Wie Social Trading das Muppet-Problem der Geldanlage reduziert

by Dirk Elsner on 25. April 2013

Bis heute ist ein großes Dilemma der Bank- und Investorenberatung nicht gelöst: Wie verhindert man es, dass Berater ihre Kunden zu Muppets macht? Mit dem Muppet-Problem müssen sich Kunden mit großen und kleinen Vermögen herumschlagen. Zurück geht die eingängige Bezeichnung bekanntlich auf den ehemaligen Goldman Sachs Angestellten Greg Smith. Nach Angaben von Smith sollen Direktoren Kunden der Investmentbank Muppets genannt haben, weil sie bestimmte Geschäfte nicht durchschauen und deswegen zu viel Geld zahlen. Natürlich wird das von Goldman Sachs selbst bestritten. Aber die Welt der Investmentberatung ist voll mit Beispielen und Gerichtsentscheidungen, in denen nachgewiesen wurde, dass Finanzprofis die Unerfahrenheit und das mangelnde Wissen über die Prozesse hinter den Entscheidungen von Anlegern ausgebeutet haben. Typische Beispiele sind für Großanleger der Fall Madoff, für Kleinanleger die Emission der Facebook-Aktien oder auch viele Fälle, über die das Handelsblatt letzte Woche in einem Special berichtete.

Das Muppet-Konzept gilt aber nicht nur für Investmentbanker, sondern für sehr viele weitere Dienstleistungen und Produkte, bei denen bestimmte Eigenschaften den Anreiz für die Ausbeutung von Kunden erhöhen. Dazu gehören neben Finanz- und Versicherungsdienstleistungen auch Gesundheitsdienstleistungen oder vergleichsweise einfache Produkte wie Taxifahrten in einer fremden Stadt. Die Betonung liegt hier übrigens auf Anreiz. Längst nicht jeder, der die Gelegenheit hat seine Kunden über die Tisch zu ziehen, tut dies auch.

Ökonomen bezeichnen das Muppet-Problem übrigens als Opportunismus, einem Konzept des Nobelpreisträgers Oliver Williamson. Er versteht darunter die Verfolgung des Eigeninteresses unter Zuhilfenahme von List. Das schließt krassere Formen ein, wie Lügen, Stehlen und Betrügen, beschränkt sich aber keineswegs auf diese. Häufig bedient sich der Opportunismus raffinierterer Formen der Täuschung. Allgemeiner gesagt, bezieht sich Opportunismus auf die unvollständige oder verzerrte Weitergabe von Informationen, insbesondere auf vorsätzliche Versuche irrezuführen, zu verzerren, verbergen, verschleiern oder sonst wie zu verwirren. Es ist kein Gesetz, dass Anlageberater das opportunistische Potenzial tatsächlich ausnutzen. Dennoch ist bereits der Schaden groß, wenn nur 10% der Berater ihre Informationsvorsprünge zu Lasten argloser Kunden ausnutzen. Opportunismus ist eher bei hochwertigen und komplexen Produkten und Dienstleistungen zu erwarten, insbesondere, wenn die Details des Leistungsergebnisses bei Vertragsabschluss noch nicht feststehen.

Das Muppet-Problem kann also auftauchen, je komplexer und intransparenter das Produkt und je höher die Informationsasymmetrie zwischen Anbieter und Kunden ist. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit in Anlagegesprächen vom Berater zum Muppet gemacht zu werden, umso größer, je höher der persönliche Anreiz des Beraters ist, etwa in Form umsatzabhängiger Provisionen. Produkte bzw. Dienstleistungen, die sich leichter vergleichen lassen, zeichnet dagegen ein geringerer Muppet-Faktor aus. Anbieter, die damit rechnen müssen, dass sie für Abzockklauseln schnell entlarvt werden oder gar im Internet an den Pranger gestellt werden, halten sich eher zurück. Der Taxifahrer freilich, der einen fremden Besucher zum ersten und vermutlich einzigen Mal fährt (also keine Wiederholung der Leistung) braucht schon einen guten moralischen Kompass, wenn er nicht für ein paar Euro einen kleinen Umweg fährt.

Weil Opportunismus in der Wirtschaftspraxis weit verbreitet ist, haben Ökonomen mit der Agency Theory verschiedene Ansätze entwickelt, um die Risiken zu reduzieren. Social Trading greift einige dieser Ansätze auf. So erleichtert die hohe Transparenz die Informationsbeschaffung. Social Trading Plattformen, wie moneymeets oder wikifolio empfehlen selbst nicht bestimmte Strategien, sondern helfen, Handelsstrategien für Anleger durchschaubar zu machen. Potenzielle Anleger können sich etwa die Details der Transaktionen ansehen, direkt mit dem Manager des Portfolios in Kontakt treten und sich untereinander austauschen. Im Gegensatz zu den Flaggschiffen der Fondsbranche kann man sogar die laufenden Einzeltransaktionen zu Preisen und Uhrzeiten je Portfolio verfolgen.

Neben Transparenz ist Reputation ein wichtiges Signal, um das Muppet-Problem zu reduzieren. Reputation im Sinne es guten Rufs gehört für viele Leistungen zu den wichtigsten Signalen. Ökonomen (etwa Klaus Spremann) wissen schon lange: “Je größer die Qualitätsunsicherheit ist, je unvollkommener die Information über gewisse Inhalte eines Finanzierungskontraktes, eines Kaufvertrages oder einer Dienstleistungsvereinbarung sind, je vager die Verwirklichung bekundeter Absichten, desto ausgeprägter ist die positive Wirkung von Reputation.”

Ich bin allerdings skeptisch, ob allein das liken via Facebook oder allein die Anzahl der Follower einer Handelsstrategie oder eines bestimmten Managers ein hinreichendes Qualitätsmerkmal ist. Wir haben in den letzten Jahren viel über die Manipulation solcher Quantitätskennziffern gelernt. Aber selbst eine höherwertige Kennziffer, wie das in eine bestimmte Anlagestrategie investierte Kapital, ist für sich genommen kein ausreichendes Qualitätsmerkmal. Man denke nur an das Phänomen des Herdentriebs. So manch einen Anleger hat das Dranhängen an eine (vorübergehend?) populäre Strategie schon viel Geld gekostet.

Daher gilt auch beim Social Trading die wichtigste Grundregel für Finanzanlagen: Man muss das Wesen und die Risiken der jeweiligen Anlage verstehen und sich frei vom Gruppendruck eigene Gedanken machen. Die meisten Social-Trading-Plattformen berücksichtigen dies und veröffentlichen neben den reinen Performancekennzeichen jede Menge weiterer Kennzahlen, wie etwa verschiedene Risikokennziffern. Social Trading reduziert das Muppet-Problem der Geldanlage im Vergleich zum Investmentberater im dunklen Hinterstübchen. Es verringert den Anreiz, arglose Anleger mit dubiosen Strategien auszubeuten. Anlegern stehen mit Plattformen wie moneymeets, sharewise oder wikifolio mittlerweile Instrumente zur Verfügung, von denen man früher nicht einmal träumen konnte. Das eigene Nachdenken und die eigene Verantwortung für Anlageentscheidung sollte man sich damit allerdings nicht aus der Hand nehmen lassen.

Dieser Beitrag ist ein leicht modifizierte Form eines Artikel, den ich für das Magazin Traders, Social Trading Special geschrieben habe.

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