Warum ökonomische Vorhersagen Anekdoten sind (II): Verhalten und Chaos

by Dirk Elsner on 30. Dezember 2013

Die Zukunft kann man am besten voraussagen, indem man sie selbst gestaltet.”  (Alan Kay )

Ich habe kurz überlegt, ob ich für diese Fortsetzung (1. Teil hier) noch etwas in alten und neuen Konjunktur- und Finanzmarktprognosen wühle. Allerdings ist das ziemlich langweilig[1], denn es lässt sich sicher vorhersagen, dass ich dabei mehr oder weniger gute Prognosen finden werde.

Der von mir sehr geschätzte Robert Shiller hat im vergangenen Jahr in einem Beitrag für das Project Syndicate das Thema Konjunkturprognosen aufgegriffen.

“Ein grundlegendes Problem der derzeitigen Konjunkturprognosen besteht darin, dass die eigentlichen Ursachen der Wirtschaftsabkühlung psychologischer und soziologischer Natur sind und mit den veränderlichen Faktoren „Vertrauen“ und „Animal Spirits“ zusammenhängen. Gemeinsam mit George Akerlof habe ich „Animal Spirits“, die nichtökonomischen Motive und die irrationalen Verhaltensmuster von Menschen, zum Gegenstand unseres Buches gemacht. Wir behaupten, dass sich in derartigen Verschiebungen Geschichten widerspiegeln, die sich ändern; neue Geschichten, die sich wie Lauffeuer verbreiten und die damit verbundenen Auffassungen von der Welt, die sich schwer in Zahlen ausdrücken lassen.”

Emergenzen und Chaos

Das alles bedeutet nun nicht, dass jede Vorhersage zwangsläufig Quatsch ist. Wenn etwa Mediamarkt im Vorweihnachtsgeschäft die neuen Spielekonsolen von Microsoft und Sony zum halben Preis anbieten würden, könnte man leicht vorhersagen, dass sie sehr schnell ausverkauft sein werden. Fluggesellschaften arbeiten mit ausgefeilten Prognosemodellen, die auf der Grundlage von Buchungsdaten der vergangenen Jahre per Computer schätzen, wie sich die Nachfrage entwickeln wird (siehe SZ, Billiger als der Nachbar).

Hier haben wir es freilich mit abgegrenzten Welten zu tun. Anders sieht es bei volkswirtschaftlichen Prognosen aus. Für sie kann man gerade nicht viele Einzelprognosen zu einer Konjunkturprognose addieren. Das hat damit zu tun, dass nach meinem Verständnis eine Volkswirtschaft ein komplexes adaptives System ist. Unser Denkfehler liegt darin, dass wir glauben, wenn wir einzelne Bestandteile eines Systems verstehen, wir dann auch das gesamte System verstehen würden. Wir vernachlässigen dabei,

dass sich einzelne Systemteile gegenseitig beeinflussen können und aus ihrer Interaktion etwas völlig Neues hervorgehen kann. Das nennt man bekanntlich Emergenz[2]. Diese und die chaotische Dynamik solcher Systeme verhindert die Berechnung der Welt, die ein internationales Forscherteam um den Züricher Professor Dirk Helbing mit seiner Zukunftsmaschine versuchen will (siehe dazu auch Ich sag mal). Ich halte Geld für die Forschung in solche Zukunftsprojekte für reine Geldvernichtung und halte es mit Nassim Taleb, der in Antifragilität schreibt (Pos. 3799):

“Politische und wirtschaftliche Extremereignisse sind nicht vorhersagbar, und ihre Wahrscheinlichkeiten sind wissenschaftlich nicht erfassbar. Es spielt überhaupt keine Rolle, wieviel Geld in die Forschung fließt – die Vorhersage von Revolutionen ist etwas ganz anderes als das Zählen von Karten; Menschen werden nie dazu in der Lage sein, Politik und Wirtschaft in die überschaubare Zufälligkeit von Blackjack zu verwandeln.”

Dazu kommt das Relevanzproblem. Wenn Ökonomen aggregieren, dann lassen sie notwendigerweise vieles weg. Meist hat aber das Weggelassene einen sehr großen Einfluss, nur wissen wir dies oft nicht. Das zumindest lehrt uns die Chaosforschung. Danach können in dynamischen Systemen auch kleine Änderungen große Wirkungen haben. Welche Änderungen das sind, weiß man vorher nicht. Schaut man sich einen beliebigen einzelnen Parameter an, so ist es zwar höchst unwahrscheinlich, dass ausgerechnet dieser einen hohen Einfluss haben wird. Lässt man aber ganz viele kleine Paramenter unbeachtet, so ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass darunter mindestens einer ist, der einen großen Einfluss haben wird. Solche Einflüssen lassen sich bestensfalls ex-post analysieren, nicht aber ex-ante prognostizieren.

Ökonomen, so schrieb Marco Herack im FAZ Blog Wostkinder, “wähnen sich in dem Umfeld einer exakten Wissenschaft und glauben daher, sie könnten menschliches Handeln anhand eines Modells nachbilden. Es ist jedoch umgekehrt: Die Ökonomen reduzieren menschliches Verhalten auf ihre (im Vergleich zum Menschen) rudimentären Modelle. Solch eine Reduktion menschlichen Verhaltens unterliegt mindestens diverser Folgewirkungen. Zum einen der Reduktion selbst, die Eigenschaften, Absichten, Marktmacht, Handlungsfähigkeit oder Hemmschwellen (etc.) des oder der (einzelnen) Menschen nicht berücksichtigt. Und zum anderen besteht das Problem in den Annahmen derjenigen, die ein Modell erstellt. Ihre Weltsicht entscheidet, welche Gewichtung den verbleidenden Faktoren zugesprochen wird.”

Gute Diagnoe ≠ gute Prognose

Ökonomen mussten in den vergangenen Jahren viel Kritik einstecken. Die Krise der wissenschaftlichen Ökonomie liegt aber wesentlich auch[3] darin begründet, dass sie blödsinnige Prognosen abgegeben haben, den zu viele Menschen vertraut haben. Ich halte Ökonomen dennoch für wichtig, weil sie uns bei der Analyse und dem Verstehen wirtschaftlicher Vorgänge helfen können. Wir dürfen aber nicht glauben, dass derjenige, der eine gute Analyse leistet, deswegen auch gute Vorhersagen abgeben kann.


[1] Unterhaltsam vielleicht diese Klickstrecke: “Düsterste Szenarien der Finanzwelt

[2] Das habe ich vertieft in der Beitragsreihe “Finanzmärkte in Emergenzen denken

[3] Dazu kommen die nicht sterben wollenden “Mythen der Neoklassik

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