Warum ich Olaf Storbeck beim Handelsblatt vermissen werde

by Dirk Elsner on 26. Oktober 2012

Olaf Storbeck verlässt das Handelsblatt. Die Nachricht ist seit Wochen bekannt. Ich finde das außerordentlich bedauerlich für die größte deutsche Wirtschaftszeitung und vor allem für die Ökonomie-Seiten der Zeitung. Es gibt wohl keinen Journalisten, von dem ich mehr Beiträge verlinkt bzw. zitiert habe (Google zählt bisher 118 Einträge in meinem Blog).

image Verlässt bald diese Räume:
Hier Olaf Storbeck an seinem Schreibtisch im “The Macmillan Building” in London

 

Olaf wechselt nach 11 Jahren Handelsblatt ab 12.11.2012 zum Kommentardienst Breaking Views von Reuters. Der Dienst steckt leider hinter einer Pay Wall. Einige Beiträge von Breaking Views sind aber auf dem gleichnahmigen Reutersblog bzw. in anderen Medien zu lesen, meist aber in englischer Sprache. Olaf hat aber auf seiner Facebook-Seite verraten, seinen Blog weiterzuführen und dort mehr Beiträge in deutscher Sprache verfassen. Ich nehmen an, er bleibt uns so erhalten.

Olaf Storbeck war Herz und Seele der Ökonomie-Seiten des Handelsblatts. Diese Seiten beschäftigen sich am Montag und Donnerstag mit aktuellen Forschungsfragen aus der Wirtschaftswissenschaft, für mich stets ein Hauptmotiv für ein Abo der Zeitung. Mit Ausnahme des Sonntagsökonoms der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kenne ich sonst keine regelmäßige Serie, die uns ständig und in hoher Qualität wichtige Forschungsergebnisse so fachkundig und praxisnah “übersetzt” hat. Ich finde diese Beiträge deswegen so wichtig, weil die meisten im Berufsleben steckenden Menschen kaum Zeit finden, die vielen guten wissenschaftlichen Publikationen, darunter meist umfangreiche Working-Papier, selbst zu lesen. Darin stecken aber oft so viele gute Erkenntnisse, die wir viel häufiger in unsere Gedanken und Praxis einfließen lassen sollten. Olaf und seine Mitstreiter schafften es immer wieder auch zu tagesaktuellen Themen die Kernaussagen wichtiger Forschungsergebnisse anwendungsnah zu präsentieren.

Olaf Storbeck war übrigens der erste mir bekannte Journalist, der hier in meinem Blog einen Kommentar hinterlassen hat. Ich habe diesen sogar noch gefunden in dem Beitrag: “Kurse rauf, Nachrichtendpression im Handelsblatt”. Wir sind über diesen Kommentar in den Mailaustausch gekommen und haben uns dann bei einem Besuch in der Redaktion in Düsseldorf kennen gelernt. Seit dem haben wir uns häufiger auf Veranstaltungen und einmal in London getroffen. Besonders bitter für mich war das Treffen beim Desaster von Werder Bremen auf Schalke im letzten Jahr.

Ich rechne Olaf zu den Journalisten, die selbst mit großer Leidenschaft bloggen. Während man bei vielen Medienblogs den Eindruck hat, da wolle der Chefredakteur mal, dass man ein wenig blogge, weil dies gerade angesagt sei, habe ich diesen Eindruck bei Olaf nie gehabt. Er hat über den Handelsblog und sein eigenes Blog Economics Intelligence immer wieder auch Debatten angestoßen, Themen verprobt und aus der Printausgabe vertieft.

Mittlerweile hat das Handelsblatt aber seine Blogs so gut versteckt, dass man nur noch dorthin findet, wenn man die Links kennt. Das ist nicht nur schade, sondern auch unklug. Hier wird eine Plattform verborgen, die Debatten differenziert aufbauen und fortführen kann. Unvergessen ist z.B. die von Olaf mit angestoßene Target-Debatte und seine daraus entstandenen Gefechte mit Hans-Werner Sinn, der Olaf einmal als “overly active blogger” bezeichnet hatte. Möchte man so etwas nicht mehr in Düsseldorf? Setzt man jetzt lieber auf Bildklickstrecken zu seichteren Themen, um User zum Anklicken zu motivieren?

Mir gefiel es natürlich, dass Olaf früh die Wirtschaftsblogssphäre in Deutschland entdeckte und fleißig auf Twitter aktiv ist. Er setzte sich außerdem dafür ein, dass einige Wirtschaftsblogger an der Tagung Ökonomie Neu Denken Anfang des Jahres in Frankfurt teilnehmen konnten. Dort durfte ich im Abschlusspanel neben ihm ein Resümee dieser Veranstaltung ziehen. Und er zieht auch bei einem neuen Experiment mit, dass wir nächste Woche starten: 1. Ökonomen live Hangout: Soll Deutschland in der Eurozone bleiben?

Sein wahrscheinlich letztes großes Lesestück hat er gemeinsam mit  Dorit Heß, Hans Christian Müller, Christine Mattauch, Norbert Häring und Malte Buhse am vergangenen Freitag als Titelstory des Handelsblatts präsentiert: “Wirtschaft Neu Denken – Junge Ökonomen rebellieren gegen das Establishment.” Solche Schwerpunkte, die neuen Ideen und neuen Denkern Platz einräumen, sind viel zu selten. Meist finden nur die ewig gleichen “Eminenzen” aus Politik, Wissenschaftsadel und Wirtschaft den Weg in die Presse mit ergrauten Äußerungen und mehr oder weniger verdauten Standpunkten. Wir beschweren uns dann, dass es zu wenig neue Ideen gibt. Dieser Schwerpunkt hat gezeigt, es gibt diese Ideen sogar in etablierten Umfeldern, sie werden nur zu selten kommuniziert.

Und was passiert mit der Ökonomieabteilung? Ich hoffe natürlich, dass sie erhalten bleibt und vielleicht Norbert Häring dorthin wechselt. Norbert Häring und Olaf Storbeck haben übrigens gemeinsam das ausgesprochen lesenswerte und auch für Nicht-Ökonomen unterhaltsame Buch Ökonomie 2.0 geschrieben. Häring hat ja die noch neue, tägliche und hier noch gar nicht ausreichend gewürdigte Kolumne “Stimmt es, dass” im Handelsblatt Diese würde ich natürlich ebenfalls vermissen, wenn sie nicht weitergeführt würde. Aber darüber muss ich mir wohl keine Sorgen machen, denn in diesen Tagen hatte ihn Hans Christian Müller schon mehrmals lesenswert vertreten.

So, nun sind aber genug Nettigkeiten für Olaf und seine Kollegen verteilt. Spätestens am 10. November ist ohnehin Schluss damit. Da widerlegt Werder Bremen die Vorhersagemärkte und wird die Arena von Schalke nebst seines Auslandsfanpräsidenten unter torreiches Wasser setzen.

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