G20-Finanzminister: Da kreiste ein Berg und gebar eine Maus

by Dirk Elsner on 6. September 2009

Mt. Rainier and alpine wildfowers

Green Shoots vor dem Problemberg (Foto: Mt. Rainer Quelle: flickrs/oldmantravels)

Wir nähern uns mit großem Schritten dem Jahrestag der Lehman-Pleite vor 51 Wochen. Nun haben gerade an diesem Wochenende die Finanzminister sich zusammengehockt, um über weitere Konsequenzen aus der Finanzkrise zu beraten und das Treffen ihrer Staatschefs Ende September vorzubereiten.

Nach diesem Treffen in London hat sich der Eindruck verfestigt, dass die aufkeimenden “Green shoots” den aufgestauten Problemberg in den Hintergrund drängen.

Im Februar hieß es noch: “Die G20-Staaten planen eine radikale Reform des internationalen Finanzsystems.” Was wurde nicht alles diskutiert in den vergangenen 12 Monaten? Eine kaum enden wollende Flut von Beiträgen (siehe diese Überblickseite) hat sich über die interessierte Öffentlichkeit ergossen zu den vermeintlichen Konsequenzen, die aus der Finanzkrise zu ziehen sind.

Einigen kann man sich gerade einmal nun auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Zu den schärferen Eigenkapitalregeln war im Handelsblatt zu lesen:

“Die Banken müssten sich auf härtere Eigenkapitalregeln einstellen, verlautete aus den Kreisen weiter. Das bedeute, dass die Banken mehr Kapital als Puffer bereithalten müssten. Zudem solle die Expertengruppe „Financial Stability Board“ (FSB) Richtlinien erarbeiten, nach denen Finanzinstitute bei einem drohenden Kollaps sicher geschlossen werden können. Dabei seien Schritte zum Schutz der Konteninhaber vorgesehen, während der Investmentteil einer Bank abgewickelt werde.

US-Finanzminister Timothy Geithner hatte viele seiner Kollegen einen Tag vor dem Gipfel mit seinem Vorstoß für die Eigenkapitalregeln überrascht. Einige europäische Regierungen kritisierten, dass die bereits angebrachten Änderungen am bestehenden Regelwerk „Basel II“ ausreichten. Ein Vertreter des US-Finanzministeriums erklärte unterdessen am Samstag, die USA hielten sich weiter an die geplante Umsetzung von „Basel II“.”

Ergänzt wird das durch eine schwammige Bonusbeschränkung. Dazu die SZ:

“Sie einigten sich am Samstag darauf, dass Bankmanager künftig nur für langfristige statt für kurzzeitige Erfolge Prämien erhalten sollen, wie aus dem Abschlussdokument des Gipfeltreffens in London hervorgeht. Zudem wurde eine mögliche Rückforderung der Boni vereinbart. Die Gipfelteilnehmer forderten „globale Standards“ in der Vergütungsstruktur und mehr Transparenz bei der Bezahlung von Bankern.”

Das ist wirklich eine “beeindruckende Leistung” der Herren Finanzminister. Auf eine Seite passte das Kommuniqué der G20-Finanzminister. Das Dokument über die nächsten Schritte umfasst immerhin schon zwei Seiten und der Fortschrittsreport 23 Seiten. Eigentlich müsste man sich die Mühe machen und die vielen in den vergangenen Monaten diskutierten Vorsdchläge einer neuen Finanzmarktordnung mal dagegen spiegeln. Das Ergebnis dürfte bedrückend sein.

Um hier nicht falsch verstanden zu werden. Ich bin kein Freund von Regulierung und der Auffassung, dass gerade die derzeit geltende Regularien von den Finanzinstituten und Aufsichtsbehörden inhaltlich und operativ nicht beherrscht werden. Regulierung engt die Freiräume für neue und kreative Wettbewerber erheblich ein und erlaubt erst Marktriesen wie Goldman Sachs, Nomura oder der Deutschen Bank sich so zu entfalten, wie sie es tun (mehr habe ich dazu hier geschrieben).

Aber jetzt quasi alle Rahmenbedingungen so zu belassen, wie sie vor der Finanzkrise waren, das enttäuscht. Es enttäuscht auch angesichts der vielen Gedanken, die sich viele Fachleute weltweit gemacht haben und von denen sich kaum ein Gedanke wieder finden lässt. Vielleicht heben sich ja die Staatschefs für Pittsburgh am 24. und 25. September den großen Wurf auf. Wahrscheinlich ist das allerdings nicht.

Nach der Nahtoderfahrung der Finanzmärkte vor einem Jahr forderten Volkswirte, Politiker und sogar Banker neue Denkanstöße. Außer ein paar vergammelnden Worthülsen ist davon nicht viel übrig. Im Nachhinein entlarven sich die vielen öffentlichen Äußerungen zur neuen Finanzordnung als überflüssige Geräusche, die allein dazu dienten, eine aufgebrachte Öffentlichkeit zu besänftigen. Einen ernsthaften Willen für eine Änderung der Finanzordnung kann ich nicht mehr erkennen. Von der Seite der etablierten Banken war dies ohnehin nicht zu erwarten. Sie haben sich seit einem Jahr eine intellektuelle Auszeit genommen und beschränken sich auf sehr allgemeine und nichtsagende Äußerungen, wie es die Herren Ackermann und Blessing am vergangenen Donnerstag auf einer Konferenz der Zeit wieder gezeigt haben.

Zum G20-Finanzministertreffen lässt sich mit dem Blog Zeitenwende abschließen: Ausser Spesen nix gewesen

Beiträge im Blick Log zur neuen Finanzordnung

Vom Neustart des Finanzsystems (14.8.09)

Bankenregulierung: Der steinige Weg von der mikro-zentrierten zur makro-zentrierten Aufsicht (11.8.09)

Internationale Selbstanalyse der Finanzbranche schlägt deutsche Analyse (27.7.09)

Keine Regulierung: (K)ein Modell für die Finanzmärkte (25.7.09)

Kosten und Erträge einer neuen Finanzordnung … (3.7.09)

Banken für “Finanzverschmutzung” zahlen lassen (27.5.09)

Übersichtsseite mit vielen weiteren Artikeln und Arbeitspapieren zur neuen Finanzordnung

Berichte über die G20 Tagung der Finanzminister

Süddeutsche: G-20-Minister einig über Boni-Einschnitte

Zeit: G20 gegen Stopp staatlicher Wirtschaftshilfe

HB: G20 planen schärfere Bank-Eigenkapitalregeln

Süddeutsche: Briten sichern Konjunkturhilfen

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