Frisbee mit den Märkten: Zu Beate Reszats Finanzmärkte und Komplexität

by Dirk Elsner on 18. September 2012

The Butterfly Effect Foto: The Butterfly Effect con spitfirelas via. flickr

Es gibt selbst zu knallharten Finanzthemen immer wieder Texte, die mich so richtig begeistern können. Einen solchen 5-Sterne Text hat Beate Reszat mit “Die Finanzaufsicht komplexer Märkte – ein Frisbee-Spiel” in ihrem Blog vorgelegt. Fünf Sterne hat er verdient, weil dieser Text mit Eleganz und tiefe Themen verbindet, die ich hier immer wieder im Blog im Fokus habe aber nie so gekonnt miteinander hätte verknüpfen können: Komplexität und Finanzmärkte.

Beate leitet ihren Text, den es hier übrigens auch in englischer Sprache gibt, mit Zweifeln von immer mehr Leuten am neuen Finanzaufsichtsregime von Basel III ein. Zweifel, die ich schon seit Jahren teile und die unpopulär sind, weil mit Basel III eigentlich die Banken “an die Leine gelegt” werden sollen. Ob das in dieser Form Sinn macht, hat aber außerhalb der Finanzbranche kaum einer gefragt. Die Kritik aus der Finanzbranche selbst wird dabei übrigens nicht Ernst genommen, weil es der Sektor nicht schafft, Kritik an der Finanzmarktregulierung mit sinnvollen Alternativvorschlägen zu verbinden.

Beate beginnt ihre Ausführungen mit dem Hinweis auf Andrew Haldanes Papier „The Dog and the Frisbee“. Er plädiert darin, die Basel III-Regeln zu vereinfachen, um der Komplexität im Finanzsektor Herr zu werden. Er benutzt dabei das Bild von einem Hund, der in der Lage ist, einen Frisbee zu fangen und die Details der Newtonschen Gesetze nicht kennt.

Beate steigt dann so richtig ein in die Erforschung von Netzwerken in der Ökonomie und insbesondere in die Betrachtung der Finanzmärkte unter diesem Gesichtspunkt der Komplexität. Dabei stupst sie mich erneut auf den Debt Rank Report, der in der letzten C´t ein Thema war.
Ausgesprochen klar formuliert sie, warum es wichtig zu verstehen ist, dass man Finanzmärkte im wissenschaftlichen Sinn als komplex ansieht:

“Der Grund ist, dass Komplexität die Herausforderungen, denen sich Wissenschaft und Politik gegenübersehen, ganz erheblich verschärft. Generell wird für ein nicht-komplexes System, so groß und unübersichtlich es auch sein mag, davon ausgegangen, dass sich Wirkungszusammenhänge auf wenige, allgemeingültige Relationen reduzieren lassen und dass eine direkte Beziehung zwischen Ursache und Wirkung besteht, die – abgesehen von zufälligen Abweichungen aufgrund kleiner vorübergehender Störungen – ohne Einwirkungen von außen immer gleich bleibt und sich beobachten oder zumindest aus der Analyse vergangener Entwicklungen schließen lässt. Die so gewonnenen Erkenntnisse erlauben dann, Handlungsoptionen zu beurteilen und daraus Politikempfehlungen abzuleiten.

Komplexe Systeme dagegen lassen sich in der Regel nicht auf wenige, immer gültige Grundzusammenhänge reduzieren und was sich in der Vergangenheit beobachten ließ, erlaubt in diesen Systemen keine Rückschlüsse auf die Zukunft.”

Dies ist wichtig, weil sich komplexe Systeme nicht so einfach (oder vielleicht sogar gar nicht?) kontrollieren lassen. Beate schreibt von der hohen Sensitivität gegenüber den Ausgangsbedingungen. Ursprünglich sehr ähnliche Entwicklungen laufen in komplexen Systemen schon nach kurzer Zeit auseinander und es ist nicht möglich, allgemein gültige Vorhersagen darüber zu treffen. In den allgemeinen Sprachgebrauch ist das als Schmetterlingseffekt eingegangen.

Beate erläutert dann, warum nach ihrer Auffassung das weltweite Finanzsystem alle Merkmale eines komplexen adaptiven Systems aufweist. Damit trifft sie eine Auffassung, die ich in diesem Blog schon lange vertrete und insbesondere mit Arbeiten und Argumenten von Mandelbrot und Taleb untermauert habe. Ohne deren Ansätze hier vertiefen zu wollen, verdeutlichen die beiden Autoren, dass “Chaos und Zufall” als Ausprägungen von Komplexität eine viel größerer Rolle spielen, als wir dies zugeben mögen. In unserem Denken haben wir aber erhebliche Probleme mit ihren Ansätzen. Wir mögen es nämlich nicht, dass sich viele Zusammenhänge gar nicht eindeutig erklären lassen und in einem hohen Maße von Zufällen bzw. von Faktoren abhängen, deren Wirkungen wir nur sehr begrenzt vorhersehen bzw. erklären können.

Aber zurück zu dem Text von Beate und ihrer Erklärung, warum Finanzmärkte ein komplexes adaptives System sind, auf dem die Mitglieder untereinander und mit ihrer Umgebung in den Volkswirtschaften in vielfältiger Weise in ständigem Austausch stehen. Sie schreibt: “Es ist ein lernendes System, das sich ständig weiterentwickelt und dessen Funktionsweise sich nicht auf wenige allgemeingültige Beziehungen reduzieren lässt. Zeiten starker und geringer Aktivität wechseln. Es gibt örtlich begrenzte Störungen und solche, die sich urplötzlich oder auch ganz allmählich zu globalen Krisen entwickeln. Dabei gibt es keine Möglichkeit vorherzusehen, ob und wann ein lokales Phänomen zu einer Bedrohung für das globale System wird.” Sie vertieft das anschließend am Beispiel der Schuldenkrise in Europa.

“In dem komplexen adaptiven System der Finanzmärkte treffen Akteure ihre Entscheidungen, ohne die Wirkungsweise des Ganzen zu überschauen und zu verstehen. Jeder Marktteilnehmer hat seine eigene Art, sein eigenes „Rezept“, damit umzugehen.”

Beate hat Zweifel, ob die Eingangs erwähnten Vorschläge von Haldane wirklich geeignet sind, die Komplexität des Systems, die sich aus dem Wechselspiel der Vielzahl von Akteuren auf den Märkten untereinander und mit ihrer Umwelt ergibt, verringert werden kann. Ich teile diese Zweifel nach der Lektüre ihres Textes. Wir wissen nicht, ob Regulierungen wie Basel III oder deren Vereinfachung die Krisenhäufigkeit und -anfälligkeit verringern oder erhöhen.

Was sich Beate allerdings nicht fragt ist, ob die Komplexität nicht durch zu viel an Regulierung noch weiter verstärkt wird. Was ich allerdings nicht weiß ist, ob in der Wissenschaft überhaupt unterschiedliche Komplexitätsgerade betrachtet werden oder ein System entweder komplex oder nicht komplex ist, jedoch nicht einfach oder zweifach komplex.

Abschließend fragt sich Beate, ob es sinnvoll sein könnte, um Krisen als Begleiterscheinung von Komplexität zu verhindern oder abzuschwächen, “direkt eine Beeinflussung der Märkte ins Auge zu fassen (womit, das sei betont, nicht ein Verbot von Leerverkäufen, die Einführung von Preis- oder Mengenbeschränkungen oder ähnliches gemeint ist, sondern eher die Erwägung einer wie auch immer gearteten Marktpräsenz)?”

Von mir gibt es ein klares Nein! auf diese Frage. Ich glaube nicht, dass eine wie auch immer geartete Beeinflussung Finanzkrisen verhindert oder abschwächt. Wenn die oben grob bzw. von ihr im Detail skizzierten Ansätze, Finanzmärkte als komplexe adaptive Systeme zu interpretieren, bei denen wie auch immer geartete Einflüsse am Ende doch zu unvorhersehbaren Ergebnisse führen, zutreffen, dann kann auch eine wie auch immer gestaltete Beeinflussung keine Vorteile bringen.
Das ist jetzt kein Statement gegen eine Regulierung. Ich habe in der letzten Woche in einem Beitrag “Ist der Finanzsektor zu groß?” versucht deutlich zu machen, dass wir Regulierung brauchen, wenn Finanzmarktakteure externe Effekte zu Lasten Dritter erzeugen. Ich weiß nicht genau, wie eine solche Regulierung aussehen muss. Darüber sollen sich diejenigen Gedanken machen, die in entsprechenden Gremien sitzen und für das Nachdenken darüber von uns bezahlt werden.

Letztlich muss man doch zu Ansätzen oder Regulierungen kommen, die die Robustheit gegen Krisen verringert. Egghat drückte das letzte Woche in einem Tweet genial aus: “Die Tasse muss allein runterfallen können ohne den ganzen Schrank mitzureissen”. Und damit sind wir wieder bei Taleb, der genau das fordert, aber ebenfalls offen lässt, wie man so etwas genau umsetzen kann. Dazu erklärt er uns vielleicht mehr in seinem im November erscheinenden Buch “Antifragile: How to Live in a World We Don’t Understand”. Bis dahin hilft vielleicht ein weiterer Tweet von egghat: “Die Tassen nicht ineinander stapeln.”

In jedem Fall lohnt sich darüber ein Nachdenken. Und ich bin gespannt, auf die Fortsetzung des Thema im Blog von Beate Reszat.

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