Warum Banking 2.0 in der klassischen Finanzwelt noch nicht zündet Teil 1: Was ist Banking und welche Probleme soll es lösen

by Dirk Elsner on 7. Januar 2011

Lothar Lochmaier fragte sich im Oktober in seinem Blog: “Warum Social Banking (noch) nicht funktioniert?”. Wir telefonieren häufiger zu der Frage, warum Banking 2.0 in der klassischen Finanzwelt noch nicht zündet. Aus Gesprächen und Projekten mit Banken habe ich ihm versprochen, meine Einschätzungen aufzuschreiben. Ich will dies anhand von 10 Thesen machen. Vorher möchte ich in diesem ersten Beitrag allerdings etwas ausholen und skizzieren, was Banking eigentlich ist und welche Probleme es (theoretisch) lösen soll.

Die Geschäftsmodelle der Banken

Die Geschäftsmodelle nahezu aller Finanzinstitutionen beruhen im Grunde auf dem ganz einfachen Geschäftsmodell der Finanzintermediation. Finanzinstitutionen schaffen einen Interessenausgleich zwischen den Subjekten, die Finanzierungsmittel anlegen wollen (Überschusseinheiten), und den Marktteilnehmern, die Mittel aufnehmen wollen oder müssen (Defiziteinheiten). Daneben sorgen sie für den Transfer von Zahlungsmitteln. Die Gesamtheit derartiger Transaktionen einschließlich der sich dabei herausbildenden Usancen und der sie beeinflussenden institutionellen Rahmenbedingungen wird nach Michael Bitz als Finanzmarkt bezeichnet. Bitz schreibt dazu weiter*:

“In seiner einfachst denkbaren, gewissermaßen „archaischen“ Urform kann dieser Finanzmarkt allein als Geflecht einer Vielzahl von Verträgen gedacht werden, die zwischen den potentiellen Geldnehmern der ersten Gruppe und den potentiellen Geldgebern der zweiten Gruppe jeweils unmittelbar und ganz individuell, ohne allgemein vorgegebene Rahmenregelungen und ohne jegliche Einwirkung Dritter vereinbart werden.”

In dieser Urform des Finanzmarkte existieren Banken höchsten als Institutionen zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs, jedoch nicht als Institutionen mit den heute bekannten Dienstleistungen.

Welche Probleme Finanzmärkte lösen sollen?

Gerade unter 2.0-Gesichtspunkten ist interessant ist, dass die meisten Aktivitäten auf den Finanzmärkten in der heutigen Formen institutioneller Arrangements (vulgo Bankdienstleistungen) sind, die nach Auffassung der Institutionenökonomen entstanden sind, weil der bilaterale Abschluss von Verträgen Schwierigkeiten machen kann. Prinzipiell wäre es nämlich denkbar, alle Transaktionen, die heute als Finanzdienstleistungen angeboten werden, auch direkt zwischen zwei Vertragspartnern direkt durchzuführen. So können Aktien etwa auch direkt zwischen Käufer und Verkäufer ohne Einschaltung von Banken, Börsen und Abwicklungshäusern gehandelt werden, was in der Praxis bei großen Transaktionssummen auch geschieht.

Der mit einer solchen Transaktion zusammenhängende Aufwand ist allerdings so hoch, dass sich der Handel für die meisten Marktteilnehmer nicht lohnt (Suche nach geeigneten Handelspartnern, Aushandeln von Verträgen, Lieferung der Aktien, Aufbewahrung im Tresor, Schneiden von Kupons, deren Einlösung bei Aktiengesellschaft etc). Durch die institutionellen Arrangements der Finanzmärkte werden solche Transaktionen deutlich vereinfacht und somit Kosten gespart. So zumindest die Theorie.

Die Probleme von Finanztransaktionen hat Michael Bitz in einem Arbeitspapier zusammengefasst:

  1. Informationsprobleme: Die potentiellen Vertragsparteien müssen zunächst einmal Kenntnis von der Existenz geeigneter Marktpartner erlangen. Da Finanzkontrakte konstitutiv dadurch gekennzeichnet sind, dass Leistung und Gegenleistung zeitlich auseinanderfallen, müssen sich die potentiellen Geldgeber zudem ein Bild von der Verlässlichkeit ihres Vertragspartners bzw. des von ihm als Gegenleistung abgegebenen Rückzahlungsversprechens machen.
  2. Losgrößen- oder Betragsprobleme: Anlage- und Finanzbedarf von zwei miteinander in Verbindung tretenden Marktpartnern müssen dem Betrage nach nicht übereinstimmen. Ein Kontrakt kommt in einer solchen Situation nur zustande, wenn zumindest ein Partner bereit ist, sich der anderen Seite anzupassen, indem er entweder seine Zahlungspläne ändert oder weitere Marktpartner zur Abdeckung des noch offenen Anlage- oder Finanzbedarfs sucht.
  3. Fristenprobleme: Selbst bei betragsmäßiger Übereinstimmung von Anlage- und Finanzbedarf ist es möglich, dass die Vorstellungen der beiden Parteien über die Dauer des beabsichtigten Finanzkontraktes divergieren. Wiederum kommt ein Vertrag nur zustande, wenn zumindest eine Seite bereit ist, von ihren ursprünglichen Fristenvorstellungen abzuweichen oder davon ausgehen kann, in späteren Zeitpunkten weitere Marktpartner zur Realisierung der eigenen Fristenvorstellungen zu finden.
  4. Risikoprobleme: Ob der Geldgeber die bei Vertragsabschluss fest vereinbarten oder in sonstiger Weise in Aussicht gestellten Rückzahlungen später auch wirklich erhält, hängt von der Ausgangssituation des Geldnehmers im Zeitpunkt der Mittelvergabe, der Umweltentwicklung sowie von der Geschäftspolitik des Geldnehmers während der Vertragsdauer ab, ist bei Abschluss des Finanzkontraktes also noch ungewiss. Ein Vertrag kommt somit nur zustande, wenn der Geldgeber bereit ist, solche Risiken mindestens in dem Maße zu tragen, wie sie ihn entsprechend seinem persönlichen Informationsstand über die drei genannten Risikoeinflussfaktoren treffen können.

Aus diesen Problemen lassen sich dann die Funktionen von Finanzsystemen ableiten:

  1. Zahlungssystem- und Transferfunktion (clearing and settlement payments): Ein Finanzsystem erleichtert durch die Verrechnung (clearing) und Abrechnung (settlement) von Forderungen bzw. Verbindlichkeiten den Handel von Gütern, Dienstleistungen und Vermögensgegenständen. Die Übertragung von Kapital über zeitliche und räumliche Distanzen ist eine grundlegende Aufgabe eines Finanzsystems (transferring resources across time and space).
  2. Losgrößentransformation (pooling resources and subdividing shares): Aggregation des auf viele Individuen verteilten Kapitalangebots für die Finanzierung von Unternehmen.
  3. Risikoallokation und –managment (managing risk): Diese Funktion umfasst die Risikoallokation durch Fristen- und Risikotransformation sowie durch Hedging, Risikohandel, Diversifikation und Versicherung.
  4. Informationsfunktion (providing information): Die Marktpreise von Finanztiteln sowie deren Entwicklung im Zeitablauf produzieren Informationen über Preise und Risiken von Vermögenswerten. Terminkurse explizieren die Erwartungen der Marktteilnehmer.
  5. Linderung von Anreizproblemen (dealing with incentive problems): Geeignete Finanzkontrakte sowie Screening, Signalling- und Monitoring-Aktivitäten verringern Informationsasymmetrien und lindern somit Anreizprobleme.

Problemlösungen durch Banken oder Markt

Finanzinstitutionen, wie Banken, Börsen, Makler, Beteiligungsgesellschaften oder Hedge-Funds haben insbesondere deswegen ihre Berechtigung, weil sie für alle fünf Problemkategorien Unterstützung anbieten und den Marktteilnehmern helfen, die Transaktionskosten für Vertragsabschlüsse zu senken. Bitz schreibt dazu:

“Es liegt daher in der Logik eines marktwirtschaftlichen Systems, dass in der Welt eines zunächst archaischen Finanzmarktes weitere Wirtschaftssubjekte auftreten, die sich – selbstverständlich ihren eigenen wirtschaftlichen Vorteil verfolgend – bereit halten, die potentiellen Geldgeber und -nehmer bei der Bewältigung der genannten Probleme zu unterstützen. Die Liste der in der heute real existierenden Finanzwelt anzutreffenden „Helfer“ dieser Art reichen von Finanzmaklern über Rating-Agenturen bis hin zu Kreditversicherern.”

Grundsätzlich bedarf es aber nicht zwingend einer Finanzinstitution, um die genannten Probleme zu lösen. So schreibt Andreas Trauten in einem Arbeitsbericht des Kompetenzzentrum Internetökonomie:

“Die grundlegenden Funktionen des Finanzsystems sind in allen Volkswirtschaften gleich und im Zeitablauf konstant, die Ausgestaltung und relative Bedeutung seiner Institutionen ist jedoch von Land zu Land verschieden und im Zeitablauf veränderlich. Insbesondere können bankbasierte und marktbasierte Finanzsysteme unterschieden werden. Erstere basieren stärker auf klassischen Kreditbanken („Commercial-Banks“), letztere stärker auf Kapitalmärkten in Verbindung mit Investmentbanken. Bankbasierte und marktbasierte Finanzsysteme stehen in Konkurrenz zueinander, da sowohl Kreditbanken als auch Märkte und Investmentbanken alle Aufgaben eines Finanzsystems übernehmen können.”

Dass die derzeitigen Institutionen an den Finanzmärkten nicht in Stein gemeißelt sind, zeigen derzeit die ersten zarten Pflänzchen im Banking 2.0. Gern genommenes Beispiel sind die Peer-to-Peer-Kreditmärkte, die netzgestützt direkt Kredite zwischen Anlegern und Kreditnehmern vermitteln (siehe dazu P2P-Kreditbörsen gut erklärt). Weitere hier in diesem Blog betrachte Dienstleister in Deutschland sind die Fidor-Bank, der Fondsanbieter Investtor, die Crowdsourcing Plattform Seedmatch und die Börsencomunity Sharewise.

Und gerade in dieser Woche hat Goldman Sachs, einer der Top-Vertreter des Banking 1.0, mit dem Erwerb von Facebook-Anteilen für sich selbst und Investoren ein weltweit auch im Finanzwesen beachtetes Schlaglicht auf die Social-Media-Branche geworfen. Interessant ist an der Transaktion in jedem Fall, dass sich erstmalig eine große Bank sehr ernsthaft für Social Media interessiert. Die klassische Finanzbranche hat bisher das Thema Banking 2.0 und die darin liegenden Potentiale konsequent ignoriert. Vielleicht führt dieser Ritterschlag durch eine Investmentbank für das Web 2.0 sogar dazu, dass sich mehr Institute mit den Geschäftsmöglichkeiten von Banking 2.0 befassen.

Im zweiten Teil geht es aber erst einmal um die ersten Thesen zur Kernfrage dieser Reihe, nämlich, warum sich die Banken bisher so schwer tun mit den neuen Möglichkeiten.

* Michael Bitz, Diskussionsbeitrag Nr. 389 der Fernuni Hagen, 2006: Banken als Einrichtungen zur Risikotransformation

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