Vom Schweigen und Versagen der Funktionselite

by Dirk Elsner on 14. Januar 2009

„Deutschland braucht die Bildung von Verantwortungseliten, unabhängig von sozialer Herkunft“, hat sich die Regierungskoalition 2005 in ihren Vertrag[1] geschrieben. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat nun die „Eliten“ in das Rampenlicht der Kritik gestellt. Zentrales Element der Kritik ist die vielzitierte „Gier“ der Eliten nach persönlicher Nutzenmaximierung, festgemacht an Gehältern, Bonuszahlungen und weiteren persönlichen Vorteilen, die Menschen aus ihren verantwortlichen Positionen beanspruchen. Bis zur heißen Phase der Finanzkrise war dies kein Thema, das die breite Öffentlichkeit besonders aufheulen ließ.

Zum Aufreger ist dies erst geworden, weil in einer marktwirtschaftlichen Ordnung mit einer elitären Bezahlung auch die Erwartung an elitäre Leistungen verbunden ist. Nun wird den Leistungszahlern bewusst, dass die Funktionselite diese Erwartungen deutlich verfehlt hat. Viele Vorreiter in Banken und anderen Unternehmen erscheinen derzeit nahezu handlungsunfähig und werden den Ansprüchen (und auch der Bezahlung) ihrer elitären Positionen nicht gerecht.

Handlungsunfähigkeit weiter Teile der Funktionselite in der Wirtschaft

Dies führt zunächst zu der Frage: Hat wirklich eine Elite die Verantwortung in unserem Land, oder haben wir nur Funktionseliten, weil diese aus welchen Gründen auch immer die Verantwortung haben?

Vor der Beantwortung dieser Frage sollte man zumindest kurz klären, welche Erwartungen denn an eine Elite bestehen. Dazu mache ich es mir jetzt einfach[2] und verweise auf Günther Rüther, der dies in der Tradition von Max Weber und Theodor Heuss beantwortet: Eliten sollen in einer schwierigen, ja beinahe ausweglosen Situation Verantwortung übernehmen und, ausgestattet mit nüchternem Realismus und dem notwendigen Nachdruck, die zur Lösung anstehenden Probleme anzupacken[3]. Den Begriff der Verantwortung sieht Rüther dabei mehrdimensional. „Er ist zugleich vergangenheits- und gegenwartsbezogen. Verantwortung verweist auf das, was wir getan haben, und auf das, was uns aufgetragen ist zu tun.“ [4]

Schweigende Elite

Weite Teile der „Wirtschaftselite“ geben in diesen Wochen ein tristes Bild ab, meist sogar kein Bild, denn die Kapitäne der Wirtschaft schweigen, zumindest die überwiegende Mehrheit der Verantwortlichen deutscher Großunternehmen. Immerhin haben einige ihr Schweigen aufgegeben und zetern öffentlich wegen der Kreditklemme oder fordern von der Regierung Konjunkturprogramme oder andere Stützungsmaßnahmen. Aber wie packen sie selbst die Probleme an?

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Manager daran gewöhnt, mit den Folgen von Fehlentscheidungen nicht ernsthaft konfrontiert zu werden. Nun sind sie überrascht, wenn nachgefragt wird, wie all das geschehen konnte und was jetzt getan wird. Und die „Führungselite“ ist nicht nur überrascht, sondern mehrheitlich sprachlos. Sie wissen Bescheid über Abfindungsklauseln und Dienstwagen, aber eine Inspiration, wie die Krise zu bewältigen ist, fehlt bzw. ist nicht wahrnehmbar. Kaum jemand spricht über Visionen oder gar Chancen, die diese Krise bieten könnte. Was Verantwortung ist, hat die Funktionselite vergessen oder vielleicht nie gewusst, weil man es lange nicht wissen musste[5].

Bundespräsident Horst Köhler hat im November der Wirtschaftselite ins Gewissen geredet[6]: „Die Verursacher der Krise sitzen in den Hauptstädten und Finanzzentren der Industrienationen – bei uns. Sie vertreten Finanzinstitutionen, Prüfer und Berater, Regierungen, Aufsichtsbehörden und Notenbanken. Die Kette des Versagens schließt viele ein. Markt und Staat: Beteiligt sind beide. … Daraus ergibt sich eine Verantwortlichkeit. Alle Verursacher der Krise müssen sich dieser Verantwortung stellen.“

Verantwortlich sein heißt, sich die Antworten auf Probleme nicht geben zu lassen, sondern sie bei sich selbst zu suchen. Dies gilt vor allem für die Bankmanager. Wenig ist davon bisher zu spüren[7]. Vielen Steuerleuten zittern weiter die Hände. So können ihre Mannschaften nicht schneller rudern, denn dafür müssen sie den Kurs kennen.

Die Wirtschaftselite in Deutschland scheint wie schockgefroren. Verwöhnt durch Jahre des Aufschwungs, versagen ihnen die Stimmen mit der einsetzenden Kälte. Dieter Rulff schreibt dazu: „Dieses kommunikative Versagen der Wirtschaftselite ist umso eklatanter, als sie noch vor Jahren als Leitfiguren einer sich globalisierenden Gesellschaft gefeiert wurde. Der unternehmerische Einzelne war der Phänotyp des aufbrechenden Jahrtausends. Ein Schumpeterscher Held der schöpferischen Zerstörung. Er ließ die Intellektuellen, die zuvor über drei Jahrzehnte das diskursive Feld der Republik dominiert hatten, schmalbrüstig aussehen. Schon damals hätte auffallen können, dass diese Elite gesichtslos ist und sich ihre schöpferische Zerstörung vornehmlich gegen den Staat richtet, den sie nun zur Hilfe rufen.“

Leistungselite oder Funktionselite?

Man darf sich also fragen, was eigentlich los ist mit der Wirtschaftselite in Deutschland. Man darf, nein man muss die Frage stellen, ob an den Schaltpositionen tatsächlich eine Leistungselite sitzt oder nur Menschen, die sich dafür halten, weil sie, aus welchen Gründen auch immer[8], in zentralen Leitungsfunktionen der Wirtschaft gelangt sind.

Wer in Vorstände und Geschäftsführungen großer Unternehmen gekommen ist, der müsse, so die Eliteforschung, vor allem eines besitzen: habituelle Ähnlichkeit mit den Personen, die sich dort bereits befinden. Eine Auszeichnung ist dies nicht. In den Top-Führungspositionen sitzen immer mehr Personen, die ganz offensichtlich zunächst ihren eigenen Wohlstand maximieren ohne Rücksicht auf Konsequenzen auf das eigene Unternehmen oder die Gesellschaft.

Ein gutes Beispiel dafür ist Dr. Ulrich Schröder, seit September Vorstandschef der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Ins Amt gekommen ist Schröder, der vorher Vorstandschef der NRW-Bank war, aufgrund seines guten Netzwerkes in die Politik. Durch besondere Leistungen zeichnete er sich weder bei seinem alten Arbeitgeber, der NRW Bank, noch bisher bei der KfW aus. Seinem alten Arbeitgeber hinterließ er „toxische“ Altlasten und vor Antritt seines neuen Jobs sorgte er für Schlagzeilen aufgrund seiner Gehaltsvorstellungen.

Ein ist weder bei Herrn Schröder noch bei vielen anderen Vertretern der Funktionselite zu erkennen. Kennzeichen scheint eher eine gewieften Strategie der persönlichen Vermarktung zu sein. Und dies dürfte noch für viele weitere Personen gelten, die an den wirtschaftlichen Schalthebeln sitzen. Mangelnder Ethos und mangelnde Krisenbewältigungskompetenz deuten darauf hin, dass viele Spitzenpositionen eher auf Basis guter Netzwerkverbindungen besetzt werden denn durch Kompetenz.

Für bestimmte Top-Position sind die „richtigen habituellen Eigenschaft“ zentrales Anstellungskriterium. Fachliche Kompetenz oder Erfahrungen sind nicht zwingend notwendig und werden notfalls mit einer den Lebenslauf polierender PR-Arbeit bescheinigt. Kontrollieren kann das ohnehin niemand.

Mythos Topmanager als Leistungsträger

„Das Selbstverständnis, der Topmanager, dass sie den Platz in der Chefetage nur ihrer eigenen Leistung zu verdanken haben, entpuppt sich als Mythos“, schreibt Ulf Tödter in seinem Buch Erfolgsfaktor Mensch. Weiter schreibt er: „Als viel entscheidender stellte sich heraus, dass Verantwortliche und Bewerber über „die gleiche Wellenlänge“ verfügen, dass „die Chemie“ offenbar stimmt. Soziologen nennen diesen Bewerbungsvorteil „habituelle Ähnlichkeit“ mit den Personen, die schon in den Führungspositionen sitzen.“

Eine weitere Erklärung dafür, dass Spitzenmanager schweigen dürfte sein, dass sie selbst verantwortlich sind, für viele Schieflagen. So sitzen z.B. in den Vorständen der NordLB und der Deka jeweils Manager, die in ihrer vorausgegangenen Führungsposition verantwortlich waren für die Geschäfte, die mittlerweile die HSH Nordbank bedrohen. Man könnte auch Karlheinz Bentele nennen, der vor einigen Wochen seinen Job bei der SoFFin geschmissen hat. Er war vorher Chef des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes und als Mitglied des Aufsichtsrats verantwortlich für die Kontrolle der strauchelnden WestLB. Nun hatte er bei der SoFFin die Möglichkeit, Verantwortung zu zeigen, war ihr aber nicht gewachsen.

Viele Manager wirken überfordert in Positionen, deren Anforderungen sie nicht gerecht werden und wahrscheinlich auch in der Vergangenheit nie gerecht wurden.

Fazit

Beklagt wird der Werteverfall: Gier, Brutalität, Eigensucht und Lasterhaftigkeit werden an den Pranger gestellt[9]. Der deutsche Finanzminister, Peer Steinbrück, rügt die gierigen Eliten. Das Gerechtigkeitsgefühl der gesellschaftlichen Mitte wird durch die Entsolidarisierung der Besserverdienenden, den Egoismus und die um sich greifende Gier eines Teils der Wirtschaftselite schwer verletzt“, schreibt er im Magazin Cicero.

Die eingangs skizzierte Erwartung, Eliten mögen in einer schwierigen Situationen Verantwortung übernehmen und, ausgestattet mit nüchternem Realismus und dem notwendigen Nachdruck, die zur Lösung anstehenden Probleme anpacken, erfüllen viele in elitären Positionen sitzende Menschen nicht. Sie können daher allenfalls als Funktionselite angesehen werden. Respekt oder Bewunderung vor besonderen Leistungen verdienen sie sich nicht. Als Führungselite versagen sie ausgerechnet in einer Zeit, in der es auf sie ankommt.

Eliten, die Vorbildfunktionen erfüllen, die Risiken nicht nur für sich, sondern auch zum Wohle für ihr Unternehmen oder gar die Gesellschaft eingehen, die neue Wege suchen und gehen und die mitreißen können, sind derzeit kaum sichtbar. Natürlich gibt es diese Menschen, aber sie sitzen nicht an den öffentlichkeitswirksamen Schaltstellen, um Mut und Zuversicht zu verbreiten. Sie wirken in ihren jeweiligen Unternehmen oder anderen Verantwortungskreisen außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Vermutlich können sie dort viel mehr bewirken als in einer medienwirksamen Funktion. Feiern wird sich dann wieder die Funktionselite lassen, die dann schon immer gewusst haben wird, dass die Krise bewältigt werden kann.


[1] Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD aus dem Jahre 2005, S. 41.

[2] Wer es ausführlicher mag, der sei auf folgende Unterlage verwiesen: P. Kurse et al., Eliteverständnis und Entwicklung in Deutschland, Bremen 2006.

[3] Günther Reuther, Elite und Verantwortung, in: Oscar W. Gabriel/Beate Neuss/Günther Rüther (Hrsg.): Eliten in Deutschland. Bedeutung, Macht, Verantwortung, Bundeszentrale für Politische Bildung, Schriftenreihe Band 506, Bonn 2006, S. 114-134, Stand 2008, S. 1.

[4] Günther Reuther, Elite und Verantwortung, in: Oscar W. Gabriel/Beate Neuss/Günther Rüther (Hrsg.): Eliten in Deutschland. Bedeutung, Macht, Verantwortung, Bundeszentrale für Politische Bildung, Schriftenreihe Band 506, Bonn 2006, S. 114-134, Stand 2008, S. 1. Vgl. zu den Gemeinwohlpflichten wirtschaftlicher Eliten, gleichnamigen Vortrag von Eike Bohlken auf XXI Deutscher Kongress für Philosophie.

[5] Kurz vor seinem Abgang als Chef der Lufthansa AG gab deren Vorstandschef Jürgen Weber ein Fernsehinterview. Dabei ging es auch um die mittlerweile sehr beliebte Frage nach dem Gehalt von Managern, nach Abfindungen und Aktienpaketen, die da regelmäßig noch drauf gepackt werden. Selbst dann, wenn es dem Konzern nicht so gut geht und Mitarbeiter gehen müssen. Ja, sagte Herr Weber der Reporterin, schauen Sie, das ist so, weil wir Manager doch ein sehr viel höheres Risiko tragen als andere Mitarbeiter. Oha, meinte da die Reporterin. Welches denn? Na hören Sie mal, antwortete Weber, wir tragen doch die Verantwortung. Man könne sich schwer vorstellen, wie das ist, wenn man sie nicht hat. Aber sie wiege schwer. Zitiert nach Wolf Lotter, Die neue Wende, in brand ein, Heft 10/2004.

[6] „Finanzmärkte im Dienst der Menschheit“ – Rede von Bundespräsident Horst Köhler bei der Eröffnung des „European Banking Congress“ 2008

[7] Ich nehme an dieser Stelle Dr. Ackermann aus, der zum Jahresende zum wiederholten Mal Fehler und Mitschuld der Bankmanager eingeräumt hat.

[8] Ein gern in der Publikumspresse zitierter Weg ist die Besetzung von Positionen über Netzwerke. Insbesondere die Unternehmensberatung McKinsey rühmt sich, dass viele ehemalige Berater den Weg in die Chefposition gefunden haben, so auch der aktuelle Vorstandchef der heftig ins Trudeln geratenen Commerzbank Martin Blessing.

[9] Robert Misik, Moral und Amoral, Widersprüche in der zeitgenössischen Wertedebatte, Deutschlandfunk 7.12.08.

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