Das Tender-Fest der EZB: Wird die Billion geknackt?

by Dirk Elsner on 28. Februar 2012

Morgen ist wieder Tender-Zeit bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Heute dürfen die Banken der Eurozone ihre langen Wunschzettel bei der Europäischen Zentralbank einreichen und morgen bekommen sie ihre Wünsche im beliebigen Umfang erfüllt. Ein Traum für die ohnehin durch zahlreiche Hilfspakete gut gepolsterte Finanzbranche in Europa.

Zum offiziellen Hintergrund: Die weitere Zuspitzung der Krise veranlasste bekanntlich den EZB-Rat im Dezember, erstmalig Zentralbankliquidität in zwei Geschäften für die Dauer von drei Jahren zur Verfügung zu stellen. Die Geschäfte, so informierte die Bundesbank in ihrem jüngsten Monatsbericht, werden als Mengentender mit Vollzuteilung und zinsindexiert ausgeschrieben. Das bedeutet, die Banken zahlen nicht einen im Voraus bekannten Zinssatz, sondern ihnen wird bei Fälligkeit der Transaktion der sich über die Laufzeit ergebende durchschnittliche Leitzins in Rechnung gestellt, derzeit 1%. Mehr zum Tender in diesem Erklärwerk des Deutschlandfunks.

Das erste Dreijahresgeschäft wurde am 21. Dezember 2011 durchgeführt (und ersetzte damit den im Oktober angekündigten 13-Monatstender). Mit 489,2 Mrd € erreichte die Zuteilungssumme für dieses Geschäft ein Rekordniveau. In diesem Betrag sind
aber auch 45,7 Mrd € enthalten, die aus dem im Oktober zugeteilten 12-Monatsgeschäft umgeschichtet wurden. Im Dezember sollen gut 500 europäische Finanzhäuser zugegriffen haben, darunter, so berichtete das Handelsblatt, die Commerzbank-Tochter Eurohypo, die IKB und die Postbank Tochter BHW.

Banken profitieren, wenn sie das billige EZB-Geld in höher verzinste Staatsanleihen beispielsweise aus Italien oder Spanien investieren. Alleine die Banken dieser beiden Staaten könnten ihre Gewinne aus dem "free lunch" in diesem Jahr um zehn Prozent steigern, schätzen die vom Handelsblatt zitierten Analysten der US-Bank Morgan Stanley (siehe zu der Free Lunch Thematik auch Bloomberg “Draghi’s $158 Billion Free Lunch for European Banks Seen Boosting Profits”).

Ich hatte hier bereits in zwei Beiträgen über mögliche negative Wirkungen und den Subventionscharakters der Tender geschrieben:

Für die Treasurer in den Banken sind diese Tender dennoch ein Fest. In vielen Instituten ist man angesichts der immer noch angespannten Lage auf dem Refinanzierungsmarkt für Banken mittlerweile hoch erfreut, über diese Angebot der EZB. In den Häusern werden seit Wochen die Sicherheiten zusammen gekratzt, die man bei der EZB einreichen kann. Der Umfang der Inanspruchnahme wird nämlich dadurch begrenzt, dass die Banken nicht ausreichend Sicherheiten hinterlegen können. Um den Banken dies noch zu erleichtern, hat die EZB vor drei Wochen den jeweiligen Zentralbanken der Eurogruppe gestattet, die Regeln für die Collaterals (so heißen die Sicherheiten unter Fachleuten) zu lockern (eine ausgezeichnete Übersicht der gelockerten Regeln gibt es von FTAlphaville in “Those haircut-heavy credit claims”). Laut Wall Street Journal sollen dazu bis zu 200 Mrd. Euro zusätzliche Mittel aufgenommen werden können. Einige Länder haben davon Gebrauch gemacht, die Bundesbank übrigens nicht.

Niemand kann wirklich genau sagen, in welchem Umfang der Tender in Anspruch genommen wird, Banken halten sich traditionell im Vorfeld solcher Aktion bedeckt. Ich rechne damit, dass die Inanspruchnahme höher als im Dezember ausfallen wird, jedoch die Billion nicht überschreitet. Die UBS hat auf Basis einer Umfrage folgende Erwartungen zusammen gestellt (via FTAlphaville):

In der Verteilungsansicht sieht das so aus:

Ich lege mich mal fest auf die Klasse zwischen 750 und 1.000 Mrd. Euro. Es gibt aber auch plausible Stimmen, die mit einer niedrigeren Inanspruchnahme rechnen, z.B. weil die Liquiditätsausstattung der Banken vollkommen ausreichend ist. FTAlphaville hat dazu die folgende Grafik aus einer Untersuchung von Nomura über “unproduktive Liquidität” veröffentlicht:

 

Institute, wie die Deutsche Bank, haben sich beim ersten Tender zurück gehalten, weil sie durch eine übermäßige Inanspruchnahme kein negatives Signal an die “Märkte” senden wollte. Aus Sicht von Hermann-Josef Lamberti, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, steigt aber der Druck auf Banken, sich das billige Geld zu holen. Die Webseite Der Westen zitiert ihn: "Der Druck wird eher zunehmen, sich daran zu beteiligen, nicht nur, weil die Konditionen so exorbitant gut sind", sondern auch, um "Gleichheit herzustellen", sagte Lamberti am Mittwoch in Frankfurt am Main.

Ich bin übrigens kein Freund dieser Giga-Tender. Erstens gefällt mir dieser verdeckte Subventionseffekt nicht. Dieser mindert die Anreize für die Institute, sich am Markt zu refinanzieren und sich dafür entsprechend aufzustellen. Außerdem befürchte ich, dass in Erwartung des Doppeltenders und der daraus resultierenden Anreizstruktur zunächst die Kreditvergabe an den Privatsektor in einigen Eurokrisenländern gelitten hat. Die Banken bunkerten nach dem ersten Tender lieber Staatsanleihen, die sie mit dem EZB-Geld kauften, kassieren daraus eine Marge und haben für den nächsten Tender wieder ausreichend Sicherheiten, um sich erneut mit dreijährigen EZB-Geld zu versorgen (gute Zusammenfassung meiner Gedanken bei egghat und siehe auch FTD Wirtschaftswunder “Italienische Beklemmungen – eine Krisenschau in sieben Charts”).

Ich denke, in den nächsten Tagen und Wochen werden wir noch mehr lesen über die mittel- bis langfristigen Wirkungen des Tenders. Und spätestens im Dezember 2014 könnte der Tender nämlich wieder Thema werden, denn dann werden die ersten 489,2 Mrd. Euro fällig. Banken und Märkte hegen wohl die Hoffnung, die Krise sei dann überwunden.

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