Innovationenfreude im Finanzsektor? Fehlanzeige

by Dirk Elsner on 2. Mai 2011

Hansjörg Leichsenring hat kürzlich im Bank Blog zu Recht gefordert, “Banken müssen innovativer sein”, weil sie sich immer stärker vom Innovationszug, mit dem Verbraucher und Unternehmen Fahrt aufnehmen, abkoppeln. Leichsenring schreibt u.a.:

“Banken müssen dringend Fahrt aufnehmen und an Tempo zulegen, was die Prüfung, Einführung und Umsetzung von Innovationen anbelangt. Es mutet schon seltsam an, dass bei der Finovate Europa Anfang des Jahres außer Fidor keine andere deutsche Bank vertreten war.Glauben Banken tatsächlich, sie seien perfekt auf den Bedarf ihrer Kunden ausgerichtet und hätten Innovationen wie Persönliches Finanz Management oder die Integration sozialer Medien in ihre Geschäftsstrategie nicht nötig?”

Ich stimme Leichsenring uneingeschränkt zu. Allein, ich sehe in der Praxis, dass ein Ende der Behäbigkeit in der Finanzbranche nicht in Sicht ist. Als Innovation wird schon gefeiert, wenn man die Abgeltungsteuer in der IT richtig umgesetzt oder ein Short-Zertifikat auf den Goldpreis kreiert hat. Das Bedenklich ist, man kann heute mit kaum einem Banker (Ausnahme ist natürlich Matthias Kröner von Fidor) über die ungenutzten Potentiale der neuen Welt und den daraus resultierenden Marktchancen sprechen. Über Basel III und Fatca lässt sich fachsimpeln, aber versucht man es mit Banking 2.0, mobile Banking, erntet man häufig nur ein Schulterzucken.

Leichsenring weist auf die außerhalb des Finanzsektors wachsenden Zahlungsverkehr Ansätze hin und nennt als Beispiele Google Checkout, Facebook-Credits, Paypal oder flattr. Aber das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Entwicklungen, die bereits im Gange sind. Ein Blick auf die linke Seite der Mindmap Banking und Finance 2.0 zeigt die Entwicklungen, die sich im Finanzsektor abspielen. Interessant, dass die meisten Entwicklungen von Nichtbanken voran getrieben werden.

Nun muss man freilich auch fair sein. Es ist keineswegs so, dass kein Mitarbeiter in keiner Bank die neuen Entwicklungen zur Kenntnis nimmt und dort keine Chancen sieht. Aber die Hemmschwelle für größere Projekte ist unter den hochrangigen Entscheidungsträgern derzeit noch ausgesprochen hoch. Kaum jemand mag sich durch Experimente den Karriereweg verbauen. Warum mit Social Media experimentieren, wenn die Optimierung der Finanzierungsprozesse und die Einführung neuer Handelsstrategien im Investmentbanking viel schneller den Bonus erreichen lässt.

Gründe für die Behäbigkeit der Finanzbranche habe ich in einer Beitragsreihe ausführlich beleuchtet:

  1. Teil 1: Was ist Banking und welche Probleme soll es lösen
  2. Teil 2: Thesen 1 bis 5
  3. Teil 3: Thesen 6 bis 10 und Fazit

Die Finanzbranche nimmt offenbar noch unzureichend wahr, dass zunehmend die Generation 2.0 in die Wirtschaftspraxis drängt und dort immer mehr Entscheidungspositionen besetzt. Diesen sogenannten Kohorteneffekt sieht übrigens auch die Deutsche Bank in der Studie “Wie Unternehmen das Web 2.0 für sich nutzen”.  Die Generation Facebook ist mit dem Web aufgewachsen und nutzt die Instrumente, wie man früher Taschenrechner und Filofax (dies ist quasi doodle auf Papier) genutzt hat.

Ob Facebook eines Tages mit Banking 2.0 die Finanzbranche aufmischen wird, das Peer-2-Peer-Lending einen großen Teil der traditionellen Kreditvergabeprozesse substituiert oder sich neue 2.0-basierte Fondsansätze durchsetzen, ist heute nicht vorherzusehen. Fest steht aber, dass die Veränderungen längst begonnen haben und früher oder später die Finanzbranche verändern werden. Freilich können sich die etablierten Finanzhäuser über die intensive Regulierung der Finanzmärkte freuen. Ein gern mitgenommener Nebeneffekt der vielen Vorschriften ist nämlich, dass der Einstieg für Newcomer sehr schwer ist.

Ich lasse mich natürlich gern vom Gegenteil überzeugen und treffe vielleicht zu selten die Banker, die sich aktiv mit Neuerungen befassen. Zu dominierend scheinen die klassischen Strategen, die sich etwa so behäbig bewegen, wie der Beitrag «Neue Strategien gefordert» in finews dies fordert. Er fordert neue Strategien und hält sich dann mit so vielen Allgemeinplätzen und Selbstverständlichkeiten in einer Weise auf, dass man nach der Lektüre keine Lust mehr hat, sich mit Inhalten zu beschäftigen.

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