Carta belebt Debatte um Hypo Real Estate und Wirtschaftsjournalismus

by Dirk Elsner on 27. Oktober 2010

Klar habe ich mich ob der Zitate über den Beitrag von Wolfgang Michal auf Carta gefreut. In “Bad Bank = Bad Journalismus” macht er das auch vom Blick Log kritisierte Schweigen der Mainstreammedien zur Bewertungsfrage und Gläubigerbevorzugung im Rahmen der Bad Bank-Transaktion der Hypo Real Estate zum Thema. So kritisiert er, dass die Qualitäts-Kollegen von der Wirtschaftspresse die im Tagesspiegel veröffentlichte Liste der Gläubiger der HRE ignoriert haben und im Prinzip wieder zur Tagesordnung übergegangen sind.

Die wenig schmeichelhafte Studie der Otto-Brenner-Stiftung zum Wirtschaftsjournalismus scheint längst vergessen zu sein. Nach einer kurzen aufgeregten Debatte (siehe dazu diese Presseschau) wirken viele Berichte wieder wie ein verlängerte Unternehmens-PR. Distanz und Kritik beschränken sich oft auf eine oberflächliche und ermüdende Verurteilung der Boni-Gier.

Und in der Tat fallen mir als Medienkonsument in Deutschland nur wenige Wirtschaftsjournalisten ein, die etwa an einen Jason Zweig (Wall Street Journal) oder Andrew Ross Sorkin (New York Times) heranreichen. So spontan denke ich hierzulande in den Mainstreammedien an Olaf Storbeck,Norbert Häring, Benedikt Fehr, Gerald Braunberger oder Thomas Fricke. Daneben tauchen gute Autoren wie Lothar Lochmaier, Jens Berger, Ralf Streck oder Rainer Sommer leider meist nur in Spezialmedien auf. Dabei könnten gerade sie die Wirtschaftsberichterstattung ebenfalls gut beleben.

Gerade bei Themen rund um die Finanzkrise vermisse ich den Tiefgang, wie ihn das Wall Street Journal, die britische Financial Times oder die Neue Zürcher Zeitung bieten. Kann das daran liegen, dass in Deutschland das Interesse an differenzierter Wirtschaftsberichterstattung nicht sonderlich ausgeprägt ist? Natürlich ist das jetzt etwas undifferenziert und wird sicher vielen Autoren, die ich gar nicht namentlich kenne, nicht gerecht. Das Urteil hier erhebt aber auch nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Hm, jetzt bin ich gar nicht mehr auf die Themen rund um die Hypo Real Estate eingegangen. Aber ich denke, die Leserdebatte im Artikel von Michal und die polemische und sich allwissend gebende Replik auf Goowell gibt keinen Anlass, die Positionen der beiden Beiträge

anzupassen. Die Bewertungsproblematik, aus der letztlich die Risiken für den Steuerzahler entstehen können, wird unterschätzt oder ignoriert. Die Transaktionen der Hypo Real Estate weisen ein großes Transparenzproblem auf, so dass man über die Bewertung nicht diskutieren, sondern nur spekulieren kann. Daher müssen Zweifel an der Bewertung erlaubt sein bis jemand dies widerlegt hat. Die zentrale Frage, ob man den Schaden für die Steuerzahler hätte geringer halten können, wenn man die Gläubiger mit einem Haircut beteiligt hätte, interessiert zwar Michal, leider aber nur wenige Kommentatoren.

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