Ist Fairness nur für Muppets (Teil 3): Markt und Macht

by Dirk Elsner on 2. April 2013

Der zweite Teil dieser Serie ist schon etwas her. Die Fortsetzung ist längst überfällig. Ich habe da möglicherweise ein zu düsteres Bild unserer Wirtschaftsordnung gezeichnet und behauptet, dass insbesondere die durch die Neoklassik begründeten Spielregeln in der Wirtschaftspraxis denen dienen, die andere “regelkonform” über den Tisch ziehen wollen. Im ersten Teil dieser Reihe hatte ich bereits geschrieben, dass das Verständnis von “Fairness” in der Wirtschaftspraxis durch breite Graubereiche gekennzeichnet ist, deren Ränder unscharf sind. Zu diesen Unschärfebereichen könnte man zum Beispiel Berufskläger rechnen, die etwa Unternehmensorgane wegen formaler Fehler in Hauptversammlungen so sehr unter Druck setzen, dass sie daran zu Grunde gehen[1]. Andererseits gibt es auch unzählige Versuche von Unternehmen, ihre Aktionäre uninformiert zu lassen und sie mit rechtlicher Rechtfertigung von wesentlichen Einflussmöglichkeiten auszuschließen.

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Foto:  kochsf (Quelle: flickr/Truthout.org)

Über einen anderen grenzwertigen Fall hatte ich vor vier Jahren geschrieben. Da hatten nämlich einige Gläubiger des in Not geratenen Autokonzerns General Motors plötzlich ein Interesse an der Insolvenz des US-Autoriesen, weil sie sich selbst durch Kreditversicherung abgesichert hatten. Entsprechend hätten sie einen größeren Vorteil von der Pleite als durch einen verhandelten freiwilligen Forderungsverzicht. Würde man die täglich in Off- und Onlinemedien erscheinenden Beiträge über die großen und kleinen Tricksereien zu Büchern binden, würden man sicher schnell ganze Bibliotheken damit füllen können. Der Beitrag auf Manager Magazin Online “Wie Unternehmen ihre Kunden ausnehmen” ist daraus lediglich genau so eine Impression wie die Berichte über bewusste Halbarkeitsbegrenzungen von Produkten.

Ein Kern der jüngsten Kritik an unserer Wirtschaftsordnung trifft gerade die Marktteilnehmer, die sich in den letzten Jahren nicht an marktwirtschaftliche Prinzipien gehalten, sondern die Schwerkraft des Marktes ausgehebelt haben. Der Staat hat in den letzten Jahren oft genug seine Ordnungsaufgabe nicht erfüllt und hat die Marktmechanismen im Finanzbereich außer Kraft gesetzt.

Der Ökonom und Redakteur des Handelsblatt, Norbert Häring, hat in seinem in 2010 Jahr erschienen Buch “Markt und Macht” viele Fehlallokationen in der Wirtschaftspraxis durch Macht zusammen getragen und liefert in seinem Buch eine erstklassige Analyse mit viele anschaulichen Beispielen und umfangreichen wissenschaftlichen Nachweisen dafür (Leseprobe hier) vor.

In Anlehnung an den populären Slogan Wissen ist Macht, betrachtet Häring etwa “… das Weitergeben oder Zurückhalten von Information mit der Absicht, das Verhalten einer anderen Person zu beeinflussen, als Machtausübung. Die Anbieter von Finanzdienstleistungen haben diese Macht häufig und nutzen sie weidlich. Sie beraten Kunden, wie sie ihr Geld anlegen sollen. Wenn die Kunden dem Wissen und der Integrität der Berater vertrauen, haben diese Macht über die Kunden, die sie zum eigenen Vorteil nutzen können. Insider-Macht ist eine andere Variante der Macht aus größerem Wissen. Wenn eine Partei in einem Finanzmarktgeschäft einen unlauteren Wissensvorsprung hat, gibt ihr das die Macht, sich auf Kosten der Gegenpartei zu bereichern.

Macht ist auch die Kontrolle darüber, womit sich das politische System befasst, und zu beeinflussen, was dabei herauskommt.

Auf einer noch höheren Ebene gibt es auch die Macht, die Vorlieben und Ziele anderer Menschen zu beeinflussen, und deren Wahrnehmung dessen, was richtig oder angesagt ist. Kommerzielle Werbung und politische Werbung können diese Wirkung haben, ebenso wie die Medien und die Wissenschaften. Gerade die Wirtschaftswissenschaft ist in dieser Hinsicht eine sehr mächtige Wissenschaft.” (S. 5).

Häring arbeitet übrigens gut heraus, das Verteilungsaspekte in der Neoklassik keine Rolle spielen. Er schreibt: “Fairness ist kein Thema, weil die Menschen sich ja angeblich nur für die Maximierung ihrer eigenen Konsummöglichkeiten interessieren. Weil das Vergleichen der Intensität des ungedeckten Bedarfs oder der Wünsche verschiedener Menschen in der Mainstream-Ökonomie streng verboten ist, behilft sie sich oft mit der Annahme, dass alle gleich sind. Sie nennt diesen Trick »das repräsentative Wirtschaftssubjekt«. Natürlich verschwinden Macht- und Verteilungsaspekte, wenn jeder gleichzeitig auch jeder andere ist. Das ist offenkundig eine Schummelei.

Die Neoklassik ignoriert auch die in der Realität auftretende Ungleichverteilung der Ressourcen. Häring schreibt: “Die anfängliche Ressourcenausstattung und die aktuellen Präferenzen bestimmen das Ergebnis. Es gibt keine alternativen Gleichgewichte, von denen vielleicht eines (für eine bestimmte Gruppe) besser ist als das andere. Ließe man verschiedene Gleichgewichte zu, gäbe das denen, die beeinflussen können, welches davon erreicht wird, große Macht. Stattdessen bekommt jedes Modell genau ein Gleichgewicht verpasst, und alle Annahmen, die dafür nötig sind, damit dieses Gleichgewicht existiert, stabil und einzigartig ist, werden gewohnheitsmäßig getroffen und nicht weiter hinterfragt.”

Und ein weiteren Punkt kritisiert Häring an der Neoklassik, den ich ebenfalls für wesentlich halte für die Ungleichverteilung: die Annahme der vollständigen Information. Häring beruft sich dabei auf Stiglitz, der in einer Rede sagte, dass die Ignoranz der ungleich verteilten Informationen dazu diene, “unangenehme Fragen und Schlussfolgerungen über die Effizienz der Märkte zu vermeiden. Unvollkommene Information, insbesondere Information, die manche Leute haben und andere nicht, ist nämlich eine sehr wichtige Quelle für Marktunvollkommenheiten und für Macht. Informationsasymmetrien wegzudefinieren, trägt viel dazu bei, Macht unbemerkt aus der Ökonomie herausfallen zu lassen.” ( S. 6).

Macht hat viele Vorteile. Einer ist, dass die stärkere Position hilft, die eigene Position abzusichern und etwa weniger Rechtfertigungsdruck herrscht. Für die Wirtschaftspraxis relevanter ist allerdings die Beeinflussung von Entscheidungen durch Macht. Und hier kommt dem Finanzsektor eine große Bedeutung zu. Häring analysiert im 1. Kapitel die Besonderheit der Marktmacht im Finanzgewerbe. Die zeichnet sich nämlich durch zwei Besonderheiten aus:

  1. Durch privilegierten Zugang zu Insiderinformationen, nicht nur über das eigene Unternehmen, sondern über eine Vielzahl von Unternehmen, zu denen Banken Geschäftsbeziehungen unterhalten.[2]
  2. Die Kontrolle fremden Geldes, das Einleger den Instituten, Vermögensverwaltern oder Kapitalgesellschaften anvertrauen. Rechtlich ist das nämlich ab dem Zeitpunkt, ab dem es “auf der Bank” liegt, nicht mehr das Geld der Kunden, sondern gehört der Bank. Sie hat von ihren Kunden einen Kredit erhalten.

Beide Hebel eröffnen zumindest das Potenzial für opportunistische Ausbeutung[3]. Und insbesondere die Finanz- und Schuldenkrisen haben gezeigt, dass Finanzhäuser diese Macht auch zu ihren Gunsten einzusetzen wissen.

Aber es geht in Härings Buch nicht nur um die Finanzwelt, sondern auch um Monopole und Oligopole, die mit Marktmacht für Ungleichheit und Umverteilung sorgen. Häring gelingt es dabei die Mythen der Neoklassik zu knacken, die Verteilung eher als außerökonomisches Problem vernachlässigt. Er kritisiert, dass die einfache ökonomische Lehrbuchökonomie eine ganze Reihe wirtschaftspolitischer Empfehlungen hervorgebracht hat, die “gemeinhin als Ausfluss der ökonomischen Vernunft gelten.” Er räumt zwar ein, dass die wissenschaftliche Ökonomie wesentlich differenzierter ist und viel mehr Realismus zulassen. “Jedoch ist es das beschriebene Zerrbild, mit dem die weitaus meisten, die Ökonomie im Haupt- oder Nebenfach studieren, die Universität verlassen. Sie werden dann Wirtschaftspolitiker, Journalisten oder Verbandsfunktionäre und glauben, die Welt des vollkommenen Wettbewerbs sei zwar ein bisschen vereinfacht dargestellt, aber sie liefere im Großen und Ganzen robuste und verlässliche wirtschaftspolitische Empfehlungen.” Häring hält das für grundfalsch und zeigt in seinem Buch, dass Empfehlungen, die darauf aufbauen, allenfalls als Klientelpolitik taugen.

Damit schließt sich der Kreis zum 2. Teil dieser Reihe, nämlich, dass bestimmte Regeln es leichter machen, eine breite Mehrheit zu Muppets zu machen

Im nächsten und voraussichtlich letzten Teil wird es darum gehen, dass eine technokratische Funktionselite eher die Ungleichverteilung verstärkt.


[1] Siehe dazu Handelsblatt Print v. 25.2.13.

[2] Für Dritte jedenfalls nutzen Banken die Informationen nicht besonders effizient aus. So fasst Häring eine Studie zusammen nach der sich die Ertragskennzahlen und Börsenwerte nachweisbar verschlechtern, wenn dort Banker im Aufsichtsrat sitzen.

[3] Ich schreibe das ganz bewusst so, weil diese Vorteile noch lange nicht bedeuten, dass alle Finanzinstitute bzw. deren Mitarbeiter dies ausnutzen. Das Gegenteil ist eigentlich der Fall. Im Alltag erlebe ich einen äußerst verantwortungsvollen Umgang mit dieser Form der Macht.

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