Ist Fairness nur für Muppets (Teil 5)? Elite demontiert sich selbst

by Dirk Elsner on 29. April 2013

Diese Serie habe ich mit dem Zitat von Ralf Dahrendorf eingeleitet In einer Gesellschaft, in der es keine Regeln gibt, an die sich die Menschen halten können oder wollen, ist auch Fortschritt nicht mehr möglich.”  Die aktuelle Debatte in Deutschland unterstreicht die Bedeutung dieses Satzes, beantwortet aber auch zentrale Fragen zur Bedeutung von Eliten.

Dollarman Thumbs His Nose

Dollarman Thumbs His Nose (Jared Rodriguez / Truthout via Flickr)

Ich habe den 4. Teil dieser Reihe beendet mit einem Zitat von Bastian Obermayer zu Offshore-Leaks und den durch diese Offenlegung erzeugten politischen und gesellschaftlichen Druck. In seinem Text zeigt er auf ein kritisches Thema, das ein Kern des Muppets-Problems darstellt:[1]

“`Was legal ist, muss auch legitim sein´… Ein Satz, der bei derzeitiger Lage falsch klingt. Zu viele Schlupflöcher erlauben es, zum Schaden der Allgemeinheit Steuerbelastungen zu minimieren, und diese Tricks möchte man nur ungerne als legitim bezeichnen. Aber: Tatsächlich sollte als legitim gelten, was legal ist.”

Man kann es auch so ausdrücken. Teile der “technokratischen Elite” haben Regeln geschaffen, die einige Mitglieder dazu nutzen, sich wie die Stauschummler im ersten Teil legal an der Verantwortung für die Gesellschaft vorbeizumogeln.

Technokratische Elite verstärkt die “Ungerechtigkeit”

 

Der Begriff der Ungerechtigkeit wird recht unterschiedlich verwendet. “Gerechtigkeit ist keine objektive, messbare Größe,” las man im Editorial der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte[2]. “Was gerecht ist und was nicht, liegt im Auge des Betrachters bzw. an den Maßstäben, die er oder sie anlegt. Ist also die erbrachte Leistung die entscheidende Kategorie oder der Bedarf? Selbst hierauf werden Viele antworten: „Je nachdem“. Allein aber die unmittelbare Erfahrung aus der Finanzkrise der letzten fünf Krisenjahre, hat vielen Menschen bewusst gemacht, dass die “technokratische Elite” in Wirtschaft und Politik ganz offensichtlich gerade nicht zu den besten Leistungsträgern gehört, sondern sich vorwiegend persönlich optimiert.

Die nun immer detaillierter bekannt werdenden Auswüchse derjenigen, die die Krise befördert und (mit-)verursachst haben[3], aber auch das Verhalten vieler weiterer Menschen untermauert die These, dass sich viele Personen, Unternehmen oder Staaten in nie erreichtem Ausmaß Vorteile zu Lasten der sich fair verhaltenen Gemeinschaft verschaffen. Dies geht einher mit der Feststellung, dass die Vermögen immer “ungleicher” verteilt sind[4]. Diese Ungleichverteilung wird in einem umso höheren Ausmaß als ungerecht empfunden, je mehr Auswüchse persönlicher Vorteilsnamen bekannt werden. Dies lässt früher oder später den gesellschaftlichen Konsens brüchig werden.

“Spürt die bürgerliche Mitte”, so Michael Inacker in einem Essay für das Handelsblatt[5], “einer Gesellschaft Ungerechtigkeit, so hat dies aufgrund der stärkeren Multiplikatorenwirkung dieser Gruppe auch stärkere Folgen für das Meinungsklima. Ungleichheit kann und wird ertragen. Gerade in einer offenen Gesellschaft. Es gibt aber, so Bude, „Grenzen ertragbarer Ungleichheit, die nur um den Preis latenter Rebellion oder Resignation überschritten werden dürfen: nämlich dann, wenn Luxus, Macht und Wissen bei einigen wenigen konzentriert sind“ und sich alle anderen mit dem Standard zufrieden geben müssten. Das Risiko, so der Wissenschaftler: „Ein Tropfen aus heiterem Himmel kann unter solchen Bedingungen das Fass zum Überlaufen bringen.“ Als Beispiele für die überlaufenden Tropfen aus der jüngeren Geschichte können die Aufstände des arabischen Frühlings dienen.

Eliten demontieren sich selbst

 

Die Stauschummler der Gesellschaft profitieren auch von ihrem privilegierten Informationszugang und davon, dass sie Entscheidungen mit beeinflussen können. Die Schlagworte “too big to fail” oder “Alternativlosigkeit” sind Wortschöpfungen, mit denen mehr oder weniger versteckt politischer Handlungsdruck ausgeübt wird. Jüngste Belege lieferten gerade Teile der die zyprische Elite, die offenbar vor der Schließung der Banken Mitte März ihren Informationsvorsprung nutzen und Gelder ins Ausland schafften[6].

Teile der “Elite” demontieren sich derzeit in kaum noch fassbarer Taktfrequenz selbst. Egal ob Politiker, Fußball- oder Unternehmensmanager. Sie entmystifizieren den einst als Auszeichnung verstandenen Begriff.

Eigentlich, so will es die viel erzählte Legende vermitteln, sollen “Eliten” Vorbildfunktionen erfüllen und Risiken nicht nur für sich sondern auch zum Wohle der Gesellschaft eingehen, neue Wege suchen und gehen und auch die Gesellschaft mitreißen können. Diese Ansprüche werden zugespitzt mit der Maxime von Kant: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.” Dies hat sich in den letzten Jahren fundamental geändert. Kein Mitglied der Elite kann wollen, dass sich alle Menschen so verhalten, wie sie. Ähnlich wie bei den Stauschummlern würden ihre Vorteile sofort verschwinden.

Mär von der Leistungselite

 

Es gibt daneben übrigens auch keine Nachweise dafür, dass die “technokratische Elite” allein aus Leistungsgründen, wie es neoklassische Modelle nahelegen würden, an der Spitze stehen. Der Soziologe “Michael Hartmann vertritt die These, dass der Diskussion um die Leistungseliten in erster Linie die Aufgabe zufällt, eine Art Sozialdarwinismus und damit Ungleichheiten in der Gesellschaft zu rechtfertigen. Die dahinter stehende Botschaft lautet: GewinnerInnen und VerliererInnen sind naturgegeben. Wer es nicht schafft, ist selber schuld daran. Es könne nicht Aufgabe eines modernen Staates sein, „ModernisierungsverliererInnen“ sozial zu betreuen, viel wichtiger sei der Aufbau von Leistungseliten.”[7]

Wesentlich näher an der Lebenswirklichkeit scheinen da andere Erkenntnisse. Wer in Vorstände und Geschäftsführungen großer Unternehmen gekommen ist, der müsse, so die Eliteforschung, vor allem eines besitzen: habituelle Ähnlichkeit mit den Personen, die sich dort bereits befinden. Das Selbstverständnis der Topmanager, dass sie den Platz in der Chefetage nur ihrer eigenen Leistung zu verdanken haben, entpuppt sich ohnehin als Mythos”, schrieb Ulf Tödter in seinem Buch Erfolgsfaktor Menschenkenntnis: „Als viel entscheidender stellte sich heraus, dass Verantwortliche und Bewerber über „die gleiche Wellenlänge” verfügen, dass „die Chemie” offenbar stimmt. Soziologen nennen diesen Bewerbungsvorteil „habituelle Ähnlichkeit” mit den Personen, die schon in den Führungspositionen sitzen.” Man kann es auch vulgärer ausdrücken: Neben gewissen fachlichen Mindestqualifikationen und –erfahrungen, muss man die ordentliche Selbstvermarktung beherrschen und zum richtigen Zeitpunkt von den richtigen Leute protegiert werden. Fachliche Qualitäten oder gar Führungsfähigkeiten, im Sinne einer modernen Führungslehre, interessieren da nur am Rande[8].

Klar, Regelverstöße sind nicht allein auf elitäre Kreise beschränkt, sondern ziehen sich durch alle Bevölkerungsgruppen. Aber die Regelverstöße von Vorbildern und Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Sport haben in der Regel deutlich weitreichender Auswirkungen, als die Alltagsschummelei, die aber damit nicht gerechtfertigt werden soll.

Bis zur Grenze rechtlicher Normen

 

Insbesondere auf den in diesem Blog viel beobachteten Finanzmärkten tummeln sich viele Spieler, die oft an der Grenze rechtlicher Normen arbeiten und so für Umverteilung sorgen. So arbeiten etwa findige Hedgefonds-Manager nach eigener Sichtweise diesseits der Fairnessgrenze. Sie nutzen etwa über Informationsvorsprünge “legale” Möglichkeiten bis zum letzten Cent für sich und ihre Kunden aus. Tatsächlich kann man fragen, ob es unfair ist, wenn ein risikobereiter Hedgefonds griechische Anleihen kauft, auf EU-Rettung spekuliert und dann hohe Gewinne erzielt[9].

Für regelkonform (aber nicht unbedingt für fair) wird es auch gehalten, wenn Finanzprofis anderen Finanzrofis toxische Papiere verkaufen, wobei die professionellen Käufer hier zu Muppets gemacht werden. Deutlich jenseits der Legalität und Legitimität sind aber die Fälle, in denen vorsätzlich Informationen verschleiert (Anlagebetrug wie im Betrugsfall Madoff), Märkte manipuliert (LIBOR-Skandal) oder Marktteilnehmer in anderer Weise vorsätzlich geschädigt werden, um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen. Fast schon kleinkariert wirkt dagegen der Streit, um Angehörigen-Anstellungsverträge im Bayerischen Landtag.

Nun könnte man vorgenannte Aussagen diskreditieren, in dem man einfach auf den Neidreflex verweist. Um so interessanter ist, dass ausgerechnet ein mittlerweile ebenfalls entmystifizierter “Starmanager” der 80er und 90 Jahre, nämlich Edzard Reuter (Kurzbio hier in der Wikipedia), genau diese Aussagen von Ulf Tödter bestätigt hat. Reuter war von 1987 bis 1995 Vorstandsvorsitzender derDaimler-Benz AG und wichtiger Teil der “Deutschland AG”, einem Netzwerk von Verflechtungen zwischen großen Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen. In einem Interview mit demZeit Magazin (Nr. 31, S. 46) sagte er 2010:

“Die Führungsschichten der Wirtschaft rekrutieren sich immer selbst. Man greift lieber auf denjenigen zu, von dem man meint, sicher sein zu können, dass er so ist wie man selber. Da weiß man, der fällt nicht aus der Rolle und schlägt keine krummen Wege ein.”

Und in der FAZ legte er nach. Unter der Überschrift „Wer heucheln kann, ist schon ein gemachter Mann“ liest man ein Interview, das einen zwiespältiges Bauchgefühl hinterlässt, weil seine Äußerungen eher nach persönlicher Abrechnung klingen als nach einer fundierten Kritik. Schade, so vergibt er die Chance, den Top-Etagen eine neue Richtung zu weisen.

Weiter geht es

Letztlich geht es um die Muppetisierung breiter Gesellschaftsschichten durch eine kleine unkooperative Gruppe. Das moralisierende Gutmenschentum und stets neue Empörungswellen scheinen keinen wirklichen Weg aus diesem Dilemma zu zeigen. Da wo es Gelegenheiten gibt, wird es wohl immer Personen geben, die diese Gelegenheiten für sich nutzen.

Aber vielleicht hilft uns ein besonderes Dilemma, nämlich das Gefangenendilemma dies besser zu verstehen. Dazu mehr im sechsten Beitrag dieser Reihe, der nach meinem Urlaub erscheint.


[1] Bastian Obermayer, Offshore-Leaks Wenn der Vorhang fällt, Süddeutsche Online am 13.4.2013.

[2] Ausgabe 47/2009, Soziale Gerechtigkeit.

[3] Weitere Beispiele liefern Politiker in Zypern, die von den Banken, die das Land an den wirtschaftlichen Abgrund führten, Millionen geschenkt bekommen haben sollen. Daneben werden mittlerweile einige Unternehmen verdächtigt, von Insiderinformationen profitiert und rechtzeitig vor der Schließung der Banken hohe Summen ins Ausland geschafft zu haben.

[4] Vgl. dazu Pressenotiz der Bundesbank v. 21.3.2013 „Private Haushalte und ihre Finanzen“ – Ergebnisse der Panelstudie zu Vermögensstruktur und Vermögensverteilung” und die dort verlinkten Studien.

[5] Die Gerechtigkeitsfrage, in: Handelsblatt v. 22.3., S. 50

[6] Vgl. dazu Herbert Walter, Undemokratische Klassengesellschaft, in: Handelsblatt Online v. 23.4.2013. Zyperns Präsident will diese Transfers jetzt untersuchen, die der Europäischen Zentralbank aufgefallen waren.

[7] GBW-wient.at, Die Mär der Leistungseliten: Nicht alle können es schaffen, selbst wenn sie wollen, v. 3.7.2006

[8] Andere Untersuchungen legen die Einschätzung nahe, dass die politische Elite sozial am durchlässigsten und die Wirtschaftselite am geschlossensten ist. Vgl dazu “Eliten in Deutschland

[8]Rekrutierungswege und Karrierepfade”.

[9] Hier gibt es Sichtweisen, die meinen, damit würde der Fonds für sich einen Vorteil aus der Notlage eines anderen ziehen. Andere sagen, wenn diese Spekulanten nicht gekauft hätten, dann wären die Preise für griechische Anleihen noch weiter abgestürzt, was die Rettung noch teurer gemacht hätte.

Stoertebeker Mai 1, 2013 um 12:43

Ich bin unzufrieden mit Ihrem Beitrag. Er scheint mir nämlich zumindest an einer Stelle unnötig unpräzise.

Gerechtigkeit ist mitnichten eine rein subjektive Angelegenheit. Es gibt wenigstens zwei theoretisch gut fundierte Ansätze um Gerechtigkeit aus der reinen Subjektivität zu befreien: den Rawlsschen (der allerdings sehr auf die Makro- und Verteilungsebene konzentriert ist) und den klassisch liberalen.

Im klassisch-liberalen werden für die meisten Probleme, die Sie in Ihrem Beitrag aufwerfen, klare Handlungsanweisungen gegeben. Letztlich läuft’s darauf hinaus, dass Betrug – definiert als Täuschung vernünftiger Erwartungen – die kleine Schwester der Gewalt ist und ordentlich bestraft gehört. Dazu benötigt man allerdings nicht mal neue Gesetze. Sondern nur eine konsequente Anwendung dieser Regel.

Sie bestraft den Taxifahrerumweg genau so wie denjenigen, der seinem nichtsahnenden Kunden wider besseren Wissens eine marode Finanzanlage als Nonplusultra verkauft. (Verwischt wird die Grenze im zweiten Fall da, wo der Kunde selbst ein hochbezahlter Bankmanager ist. Wer als solcher Subprime-Papiere in rohen Mengen einkaufte, wird verdientermaßen als Muppet behandelt.)

Da, wo die Grenzen zwischen Betrug und noch just legitimer Vorteilsnahme verschwimmen, regelt’s im Zweifel der Markt – wenn man ihn denn lässt. In diesem Sinne finde ich Ihren Beitrag dann doch hilfreich: Denn die Entzauberung der Glitzerwelt korrupter Eliten leistet einen Beitrag dazu, dass Menschen sich nicht blenden lassen.

Dirk Elsner Mai 1, 2013 um 22:07

@Stoertebecker
Ich habe in der Tat überlegt, ob ich in diese Beitragsreihe noch einen Exkurs über verschiedene Gerechtigkeitsansätze einbaue. Das hätte aber bei weitem das Ausmaß gesprengt. Es gibt diverse Ansätze, die man hätte beleuchten können. Und es gibt massive Kritik an am Rawlschen Ansatz. Ihr Ansatz, dass es klare Lösungen geben soll, existiert nur in der Theorie einer ideal klassisch-liberalen Welt, die aber nirgends zu erkennen ist. Der Markt regelt es nicht. Andererseits kenne ich kein Koordinationssystem, dass es besser regeln könnte. Schärfere Gesetze halte ich ebenfalls nicht für die richtige Lösung.

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