Erhöht Goldman Sachs Facebook-Deal das Interesse für Banking 2.0?

by Dirk Elsner on 7. Februar 2011

Der Coup der Investment Bank Goldman Sachs, Anteile von Facebook im Wert von 1,5 Mrd. US$ für sich und die eigenen Kunden zu erwerben  bzw. zu platzieren, sorgte für große Aufmerksamkeit in der Finanzwelt. Dass dies ausgerechnet der öffentlich am stärksten beneideten und angefeindeten Investmentbank gelingt, dürfen die Goldmänner als Pluspunkt für sich verbuchen.

Zwar handelt es sich hier “nur” um ein Investment, über deren Wert noch weiter heftig gestritten werden wird (im Zweifel zwischen Egghat und dem Blick Log). Dennoch, diese Transaktion erhöht die Aufmerksamkeit der Finanzbranche für Social Media und wirft einen Scheinwerfer auf das eher zähe Thema Banking 2.0. Plötzlich interessieren sich nämlich klassische Banker für die daraus resultierenden Chancen. Ich merke das auch daran, dass ich jetzt häufiger aus dem Finanzbereich auf Social Media und die Potentiale zum Banking 2.0 angesprochen werde.

Goldman Sachs will natürlich erst einmal mit dieser Transaktion Geld verdienen. Den Goldmännern ist es dabei egal, ob sie für Kunden, wie John Paulson, CDO´s zusammen setzen oder Börsengänge für Internetaufsteiger vorbereiten. Und es ist kaum anzunehmen, dass Goldman Sachs das Thema Social Media soweit treibt, dass auf der eigenen Facebook Seite künftig freimütig über Investments geplaudert wird.

Aber möglicherweise haben die Männer von Goldman tatsächlich einen Crash Kurs in Social Media gemacht und ihren Kindern über die Schulter auf Facebook oder Twitter geschaut. Während man in Gesprächen mit Bankern bisher auf ein Achselzucken stieß, wenn man über Chancen und Risiken von Banking 2.0 sprechen wollte, steigt jetzt nun zaghaft das Interesse. Suchte man früher auf der Bankseite eher Argumente, warum man sich nicht mit Social Banking befassen sollte, will man nun plötzlich mehr darüber wissen. Das ist eine erfreuliche Entwicklung.

Auf dem heutigen Finance Day der Hamburg School of Business Administration werde ich gefragt, was denn eigentlich Banking 2.0 überhaupt ist. Ein Konsens hat sich hier noch nicht gebildet. Während einige Mediaberater bereits von Banking 2.0 sprechen, wenn ein Haus sich auf Facebook präsentiert oder regelmäßig über Twitter informiert, müssen für andere Beobachter weitere Voraussetzungen erfüllt sein.

Bendig, Habschick und Evers haben etwa in einem Beitrag für die Bank formuliert:
“Das Web 2.0 hat den klassischen Social-Banking-Sektor neu belebt und in Teilen neu definiert. Trotz unterschiedlicher Herkunft und Entwicklung lassen sich drei Merkmale identifizieren, die für beide Kulturen hohe Relevanz haben:

  • individuelle, pragmatische und selbstorganisierte Herangehensweise,
  • zielgruppenspezifische Modelle,
  • hohe Transparenz über Leistungen und Gegenleistungen.”

Ein Kern der Banking 2.0-Philosophie liegt vor allem darin, die Kunden deutlich aktiver in die Leistungserbringung zu integrieren. Die Fidor Bank etwa bezieht ihre Kunden aktiv in die Produktentwicklung ein und diskutiert offen mit der Community neue Produktideen oder gar eigene Zinsveränderungen. Ein besonderes Merkmale der Web 2.0- oder Social-Media-Technologien ist neben der Nutzung neuer Webtechnologien daher vor allem eine erweiterte Philosophie im Umgang mit Kunden. Diese zeichnet sich durch offene und gleichberechtigte Kommunikation, hohe Transparenz über Leistungen und Gegenleistungen sowie Einbeziehung der Kunden in den Leistungsprozess aus.

Zumindest für das Retailgeschäft der Banken sind dies revolutionäre Gedanken. In einer Artikelserie hatte ich jüngst dargestellt, warum sich die Finanzbranche noch so schwer tut mit Banking 2.0. Ich hege nun die zarte Hoffnung, dass mehr Finanzhäuser über Potentiale und Anwendungsmöglichkeiten nachdenken.

Dabei wird interessant zu beobachten sein, ob die Finanzbranche Facebook, Twitter und Co. nur als weiteren Kommunikationskanal nutzen will, wie dies auf dem Finance Future Forum vergangenen Woche in Frankfurt thematisiert wurde oder sie mehr Kreativität entwickeln wird. Die Alternative ist tatsächlich die Produkt- und Leistungspalette auf Web-2.0-Tauglichkeit zu durchforsten oder gar neue Produkte zu entwickeln. Hier liegt nach meiner Einschätzung die größte Chance für die Häuser. Florian Semle und ich hatten im vergangenen Jahr in einem Beitrag die “Perspektiven und Potenziale” und in einem weiteren Beitrag “konkrete Schritte” aufgezeigt, die man gehen könnte, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Natürlich muss nicht jede Innovation im Finanzbereich dem Social Media Bereich zugerechnet werden. Aber die 2.0-Philosophie fokussiert die Fantasie und birgt viele Chancen für Finanzhäuser. Es ergeben sich faszinierende Anwendungsmöglichkeiten, die das Zeug haben, das Bankgeschäft in den nächsten Jahren zu revolutionieren. Hier einige Beispiele:

Daneben gibt es viele weitere Ideen, an denen sich derzeit kreative Startups versuchen und in Labors etablierter Institute nachgedacht wird. Klar, wie bei jeder Produktentwicklung wird sich nicht jede Idee durchsetzen. Und die Ideen, die sich durchsetzen, werden schnell adaptiert werden. So war dies schon immer im Bankgeschäft.

Für den Einstieg in das Banking 2.0 bietet sich das Buch meines Blogkollegen Lothar Lochmaier “Die Bank sind wir”. Lothar Lochmaier betreibt außerdem den Blog Social Banking 2.0 mit aktuellen Berichten zu den Entwicklungen im Finanzsektor. Ebenfalls zu den erstklassigen Blogs in diesem Segment gehört Finance 2.0 von Boris Janek. Der Blick Log befasst sich ebenfalls in regelmäßigen Abständen mit Banking 2.0 und hat auf der Seite “Trends im Banking 2.0 und Social Media” Links auf viele ausgewählte Artikel zu dem Thema zusammen gestellt.

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