichste Vorstellungen darüber, an wen und unter welchen Bedingungen Transferleistungen ohne Gegenleistungen erbracht werden. Während es für Familien klar ist, dass Eltern uneigennützige Transfers für ihre Kinder erbringen oder es viel Sinn macht Bildungsleistungen ohne oder nur gegen geringes Entgelt zur Verfügung zu stellen, gibt es andere Bereiche in denen heftig über den Sinn von Transfers gerungen wird. Genannt seien hier der Länderfinanzausgleich, Sozialhilfe oder Entwicklungshilfe. Die Streitereien basieren auf unterschiedlichen Interessen sowie verschiedenste Annahmen und Erkenntnissen über die Erklärungen menschlichen Verhaltens.

Methodologischen Individualismus und die Trennung von Haftung und Verantwortung

Sicher kann man Ökonomie nicht einfach auf diese sechs Fakten reduzieren, aber es sind die Punkte, auf die man immer wieder stößt, wenn man versucht, das Zustandekommen unterschiedlicher Vorstellungen und Vorschläge zu begreifen. Während 1., 3. und 4. unstrittig sind, gibt es bei 2., 5. und 6. aus verschiedensten Gründen erhebliche Unterschiede in den Vorstellungen und wohl auch deswegen so viel Streit um den richtigen Lösungsweg.

Abschließend sollte man nicht übersehen, dass Ökonomen ihre Erklärungen meist in ein bestimmtes methodologisches Framework einpassen. Ich bin zwar kein Ökonom ,mache das aber ebenfalls und habe mein Framework in den “Grundlagen meiner ökonomischen Denke” offen gelegt. Darin gibt es einen wichtigen Punkt, der die Einschätzung erschwert, nämlich den “Methodologischen Individualismus”, also die Erkenntnis, dass soziale Gebilde wie Unternehmen oder Staaten nicht als eigenständiges Gebilde betrachtet werden, sondern aus der Perspektive des einzelnen in ihnen handelnden Individuen untersucht werden sollten. Im Klartext, man muss auch die jeweiligen persönlichen Interessen der handelnden Politiker und der einzelnen Wirtschaftssubjekte in Betracht ziehen. Das macht freilich die Bewertung manchmal extrem kompliziert. Außerdem wird damit ein riesiges Einfallstor für Einwände geöffnet, denn wenn man in der Sachdebatte nicht weiter kommt, wirft man den jeweiligen Personen einfach Interessenpolitik vor.

Ein weiterer Punkt sind Überlegungen aus der neuen Institutionenökonomik, die u.a. Probleme beschreibt, wenn Handeln und die Konsequenzen für das Handeln asymmetrisch auseinanderfallen. Seit 2007 sehen wir, dass verschiedene Staaten und viele Banken nicht mehr die volle Haftung für ihre (Geschäfts-)Politik übernehmen müssen und Risiken sozialisiert werden.

Mit diesen drei Kategorien und den dazu gehörenden sechs Punkten kann ich mich gut durch die Lösungsvorschläge arbeiten und vor allem verstehen, warum es keine klare Lösung gibt. Dazu aber mehr in einem weiteren Beitrag.

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