Ökonomen und Medien als Beschleuniger des Abschwungs?

by dels on 22. März 2009

Prognosen können gefährlich sein, weil sie einen Abwärtstrend verschärfen können. Jetzt erhält diese These wieder einmal “amtlichen” Beistand. Nach Robert Shiller, der vor einigen Wochen schon gemutmaßt hat, dass das Gerede von einer Depression erst recht zu ihr hin führt, hat nun erneut Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), seine Kritik an der eigenen Zunft aber auch an den Medien erneuert.

Dabei formuliert Zimmermann dies im Handelsblatt nicht einmal anklagend:

“Mit der Zuspitzung der Finanzkrise, die durch den Wirtschaftsabschwung eingeleitet und durch den Zusammenbruch der Lehman Brothers eskalierte, stand ab dem Herbst 2008 die Welt am wirtschaftlichen Abgrund. Inzwischen bedroht der Abschwung in vielen Ländern in einer einzigartigen Weise Beschäftigung und Wohlstand.”

“Die Einzigartigkeit besteht zunächst in der synchronen Bewegung, in der sich das Problem über die Welt verteilt. Dies ist auch eine Folge der Globalisierung mit der Konsequenz der intensiven Vernetzung der Ökonomien und der Medien. Dazu trägt bei, dass sich Stimmungen und Erwartungen von Konsumenten und Investoren heute wegen der unmittelbaren internationalen Kommunikation direkt anpassen. Dazu gehört aber auch, dass durch die Medien Dramatik inszeniert wird, indem Negativmeldungen überzeichnet und Positivmeldungen schlicht ignoriert werden. So können sich Stimmungswellen rasch verbreiten und Handlungsschocks auslösen. Da der Kern allen Wirtschaftens wechselseitiges Vertrauen ist, reagiert das Marktsystem extrem sensibel auf Vertrauenskrisen.”

Zimmermann beschreibt hier richtig das Rennen um die düsterste Prognose, von denen man den Eindruck hat, Medien und Analysten freuen sich erst, wenn die Wirtschaft eines Tages stillsteht.  Insoweit darf man Medien zumindest als Beschleuniger des Wirtschaftsabschwungs vermuten. Fehlt eigentlich nur die Überlegung, warum die Medien sich so verhalten (Vermutungen dazu hier). Als Ökonom erliegt Zimmermann aber nicht medienkritischen Spekulationen, sondern zeigt die Wirkung der Berichterstattung auf:

“Diese psychologischen Wellen konvertieren bald zu realwirtschaftlichen Phänomenen: Aus Ängsten und schlechten Erwartungen werden fallende Investitionen und Konsumausgaben, aus binnenwirtschaftlichen Einbrüchen, hier zunächst in den von der Finanzkrise erfassten Staaten, vorneweg die Vereinigten Staaten und Großbritannien, dann in den exportorientierten Nationen, darunter China und Deutschland, die von der importierten Rezession erfasst werden. Der globale Schock erfasst so über die weltweite Vernetzung alle Ökonomien.”

Zimmermann gewährt den Lesern in der Folge einen Einblick in die Probleme wissenschaftlicher Prognosen und fasst diese zusammen:

“An manchen empirischen Phänomenen beißt sich der Prognostiker gar die Zähne aus: Aktien- und Wechselkurse gehören dazu. Sie gelten für den Wissenschaftler als faktisch unprognostizierbar. Das trifft auch in ruhigen Zeiten zu und schließt Erfolge etwa von Insidern nicht aus. Konjunkturprognosen kommen vom Schwierigkeitsgrad her in ihre Nähe. Sie erfreuen sich zudem einer sehr hohen öffentlichen Aufmerksamkeit. Zugegeben, Wissen und Prognosesicherheit ökonomischer Theorien und von Modellen für Konjunkturschwankungen sind begrenzt. Dies kontrastiert mit der großen Bedeutung, die die makroökonomische Entwicklung u.a. für die Geldbörsen von privaten Haushalten, Unternehmern und Finanzjongleuren hat. Konjunkturprognosen sind von ihrer Anlage her aber bedingte Wahrscheinlichkeitsaussagen. Sie können nur zufällig richtig sein. Dass sie, technisch gesehen, sich als „immer falsch“ erwiesen haben, braucht nicht zu überraschen. Dies ist zunächst einfacher Ausdruck dafür, dass die Ökonomie eine empirische Wissenschaft ist.”

Nach diesen und weiteren vorbereitenden Aussagen kommt Zimmermann zu seiner Kernthese:

“In Zeiten vermuteter großer Krisen oder bereits einsetzender schwerer Krisen können Prognosen brandgefährlich sein. Dies zeigte sich im Herbst letzten Jahres, wo die Medien aufkommende Krisensignale verzerrend negativ darstellten und positive Wirtschaftsmeldungen schlicht ignorierten. Das hat zu Mahnungen an die Presse geführt – vor und hinter den Kulissen. Wahrscheinlich hat der Prognoseabwärtswettlauf die Schwere und Länge der Wirtschaftskrise verschärft. Dass sich die Konjunktur in einem heftigen Abschwung befindet, ist nun klar. Die Dauer der Krise bleibt weiter spektakulär.

Der Beitrag von Zimmermann hat erwartungsgemäß schnell Kritik hervorgerufen, die das Handelsblatt in diesem Artikel zusammenfasst. So bemängelt IMK-Chef Horn, dass es keine wissenschaftlichen Belege für die Position Zimmermanns gäbe.

Persönlich denke ich, eine einseitige Schuldzuweisung an Volkswirte und Medien wäre zu kurz gesprungen. Die verschiedenen Facetten der Finanzkrise sind dafür zu komplex und noch weit davon entfernt, in vollem Ausmaß begriffen zu sein.

Aber die Krise ist derzeit eine Vertrauenskrise mit erheblichen unsicheren Zukunftserwartungen der Unternehmen und Menschen. Medien sollten hier Beiträge leisten, die Unsicherheiten zu reduzieren und aufzuklären, in dem sie z.B. Informationen ausgewogener und sachlicher transportieren und nicht jeden Kreditausfall zur Kernschmelze hochstilisieren. Wissenschaftler und Medien tragen eine hohe Verantwortung für einen kritischen Umgang mit Prognosen. Dazu gehört auch, der Krise den Beigeschmack der Katastrophe zu nehmen und positive Meldungen nicht zu unterdrücken.

Wer das Thema weiter vertiefen will. Der Blick Log hat auf dieser Seite verschiedene Beiträge zur Rolle der Medien und der Wissenschaft in der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise zusammengetragen.  Die Überblickseite zur Finanzkrise gibt es hier. Von dort führt auch ein Link auf die Mindmap der Finanzkrise, die einen laufenden Versuch darstellt, die verschiedenen Facetten (Ursachen und Wirkungen) auf einer Seite darzustellen.

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