Vorhersagebörsen stellen Expertentum in Frage

by Dirk Elsner on 9. März 2010

Als ich am Montag Morgen die Ergebnisse der Oscar-Verleihung hörte, war ich wieder beeindruckt. Sechs von sieben Oscars hatten die Marktteilnehmer der Vorhersagebörse Intrade richtig vorhergesagt (vgl. dazu die Vorhersagen in diesem Artikel mit der Gewinnerliste). Und es war nicht das erste Mal, dass die Vorhersagebörse so deutlich die “Experten” geschlagen haben. Bereits im vergangenen Jahr sagten die Intrade Marktteilnehmer 7 von 8 Oscar-Entscheidungen richtig voraus. Und auch bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr schlugen die Vorhersagemärkte die “Experten” der Forschungsinstitute sehr deutlich.

Wenn die FAZ angesichts der Oscar-Ergebnisse davon schreibt, dass die Oscar-Verleihung “doch ein wenig unerwartete Sieger” fand, zeigt dies, dass die FAZ die Erwartung auf den Sieger auf Basis einer Expertenschätzung abgibt. Während die deutsche Berichterstattung sich weiterhin also auf “Experten” stützt, sind US-Medien schon weiter. So stützt etwa die US-Politik-Webseite “The Hill” die Erwartungen auf eine Verabschiedung von Obamas Gesundheitsreform auf den Vorhersagen von Intrade.

Hintergrund und praktische Durchführung

An Vorhersagebörsen werden Erwartungen auf bestimmte klar definierte Ereignisse wie an einer Börse gehandelt. Wie der Aktienkurs die Meinung der Marktteilnehmer über den Wert eines Unternehmens widerspiegelt, zeigt der Preis auf einem Vorhersagemarkt die Erwartungen der Marktteilnehmer auf das Eintreten eines bestimmten Ereignisses. Im Prinzip ist dies also die durchschnittliche Meinung darüber, was die durchschnittliche Meinung ist.

Was bedeutet dies konkret in der Praxis: Tritt ein Ereignis ein, auf das man gesetzt hat, erhält man wie bei einer herkömmlichen Wette einen bestimmten Betrag, z.B. 100€, ausgezahlt, tritt es nicht ein, erhält man keine Zahlung. Durch die Skalierung auf 100 kann man den Wert als Erfolgswahrscheinlichkeit interpretieren.

Praktische Relevanz

Auf Vorhersagebörsen werden Erwartungen aller Art gehandelt. Der Blick Log etwa hat über dieses Instrument auf die Erwartungen zur USPräsidentschaftswahl, der Bundestagswahl, auf Konjunkturentwicklung, Fußballergebnisse oder Preisverleihungen geschaut. In den USA treten insbesondere für die Präsidentschaftswahl die Prognosen der prediction markets gleichberechtigt neben die Prognosen aus Umfragen. Der Blog Pollytics bot z.B. wöchentlich eine ausführliches Analyse des Intrade-Handels zur Präsidentschaftswahl. Medien, Forscher und Unternehmen nutzen Vorhersagemärkte (engl. prediction markets) inzwischen rege, sowohl zur Unterhaltung ihrer Nutzer, als auch zu bedeutsamen Geschäftszwecken.  Unternehmen wie Qmarkets, Consensuspoint, Inkling oder aus Österreich Pro:kons bieten  komplette Pakete, ob nun für virtuelle Händler (etwa die Mitarbeiter einer Firmenabteilung) oder für die Millionen User eines Internetportals.

Einsatz in Unternehmen

Auch Unternehmen nutzen bereits Vorhersagemärkte, um so bessere Informationen aus der kollektiven Intelligenz ihrer Mitarbeiter zu bekommen. Yahoo, Microsoft und Google haben nach einem Bericht der Business Week firmeninterne Vorhersagemärkte eingerichtet und die Angestellten Geld darauf setzen lassen, welche Produkte künftig am erfolgreichsten sein werden. Über den Erfolg der firmeninternen Vorhersagemärkte ist allerdings nichts zu lesen.

Genauigkeit der Prognosen

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 2. November 2008 schrieb die Zeitung: “Offenbar sind solche marktgenerierten Prognosen nicht schlecht. In elf von 15 Wahlen zwischen 1884  und 1940 sagten solche Märkte den Sieger richtig voraus.” Thomas Rietz, Professor der University of Iowa, hat berechnet, dass der Iowa Eletcronic Market (IEM) Wahlergebnisse seit 1988 mit einer Fehlerrate von 1,33% richtig vorhergesagt hat.

Ein weiterer Vorteil von Vorhersagemärkten: Sie verarbeiten Informationen nicht nur schneller, sondern berücksichtigen auch solche, die in die üblichen Modelle gar nicht eingehen können.

Zwischen Börsen und Wetten

Die Nähe von Vorhersagemärkten zu Glückspielen mag eine Ursache dafür sein, dass dieses Instrument in Deutschland noch nicht ernst genommen wird. Dabei liegt der Unterschied im Vergleich zu reinen Glückspielen auf der Hand. Die Informationen über den Ausgang eines künftigen Ereignisses sind ungleich verteilt. Einige sind besser informiert (bzw. glauben besser informiert zu sein) und können ihren Informationsvorsprung an Vorhersagebörsen zu Geld machen. Treten die gut Informierten mit Preisangeboten an den Markt, dann machen sie im Prinzip ihr bisher vertrauliches Wissen öffentlich. Daher werden die Preise an Vorhersagemärkten auch als guter Indikator für zukünftige Ereignisse angesehen. Genau genommen spiegeln sie aber nur das heutige Wissen bzw. Vermutungen über zukünftige Ereignisse wider. Der Preis, so die Theorie, bündelt die Informationen aller Marktteilnehmer. Er enthält damit sozusagen eine aggregierte Prognose.

Während die Vorhersagemärkte mit reinen Glückspielen also wenig zu tun haben, dürfte die Nähe zu Wetten unbestritten sein. Auch hier versuchen die Wetter überlegene Informationen zu Geld zu machen.

Wirtschaftsnobelpreisträger Gary Becker sieht in seinem Blog Vorhersagemärkte in der Nähe von Derivatebörsen angesiedelt. Wenn jemand einen Future auf den S&P 500 kauft, dann wettet er im Prinzip darauf, dass der durchschnittliche Aktienkurs steigt. Preisbewegungen in diesen Märkten bilden im Ergebnis auch nur die aggregierten Erwartungen der Marktteilnehmer ab.

Qualität der Prognose hängt von mehreren Faktoren ab

Die Qualität dieses Vorhersageinstruments hängt von drei wesentlichen Faktoren ab,

  1. Die Marktteilnehmer müssen echtes Geld investieren. Nur dann haben die Marktteilnehmer einen echten Anreiz, “überlegene” Informationen auch wirklich zu nutzen. Renommierte Forscher von 19 amerikanischen Hochschulen hatten dazu in der Mai-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science (Zugang nur für Abonnenten) gefordert, die rechtlichen Hürden für Prediction Markets zu senken.
  2. Die Höhe des Wetteinsatzes sollte nicht begrenzt sein. Preise in Vorhersagemärkten repräsentieren nicht nur den Durchschnitt von Meinungen, sondern haben noch eine zusätzliche Korrekturfunktion, wenn die meisten Mitspieler mit ihren Prognosen daneben liegen.  Teilnehmer, die es besser wissen als andere, könnten bei entsprechend günstigen Quoten hohe Summen auf ihren Favoriten setzen und so dafür sorgen, dass sich der Kurs an die tatsächliche Sachlage besser anpasst. Dazu dürfen die Einsätze aber nicht wie beim IEM begrenzt sein.
  3. Es muss eine ausreichende Anzahl von Marktteilnehmern zum Handel bereit sein. Sind zu wenig Marktteilnehmer bei einer Vorhersage aktiv und liegen die Angebotspreise weit von den Nachragepreisen entfernt, dann kommt kein Handel zustande und man erhält keinen Preis für eine Vorhersage. Dies war z.B. der Fall für die Rezessionsprognosen für Deutschland. Das höchste Kaufangebot lag heute bei 10$, das beste Verkaufsangebot bei 60$. Daraus lässt sich keine realistische Prognose ableiten.
Handelsblatt – Prognosebörse

In Deutschland hat das Handelsblatt Anfang November die Prognosebörse EIX gestartet. Hier kann jeder interessierte Bürger Konjunkturerwartungen handeln (mehr dazu unter “Handelsblatt plant Prognosebörse”). Nach vier Monaten kommt eine Auswertung zu dem Schluss, dass Prognosebörse Konjunkturdaten zum Teil besser voraussagt als Profis.

Deutschland hinkt hinterher

In Deutschland ist die Verwendung dieses Instruments trotz eix längst noch nicht so weit, wie in den Vereinigten Staaten. Dies liegt auch daran, dass es hier bisher keinen professionellen Anbieter für diese Instrumente gibt (ausgenommen sind Sportwetten) und wegen des Wettcharakters große rechtliche Hürden bestehen. eix ist eine wissenschaftliche Initiative, auf der kein echtes Geld eingesetzt wird.

Literatur

HB: Handelsblatt-Prognosebörse: Große Masse schlauer als Experten?

Becker-Posner Blog: Political Prediction Markets-Becker

brand eins 10/2007: Besser regieren

Motley Fool: Playing The Prediction Markets

Business Week: A Guide to Prediction Markets: Tip Sheet

Business Week: Prediction Markets Meet Wall Street

Business Week: Workers, Place Your Bets

Hal R. Varian, A Market Approach to Politics, NYT v. 8. Mai 2003

Journal of Economic Perspectives, Prediction Markets, No 2/2004 mit sehr viel weiteren Literaturangaben

Robin Hanson, Shall We Vote on Values, But Bet on Beliefs? Arbeitspapier der George Mason University mit sehr viel weiteren Literaturangaben

Süddeutsche Zeitung, Die Intelligenz der Masse

Teleopolis: Geld verdienen mit Barack Obama”

Wikipedia (engl. Fassung) Prediction market

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