Edzard Reuter: “Führungsschichten der Wirtschaft rekrutieren sich immer selbst”

by Dirk Elsner on 20. Dezember 2010

Die Wirtschaftskrise ist zumindest vorläufig beendet. Umsätze und Gewinne der Unternehmen steigen deutlich stärker als dies viele Unternehmen noch zum Jahresbeginn erwartet haben. Es ist die Zeit gekommen, dass sich Manager wieder für ihre Leistungen feiern lassen können. Im vergangenen Jahr war es dagegen sehr ruhig geworden um die einstigen “Managementstars”. “Wo ist hier eine coole Sau, die begeistert?” fragte etwa die Financial Times. Stattdessen entmystifizierte sich die “Elite” reihenweise selbst.

Und ausgerechnet von den Top-Vertretern der sich gern in Davos präsentierenden “Elite” kamen keine Lösungsansätze zur Finanz- und Wirtschaftskrise (siehe etwa Nichts los in Davos). Daher stellte sich immer stärker die Frage, wie eigentlich die Top-Positionen besetzt werden. Echte Besetzungskriterien blieben schon immer im Dunkeln. Natürlich kann nicht jeder kann die Topjobs bei Porsche, Arcandor, Opel, Hypo Real Estate oder AIG ausüben. Das aber in all diesen Chefetagen nur Topleute saßen und es keine besseren Besetzungen gab, gehört längst in das Reich widerlegter Legenden.

Dennoch halten sich Mythen von den Ultra-Leistungsträgern in den Chefetagen wohl deswegen weiter so hartnäckig, weil sie ständig von interessierten Kreisen wiederholt werden und selten sachlogisch entkräftet werden (Eher zur Ausnahme gehört der Bertelsmann-Konzern, der seine früheren CEO Thomas Middelhoff entmystifiziert hat). Es lässt sich nämlich nur schwer zeigen, dass eine andere Personen unter gleichen Rahmenbedingungen den gleichen Job besser für weniger Geld erledigt hätte. Das reine Leistungskriterien eine Rolle bei der Besetzung der Top-Positionen eine Rolle spielten, glaubte aber bereits vor der Finanz- und Wirtschaftskrise niemand.

Wer in Vorstände und Geschäftsführungen großer Unternehmen gekommen ist, der müsse, so die Eliteforschung, vor allem eines besitzen: habituelle Ähnlichkeit mit den Personen, die sich dort bereits befinden. Das Selbstverständnis der Topmanager, dass sie den Platz in der Chefetage nur ihrer eigenen Leistung zu verdanken haben, entpuppt sich ohnehin als Mythos”, schrieb Ulf Tödter in seinem Buch Erfolgsfaktor Mensch: „Als viel entscheidender stellte sich heraus, dass Verantwortliche und Bewerber über „die gleiche Wellenlänge” verfügen, dass „die Chemie” offenbar stimmt. Soziologen nennen diesen Bewerbungsvorteil „habituelle Ähnlichkeit” mit den Personen, die schon in den Führungspositionen sitzen.” Man kann es auch vulgärer ausdrücken: Neben gewissen fachlichen Mindestqualifikationen und –erfahrungen, muss man die ordentliche Selbstvermarktung beherrschen und zum richtigen Zeitpunkt von den richtigen Leute protegiert werden. Fachliche Qualitäten oder gar Führungsfähigkeiten, im Sinne einer modernen Führungslehre, interessieren da nur am Rande.

Nun könnte man vorgenannte Aussagen diskreditieren, in dem man einfach auf den Neidreflex verweist. Um so interessanter ist, dass ausgerechnet ein mittlerweile ebenfalls entmystifizierter “Starmanager” der 80er und 90 Jahre, nämlich Edzard Reuter (Kurzbio hier in der Wikipedia), genau diese Aussagen von Ulf Tödter bestätigt hat. Reuter war von 1987 bis 1995 Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG und wichtiger Teil der “Deutschland AG”, einem Netzwerk von Verflechtungen zwischen großen Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen. In einem Interview mit dem Zeit Magazin (Nr. 31, S. 46) sagte er:

“Die Führungsschichten der Wirtschaft rekrutieren sich immer selbst. Man greift lieber auf denjenigen zu, von dem man meint, sicher sein zu können, dass er so ist wie man selber. Da weiß man, der fällt nicht aus der Rolle und schlägt keine krummen Wege ein.”

Und jüngst legte er in der FAZ nach. Unter der Überschrift "Wer heucheln kann, ist schon ein gemachter Mann" liest man ein Interview, das einen zwiespältiges Bauchgefühl hinterlässt, weil seine Äußerungen eher nach persönlicher Abrechnung klingen als nach einer fundierten Kritik. Schade, so vergibt er die Chance, den Top-Etagen eine neue Richtung zu weisen.

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