Unfug der Anlageschützer: Nur Unternehmen mit Gewinnen an die Börse bringen

by Dirk Elsner on 17. Oktober 2014

Das Thema Kapitalanlage und Risikobereitschaft gehört zu den Dauerthemen hier in dem Blog. Dazu haben wir* hier immer wieder das gestörte Risikoverständnis der Deutschen zu Kapitalanlagen thematisiert. Aus welchen Gründen auch immer scheint in der Anlage-DNA vieler (zum Glück nicht aller) Köpfe verankert zu sein, dass Kapitalanlage ohne Risiko sein muss. Sollte es daher trotz hoher Verzinsung zu einer Schieflage (wie etwa im Fall Prokon) kommen, wird sofort nach dem Staat gerufen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, nämlich, dass man mit riskanten (und daher höher verzinsten) Anlagen auch Verluste einfahren kann.

image  Bild: Dürfen Bulle und Bär an der Börse nur unter Schutz toben?

In Deutschland hält sich hartnäckig der Mythos von der risikofreien Kapitalanlage und dem Homo Oeconomicus, der vollkommen informiert ist und perfekt in die Zukunft sehen kann. Jede große Pleite ist daher ein Drama, das als vermeidbar angesehen wird, wenn nur der Staat vorher richtig drauf geschaut hätte. Der Gesetzgeber soll also seine schützende Hand über das sparende Volk halten. Es weiß ja angeblich nicht, was es tut, wenn es Geld anlegt. Dass dieser Elternreflex des Staates möglicherweise es gerade fördert, dass Anleger sich keine Gedanken über die Risiken machen, ist dabei eine andere Frage. Die Geisteshaltung hinter dem Alarmismus in Deutschland fasste Michael Schulte einmal gut in seinem Blog zusammen:

“Risiko ist schlecht und muss verboten werden! Der Bürger muss vor sich selber geschützt werden! Der liebe Staat weiss schon, was gut für Dich Bürger ist! “

Und genau diese Geisteshaltung wird ausgerechnet von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) vertreten, wie in dieser Woche auf FAZ-Online zu lesen war. Klaus Nieding, der Vizepräsident des DSW, empfindet die Börsengänge von Zalando und Rocket Internet als “Schlag für die Börsenkultur”. Die FAZ zitiert: “Gerade hätten die Leute neues Vertrauen gefasst und würden nun durch die Internet-Börsenneulinge wieder abgeschreckt. Nieding schloss sich deshalb der Forderung an, nur noch Unternehmen an die Börse zu lassen, die nachhaltig Gewinne machen.”

Ich finde es natürlich völlig richtig, auf die besonderen Risiken der beiden Börsenkandidaten hinzuweisen. Tatsächlich sind ihre Aktien nach dem Börsendebüt spektakulär eingebrochen, haben sich aber von ihren Tiefstkursen wieder erholt. Aber nun zu verlangen, dass nur Unternehmen an die Börse dürften, die nachhaltig Gewinne machen, wäre eine Entmündigung eines jeden Investors und Anlegers. Warum nicht gleich fordern, dass Aktienkurse nur steigen und nicht fallen dürfen? Wir hätten uns dann den jüngsten Kursrutsch an den Weltbörsen gespart. Vor allem hätte ich aber gern gewusst, nach welcher Bilanzierungsmethode hier denn der Gewinn ausgewiesen werden soll. Wir wissen doch, dass je ja nach Verfahren die Erfolge vollkommen unterschiedlich ausfallen können, wie dies etwa hier Rüdiger Jungbluth am Beispiel der Commerzbank skizziert.

Sogar der Ökonom und Fondsmanager Max Otte fordert laut Spiegel Online nach diesem Debakel die zum Eingreifen auf: „Der Gesetzgeber muss die Anleger schützen.”

Genau der Gesetzgeber muss dafür sorgen, dass Anleger hohe Gewinne und Zinsen erzielen können, dafür aber in jedem Fall vom Risiko freigehalten werden. In welche Anlagewelt leben diese Leute?

Aus meiner Sicht hat es der Gesetzgeber ohnehin bereits mit dem Anlegerschutz übertrieben. Schon jetzt reagieren viele Anleger genervt auf die Beratungsprotokolle. Die neue europäische Regulierung MiFID II, die noch gar nicht umgesetzt ist, potenziert außerdem noch einmal den Anlegerschutz. Die Konsequenzen werden wohl erst ab 2017 bewusst werden, wenn Banken und Vermögensverwaltern Anlageberatung für den deutschen Durchschnittskunden zu riskant und zu teuer wird. Dann wird sich für die Masse der Kapitalanleger nur noch die standardisierte Beratung über Anlageroboter lohnen. Daneben wird es für Unternehmen, die sich Kapital beschaffen wollen, immer schwieriger und teurer, diesen Weg der Unternehmensfinanzierung zu gehen. Die Kehrseiten und Zweit- und Drittwirkungen der immer strenger werdenden Regulierung werden einfach nicht mitgedacht.

Im Sommer schrieben Andreas Kißler und Stephan Dörner darüber, wie neue und durch den Fall Prokon inspirierte Regeln zum Kapitalanlegerschutz, das noch zarte Pflänzchen des Crowdfundings gefährden könnten. Bereits jetzt ist es für Unternehmen über Crowdfunding nicht einfach, den restriktiven Vorschriften zu entsprechen, weil es hier auch um das Angebot und den Vertrieb von Finanzanlagen geht (siehe dazu auch meine Kolumne für das Wall Street Journal “Erwürgt die Regulierung den Bankenwandel?”.

Ich halte rein gar nichts von den Forderungen von Otte und Nieding. Ich schrieb in der oben verlinkten Kolumne: Finanzmarktregulierung wirkt wie ein Staudamm. Sie soll Schäden verhindern und die Versorgung sichern. Aber längst nicht immer sind Staudämme gut für die Umwelt. Sie zerstören auch Lebensräume und verhindern Wachstum an trocken gelegten Stellen. Und wenn die Dämme porös werden oder in die falschen Hände geraten, dann können sie für ganz große Katastrophen sorgen. Im Finanzbereich sind in den letzten Jahren viele bis dahin stets als sicher angenommene Dämme gebrochen. Die Antwort darauf waren stets nicht weniger, sondern höhere Dämme, die angeblich stabiler sein sollen … bis zum nächsten Dammbruch.” Und genau dies würde auch passieren, wenn Anleger vor riskanten Aktien geschützt werden.

Ich halte also die Verbote für kompletten Unfug. Viel besser wäre es, die Investoren mehr für Risiken zu sensibilisieren. Das kann man zum Beispiel machen, in dem man eine Risikosimulation vorstellt, wie ich das für Alibaba gemacht habe oder einfach den Muppet-Faktor ermittelt, wie ich das einst für die Facebook-Aktie gemacht habe.

Aktionärschützer sollten sich nicht für die Vermeidung des Risikos stark machen, sondern viel mehr für eine aufgeklärte Risikokultur sorgen. An der mangelt es nämlich weiterhin in breiten Kreisen der Bevölkerung, Politik aber offenbar auch bei einigen “Experten”. Risikokultur setzt z.B. an bei der Professionalisierung und Standardisierung der Informationsbereitstellung. Hier besteht noch erheblicher Nachholbedarf. Qualität heißt dabei nicht, dass Investments, wie man in Deutschland oft glaubt, ohne Risiko sein müssen. Qualität heißt aber, dass die Risiken möglichst klar durch die Investoren erkannt werden können.


*Mit wir meine ich vor allem auch die Beiträge von Karl-Heinz Thielmann und mir zum Thema Risiko und Anlage:

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